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Bislang ist es noch immer gut gegangen: Karl Marx.
Bislang ist es noch immer gut gegangen: Karl Marx.(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 11. Januar 2017

Der real existierende Fußball: Was Marx zur 48er-WM gesagt hätte

Von Christian Bartlau

Gier! Wahnsinn! Idiotie! Die Reaktionen auf die Erweiterung der Fußball-WM auf 48 Teilnehmer sind emotional und heftig. Zeit für einen nüchternen Blick - mit Karl Marx. Der konnte nicht kicken, die Entwicklung der Fifa aber hat er prophezeit.

Karl Marx war alles andere als ein herausragender Fußballer, wir wissen das seit dem legendären Finale von Monty Pythons Philosophen-Fußball-WM zwischen Deutschland und Griechenland. Marx verfolgte den Anpfiff von der Bank aus und enttäuschte nach seiner Einwechslung völlig.

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Die Stärken des Ökonomen lagen eher in der Analyse des Kapitalismus und mit der Krise unseres Wirtschaftssystems hat Marx ein Comeback erlebt. Gerade erst hat der Deutschlandfunk Marx' Hauptwerk "Das Kapital" auf seine Aktualität abgeklopft und dabei ein intaktes Fundament vorgefunden. Die Globalisierung, die Monopolbildung, die Finanzkrise - all diese Phänomene hat er vorausgesehen. Für ihn wäre auch die Ausweitung der Fußball-WM auf 48 Teilnehmer nicht überraschend gekommen, sie erscheint nach marxistischer Analyse vollkommen logisch, mehr noch: alternativlos. Wer eine andere Fußball-WM will, wird sie im Spätkapitalismus nicht finden.

Weiter, immer weiter

"Im Fußball regiert die Gier", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" in ihrem Kommentar, und es ließe sich fragen: Wo nicht? Marx wäre diese moralische Sicht unterkomplex. Für persönliche Beweggründe interessiert er sich weniger, nur für Systemzusammenhänge. Zwar unterstellt er den Kapitalisten seiner Zeit Habgier, ein moralisches Urteil ist das nicht. Er will nicht "den Einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag". Anders gesagt: Ein Kapitalist tut, was ein Kapitalist tun muss - Profit machen. Und ein Fifa-Präsident tut, was ein Fifa-Präsident tun muss - Profit machen. Figuren wie Joseph Blatter und sein Nachfolger Gianni Infantino begreift Marx als "Charaktermasken" des Kapitals, sie spielen die Rolle, die ihnen durch die Wirtschaftsverhältnisse auferlegt ist.

Er hat es geahnt: Karl Marx kurz vor seiner Einwechslung.
Er hat es geahnt: Karl Marx kurz vor seiner Einwechslung.

Es sei bemerkt, dass die Fifa als Fußball-Weltverband kein kapitalistisches Unternehmen im eigentlichen Sinne darstellt - wie die vergangenen Jahrzehnte bewiesen haben, hat sich die Fifa allerdings vollkommen der Profitlogik unterworfen. Sie existiert nicht "For the good of the game", wie sie vorgibt, sondern um Geld für ihre Shareholder zu scheffeln, für die Mitgliedsverbände und vor allem deren Funktionäre. Weil die mehr Geld verlangen - und nur dem ihre Stimme geben, der das garantiert - musste die Fifa die WM ausdehnen. "Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel", schreibt Marx im "Kommunistischen Manifest" über die Globalisierung. "Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen." Ein anderer Titan der Philosophie drückte diese Tendenz für den Fußball einfacher aus: "Weiter, immer weiter."

Ausdehnung als Notwendigkeit

Für Marx ergibt sich die ständige Ausbreitungstendenz des Kapitalismus aus einem Gesetz, das er im dritten Band des "Kapitals" beschreibt: dem tendenziellen Fall der Profitrate. Stark vereinfacht gesagt, wird es mit der Zeit immer schwieriger, aus Geld mittels Warenproduktion immer mehr Geld zu machen. Auch wenn dieses Gesetz umstritten war und ist, der Zustand der Weltwirtschaft scheint Marx recht zu geben. Wir befinden uns in einer Phase der "säkularen Stagnation", in der eine geringe Investitionsrate zu geringem Wirtschaftswachstum führt. Linke Ökonomen reden vom Spätkapitalismus oder auch dem Post-Wachstumskapitalismus. Weil das Kapital sich nicht mehr so gut verwerten lässt, wandert es verstärkt in die Finanzmärkte, gefährliche Blasen entstehen, mit den bekannten Folgen.

