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"Was uns an Euch stört": Fans des FC Bayern am ersten Spieltag. DFB-Präsident Reinhard Grindel goutiert, wie er sagt, konstruktive Kritik.
"Was uns an Euch stört": Fans des FC Bayern am ersten Spieltag. DFB-Präsident Reinhard Grindel goutiert, wie er sagt, konstruktive Kritik.(Foto: imago/Ulmer)
Freitag, 25. August 2017

Neuanfang mit alten Wunden: Warum die Fans dem DFB nicht trauen

Von Christian Bartlau

Der DFB reicht den Ultras die Hand und bittet um Waffenruhe: Das sorgt für Schlagzeilen. Doch die Fußballfans reagieren verhalten. Sie sind vorsichtig geworden - dafür ist zu viel passiert. Sie sagen: "Das Vertrauensverhältnis ist nachhaltig gestört."

Als am ersten Spieltag der neuen Saison eine Sintflut die Halbzeitpause in München verlängerte, gab der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes im ZDF ein bemerkenswertes Interview. Die Regie blendete das riesige "Fick Dich DFB"-Banner vor der Bayern-Südkurve ein, es war nicht zu übersehen, Reinhald Grindel ignorierte es trotzdem und freute sich lieber, dass die Fans auch noch konkrete Kritikpunkte auf ihre Plakate gepinselt hatten: "50+1, Korruption und Sportgerichtsbarkeit - darüber kann man doch jetzt diskutieren."

Fans der Dortmunder Borussia beim Pokalfinale Ende Mai im Berliner Olympiastadion.
Fans der Dortmunder Borussia beim Pokalfinale Ende Mai im Berliner Olympiastadion.(Foto: imago/Schüler)

Die Emotionen aus dem Spiel lassen und einfach mal in Ruhe über alles reden - was Grindel da im Stile eines unbedarften Sozialpädagogen ins Mikro plauderte, wird so nicht stattfinden. Und der DFB-Boss weiß das. Nicht umsonst hat er vor über einer Woche angekündigt, vorerst auf Kollektivstrafen wie Blocksperren und Geisterspiele zu verzichten. Es ist ein Unterpfand für das, was die Tageszeitung "Die Welt" ein "Friedensangebot" nannte, aber eher eine Bitte um eine Waffenruhe ist. Dialog mit dem DFB statt Krieg dem DFB, so wünschen es sich die Funktionäre.

Doch die aktiven Fans reagieren skeptisch. "Das Vertrauensverhältnis ist nachhaltig gestört", sagt Sig Zelt von "ProFans" im Gespräch mit n-tv.de. Ein Statement, das man so oder so ähnlich in diesen Tagen auch von denen hört, die lieber nicht zitiert werden wollen, und auch bei den Ultragruppen liest, die gar nicht erst reden wollen. Den Neubau des Dialogs, den der DFB nun versucht, hat er selbst mit einer schweren Hypothek belastet. Sig Zelt von "ProFans", einem Bündnis verschiedener Fan- und Ultragruppen, gehört zu denen, die schon seit 2007 immer wieder in verschiedensten Formaten mit den Verbänden zusammengearbeitet haben. Sein Resümee klingt resigniert: "In zehn Jahren Fan-Dialog wurden keinerlei Ergebnisse für die Fans erreicht."

"Der Stachel sitzt noch tief"

Stattdessen reiht sich in seiner Erinnerung eine Enttäuschung an die nächste. Beispiel Pyrotechnik: 2011 hatten DFB und DFL eine Lockerung des Verbots in Aussicht gestellt. Euphorisiert gaben die Fanvertreter Gutachten in Auftrag und berieten sich mit Anwälten und Offiziellen. Statt die Modelle wenigstens ernsthaft zu diskutieren, versenkte der DFB die Debatte in einer Pressemitteilung. Eine Legalisierung komme nicht in Frage, zu gefährlich, basta. "Wenn es dem Verband um Sicherheit ginge, hätte er niemals diesen Dialog abgebrochen", sagt Sig Zelt heute. "Der DFB wollte den Fans zeigen, wer Herr im Haus ist. Der Stachel sitzt noch immer tief." Daran ändert auch der temporäre Verzicht auf Kollektivstrafen nichts - zumal diese Maßnahme, die in der Öffentlichkeit als ausgestreckte Hand des DFB interpretiert wird, vielen aktiven Fans gleichzeitig als Selbstverständlichkeit gilt.

Die Stuttgarter Ultragruppe "Commando Cannstatt" spottet in einem Statement, es werde als "bahnbrechendes Zugeständnis verkauft, dass Fans, die nicht gegen die Stadionordnung verstoßen haben, vorerst nicht mehr mitbestraft werden" und bezeichnet die Sportgerichtsbarkeit als "anmaßende Paralleljustiz", die nicht verhandelbar sei. "Einen Dialog über dieses Strafensystem mit dem Ziel der Legitimation einer Kompromisslösung wird es mit uns nicht geben!" Eine rote Linie von vielen: Was den Ultras wichtig ist, steht bei anderen Fans vielleicht ganz unten auf der Prioritätenliste, auch das erschwert den Dialog mit "den Fans" - ganz davon abgesehen, dass einige Forderungen auf die Frage hinauslaufen, ob es überhaupt einen richtigen Fußball im Falschen gibt. Auslandsvermarktung, Spieltagsentzerrung, all das dient dem Profit der Kapitalgesellschaften. Wahrscheinlich werden die Fans eher die Legalisierung von Pyrotechnik durchsetzen als die DFL davon zu überzeugen, dass ein paar hundert Millionen Euro weniger beim nächsten Fernsehvertrag auch okay sind.

