Fußball

Echte Coup-Pläne für die Hertha Was Klinsmann blockt, will Boateng schaffen

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Lust auf Hertha, Jérôme?

(Foto: imago images/Contrast)

Die Hertha in Berlin denkt groß. Dank der sprudelnden Millionen von Investor Lars Windhorst. Einer, der Gefallen daran findet, die Berliner zu Erfolgen zu führen, ist Kevin-Prince Boateng. Er schmiedet große Pläne mit dem Hauptstadtklub - und mit seinem Halbbruder.

Es gibt viele Möglichkeiten, eine Textnachricht zu ignorieren. Egal, ob ein Geschäftsessen mit Investor Lars Windhorst oder ein Facebook-Live-Stream dazwischenkommt, meistens sollte man trotzdem antworten - allein der Höflichkeit wegen. Als Kevin-Prince Boateng im letzten Winter Jürgen Klinsmann schreibt, kommen vom Ex-Hertha-Trainer nur zwei blaue Haken zurück. Und so verhindert der Weltmeister von 1990 mit seiner Ignoranz einen der spektakulärsten Transfers der Berliner Vereinsgeschichte.

Wie Boateng Mitte April im "Spiegel"-Interview verriet, bot er sich der Hertha mit großen Plänen an. Eine neue Vereinshymne von Berliner Rappern, Mario Götze und Julian Draxler: Das volle Programm, um das angestaubte Image der Alten Dame aufzupolieren. Er wollte Kontakte spielen lassen und in der Hauptstadt etwas "aufbauen". Doch Klinsmann ließ all seine Ideen unbeantwortet. Nun, zwei Hertha-Trainer später, also wieder: Der Berliner Junge träumt von der Rückkehr an die Spree - zusammen mit Halbbruder Jérôme.

Von all den absurden Geschichten, die über die Blau-Weißen durch die Medien geistern, scheint die von Kevin-Prince Boateng noch am spannendsten. Strahlkraft, Titel, Erfahrung - der Name Boateng bietet alles, wonach die Windhorst-Hertha lechzt. Nach dem Ausstieg des Discounters Tedi als Hauptsponsor, werden Weltkonzerne wie Tesla und Amazon als Nachfolger gehandelt. Es geht um Vermarktung und den angeblichen Big-City-Glamour der Hauptstadt. Dabei ist nichts "so Berlin" wie die beiden Brüder: Sie lernen auf einem Bolzplatz im Wedding das Kicken, sind eng mit dem Verein verwurzelt und kennen das dreckige, ungeschönte Bild der Stadt.

Die goldene Generation der Berliner

Kevin-Prince und Jérôme Boateng gehören zu dem Besten, was der Berliner Fußball jemals vorgebracht hat. Sie bildeten einst mit Chinedu Ede, Patrick Ebert und Ashkan Dejagah eine goldene Hertha-Generation. Die Gruppe schaffte 2006 kollektiv den Sprung in den Profi-Kader. Doch bis auf Jérôme, der nach nur elf Spielen weiterzieht, bleiben alle hinter den Erwartungen zurück. Kevin-Prince verlässt die Hertha nach 53 Spielen, startet daraufhin eine Odyssee durch Europas Fußballligen und heuert nach und nach bei insgesamt 13 Klubs an. Der Abschied aus Berlin sei ein "Fehler" gewesen. Warum der 33-Jährige bei keinem Verein Stammkraft geworden ist? "Ich weiß ganz genau, dass es bei mir am Willen gescheitert ist", erklärt er vor einem Jahr bei "Dazn" und "Goal".

Was möglich ist, wenn er will, blitzte in Frankfurt auf. Die Eintracht spielte sich 2017/18 in einen Rausch. Die Adler euphorisierten über die Main-Region hinaus - auch dank Kevin-Prince Boateng. Mit ihm und dem DFB-Pokaltitel verewigte sich die Kovac-Elf in der deutschen Fußball-Geschichte. Im Finale war es der Mittelfeldspieler, der den legendären Ball auf Ante Rebic schlug und so dem FC Bayern spektakulär das Double vereitelte. Das Spiel habe Boateng "mit seiner intelligenten Spielweise fast allein gewonnen", wie der Ur-Herthaner Pal Dardai später mal der "B.Z."sagte. Das "Bad Boy"-Image widerlegt der zweifache WM-Teilnehmer so eindrucksvoll.

Inzwischen ist Boateng 33 Jahre alt. Kann er der ambitionierten Hertha tatsächlich noch weiterhelfen? Dardai ist überzeugt: "Als Spitze, als Zehner, Achter, Sechser - Kevin hat alles drauf", so der ehemalige Teamkollege. Mit dem Abgang von Routinier Per Skjelbred fehlt dergleichen in der Hauptstadt. Egal, wo es gebrannt hatte, der Norweger war da. Auch im kreativen Bereich des Mittelfelds klafft eine Lücke. Beides zu kombinieren, schafft eine Rolle, in die Boateng perfekt reinpasst. Im Umbruch des Big-City-Clubs könnte der ehemalige ghanaische Nationalspieler Teil des Gerüsts sein, die Neuzugänge um Lucas Tousart und Santiago Ascacibar richtig einzuarbeiten.

Das, was Berlin braucht

Als möglicher Abwehrchef wäre Jérôme Boateng daran ebenfalls beteiligt. Mittlerweile ist der achtfache Deutsche Meister bei den Bayern wieder unumstritten, aber dennoch nicht unverzichtbar. Obwohl die Innenverteidigung momentan das Prunkstück der Hertha ist, spielt der Rio-Weltmeister in Bestform in einer anderen Liga. Unter Trainer Bruno Labbadia waren Dedryck Boyata und Jordan Torunarigha im Saisonfinale gesetzt. Dahinter warten Karim Rekik und Niklas Stark in der zweiten Reihe. Keiner von ihnen kommt jedoch an das Ansehen des Triple-Siegers heran: Jeder junge Innenverteidiger in Berlin muss sich noch den Vergleich von Presse und Fans gefallen lassen: Wird er der nächste Boateng?

Große Namen gab es bei der Hertha zuletzt nur auf der Bank oder im Aufsichtsrat, lange nicht mehr auf dem Platz. Beide Brüder sind immer noch gut genug, um der Mannschaft bei der Entwicklung zu helfen. Anders als Image-Kampagnen von Werbeagenturen werden sie gebraucht, um "Europas spannendstes Fußballprojekt" mit Leben zu füllen. Profis mit Erfolg und Haltung. Mit konsequenter Haltung. Kevin-Prince verließ 2013 mit seinem AC Mailand nach rassistischen Beleidigungen bei bei einem Testspiel das Feld und gilt spätestens seither als Vorkämpfer, um auf strukturelle Diskriminierung hinzuweisen.

AfD-Vize Alexander Gauland beleidigte 2016 Jérôme öffentlich, der spätestens danach zum beliebtesten Nachbar Deutschlands wurde. Nach der Özil-Affäre kritisierte er seine DFB-Kollegen für deren Schweigen. Nicht nur für viele Heranwachsende in Deutschland, die ähnliche Schicksale teilen, sind die Brüder mehr als Vorbilder. Ihre Rückkehr wäre für ganz Berlin ein Gewinn. Für die Stadt. Und den Fußball sowieso.

Quelle: ntv.de