Das Interesse ist da - selbst, wenn sie gar nicht spielen.
Das Interesse ist da - selbst, wenn sie gar nicht spielen.(Foto: picture alliance / dpa)

Kapitalisten können dem tendenziellen Fall der Profitrate aber schon in der Produktionssphäre allerlei Maßnahmen entgegensetzen: Kürzung der Löhne, Verlängerung der Arbeitszeit, Innovationen, Ausweitung der Märkte, um nur einige zu nennen. Die Fifa ist ein spezieller Fall. Sie produziert nur eine einzige Ware von - im ökonomischen Sinne - wirklich relevantem Wert, die Fifa-Weltmeisterschaft der Männer. Die Nachfrage ist bereits riesig, das WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien 2014 verfolgten nach Angaben der Fifa rund eine Milliarde Zuschauer. Geldwerte Innovationen wie Pay-TV oder erweitertes Merchandising sind so gut wie ausgereizt, das Interesse und damit die Einnahmen zu steigern, das funktioniert eigentlich nur noch über eine Erweiterung des Turniers. Ein besonders lauter Kritiker, Karl-Heinz Rummenigge, fährt als Vorsitzender des Interessenverbandes der europäischen Klubs einen wesensähnlichen Kurs Richtung "Superliga".

Im marxistischen Diskurs nennt man diesen Prozess "Landnahme" - der kapitalistische Prozess wird auf bisher unerschlossene Gebiete ausgedehnt. So hat es der Neoliberalismus verstanden, vormals öffentliche Domäne wie Bildung, Gesundheit und Wasserversorgung der Verwertungslogik zu unterwerfen. Die Fifa hat es verstanden, ihr Produkt näher an den asiatischen Wachstumsmarkt und die reichen Ölstaaten zu bringen. Privat-Unis, Zwei-Klassen-Medizin und die WM in Katar: alles Symptome des Spätkapitalismus.

Was tun?

Marx hat dem Kapitalismus seinen eigenen Untergang vorausgesagt, eher kämpferisch im "Kommunistischen Manifest", eher analytisch im "Kapital". Er schreibt dort in einer berühmten Passage, dass die kapitalistische Produktionsweise "zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter". Einen ähnlichen Vorwurf machen Kritiker der 48er-WM der Fifa - sie entwerte damit das Turnier und könnte damit vom "Goldgräber" zum "Totengräber" des Fußballs werden, wie die Kollegen von "Sport1" orakeln.

Nur: Bislang ist es noch immer gut gegangen, weder der Kapitalismus noch die Fifa sind implodiert. Der englisch-kanadische Universitätsprofessor Tim Walters wies vor einigen Monaten in einem Artikel für "Sporting Intelligence" auf eine interessante Parallele hin: So wenig, wie sich seit der Finanzkrise 2008 im Bankensystem geändert hat, so wenig hat sich mit dem Korruptionsskandal bei der Fifa geändert. Er führt das auf das Fehlen einer Alternative zurück.

Walters macht in seinem Beitrag zehn Vorschläge, wie die Fifa zu reformieren wäre. Sie laufen eher auf eine Revolution hinaus. So soll der Weltverband die Hälfte seiner Einnahmen an die UN-Welthungerhilfe spenden. Walters argumentiert, dass die Fifa ohnehin von etwas profitiert, das ihr gar nicht gehört - der Fußball sei schließlich ein Allgemeingut. Nach Marx ist die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus genau das: die oftmals gewaltsame Aneignung vormals allgemeinen Eigentums durch Einzelne, die "ursprüngliche Akkumulation". Nun, wo wir über dieses Stadium weit hinaus sind, geht der Fußball seinen vorgezeichneten Weg. Und die nächste Ausweitung kommt bestimmt. Vielleicht war es das, was Blatter meinte, als er von einer "intergalaktischen WM" sprach.

Quelle: n-tv.de