Schalker Ultras treiben quer

Neulich in Rostock: Eigentlich gilt alles als verpönt, was die Hand verlässt.
Neulich in Rostock: Eigentlich gilt alles als verpönt, was die Hand verlässt.(Foto: imago/Matthias Koch)

Im Großen und Ganzen sind sich die Ultragruppen zumindest in ihrer ungetrübten Abneigung einig, die Statements zum ersten Spieltag gleichen sich auffällig. Nur die Ultras Gelsenkirchen scherten aus, sie zeigten als einzige Szene kein "Fick Dich DFB"-Banner. In einem Flyer kritisierten sie die Aktion als "stumpf", als "blinden Aktionismus ohne notwendige Selbstreflexion in den eigenen Reihen". Einige Szenen seien nicht mal in der Lage, sich an die geltenden Abmachungen zu Pyrotechnik zu halten - eine Anspielung auch auf das Spiel Hansa gegen Hertha, in dem einige Fans eine Grundregel der Zündelei missachteten: Eigentlich gilt alles als verpönt, was die Hand verlässt.  Den Standpunkt der Schalker Ultras kann Sig Zelt von ProFans nachvollziehen, die Selbstreflexion hält er auch für angebracht, aber: "Das ist eine Sache die man besprechen könnte, wenn der Dialog mit den Verbänden auch wirklich zustande kommt."

Die entscheidende Frage scheint aber zu sein: Was müssen DFB und DFL tun, damit auch die zögerlichen Fangruppen in den Dialog einsteigen? "ProFans" hat einige Bedingungen gestellt: Die bisherige Arbeitsgruppe Fankulturen soll strukturell aufgewertet werden und die Vereine direkt mit am Tisch sitzen, nicht nur vermittelt über die DFL. "Die gehen an viele Sachen pragmatischer ran", erklärt Sig Zelt. "Und meist kann man sich auf deren Wort verlassen."

DFB und DFL schweigen

Das war beim DFB nicht immer so. Wieder so eine Geschichte, die den aktiven Fans noch immer sauer aufstößt: 2014 hatten DFB und Fans gemeinsam ein Papier erarbeitet, das Richtlinien zu Fanutensilien festlegte - welche Art von Zaunfahnen dürfen ins Stadion, welche Trommeln sind erlaubt, welche Megaphone? Der DFB verschickte den Brief an die Vereine der dritten Liga, zu spät zwar, aber immerhin - doch dann torpedierte der Sicherheitsbeauftrage Hendrik Große Lefert den Prozess mit einem Interview, in dem er den Inhalt als "verfälscht" und die Veröffentlichung als zu früh bezeichnete.  "Das hat unsere Arbeit völlig entwertet. Und diese Enttäuschung ist hängengeblieben", sagt Sig Zelt. ProFans verließ einige Zeit später den Fandialog zusammen mit anderen großen Gruppen.

Ob das Bündnis jetzt die Einladung von Reinhard Grindel zur Projektgruppe "Verbandsrecht und Zuschauerverhalten" annimmt, haben Sig Zelt und seine Kollegen noch nicht entschieden. Den großen Wurf erwarten sie ohnehin nicht. Sie alle wissen, dass Forderungen wie das Ende der Spieltagszerstückelung und weniger Auslandsvermarktung ohnehin nicht mit dem DFB besprochen und schon gar nicht gelöst werden können. "Aber es wäre schon schön, wenn einige Dinge konkret angepackt würden: Kollektivstrafen etwa und Stadionverbote ohne Schuldbeweis." Auch hier könnten vielleicht eher die Vereine Abhilfe schaffen: Wie die "Sportbild" schreibt, wäre der DFB bereit, Vereinsgerichten die Hoheit über Vergehen im Stadion zu überlassen - Zündler könnten so zum Beispiel zu Sozialstunden im Dienste des Klubs herangezogen werden.

Ein Thema für das Treffen am 3. September in Erfurt, für das Ultragruppen Einladungen an alle Vertreter der ersten und zweiten Liga verschickt haben. Ob es stattfindet, ist unklar. Genauso wie die Frage, wie es nun genau weitergehen soll zwischen Fans und Verbänden. Der DFB schweigt dazu, auch von der Deutschen Fußball-Liga DFL: kein Wort, kein einziges. Nicht einmal ein "kein Kommentar". Offenbar eine Vorsichtsmaßnahme: Nur nicht den fragilen Neuanfang gefährden.

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Quelle: n-tv.de