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Stadion erreicht, Historie geschnuppert. An diese erinnert vor dem Luschniki-Stadion noch heute eine Lenin-Statue.
Stadion erreicht, Historie geschnuppert. An diese erinnert vor dem Luschniki-Stadion noch heute eine Lenin-Statue.(Foto: dpa)
Freitag, 01. Juni 2018

WM-Countdown (13): Weg zum Stadion bedarf russischer Ausdauer

Von Katrin Scheib, Moskau

Wer nach Russland kommt, sollte schnell lernen, beharrlich zu sein. Dann wird aus manchem "Nein" plötzlich ein "Ja" - und man erlebt Dinge, für die das Durchhalten sich gelohnt hat. Etwa im Moskauer Architektur-Museum.

Die folgende Geschichte über einen Museumsbesuch kann man auf zwei Arten erzählen. Beide sind wahr. Beide sind so passiert. Beide sagen etwas über Russland aus, oder zumindest über Moskau.

Version 1

11 Uhr morgens, das Schusew-Museum für Architektur hat gerade geöffnet. Seit Anfang der Woche läuft hier, passend zur Fußball-WM, die Ausstellung "Die Architektur von Stadien". Wir sind zu zweit, ich hoffe auf ein gutes Kolumnenthema, meine Freundin F. will einfach eine interessante Ausstellung sehen. Angekündigt habe ich uns bei der Pressesprecherin des Hauses, sie wollte uns zwei Tickets zurücklegen. Doch davon weiß die Frau heute Morgen an der Kasse nichts, wer uns das denn gesagt hätte? Hm. Na gut, sie könne ja mal bei der Verwaltung anrufen. Kurz darauf die Antwort: Auch da hat man noch nie von uns gehört. Ende. Mehr sagt die Dame nicht und bietet auch sonst keine Lösungsmöglichkeiten an.

Hat sich den Traum vom Putin-Interview erfüllt: Katrin Scheib.
Hat sich den Traum vom Putin-Interview erfüllt: Katrin Scheib.(Foto: Pascal Dumont)

Nun wäre es ein Leichtes, einfach schnell zwei Karten zu kaufen. Aber ich bin schließlich auch hier, um zu testen, ob diese Ausstellung für Gäste aus Deutschland taugt. Dazu gehört auch, wie man wohl mit Besuchern und ihren Anliegen umgeht. F. und ich verlassen uns auf das auch in Russland populäre Prinzip des Aussitzens, stöbern zehn Minuten im Museumsshop - ach guck, den haben sie umgebaut, und die Kaffeebar da ist auch neu! Als wir zurück zum Eingang kommen, hat die Kassiererin die beiden zurückgelegten Karten gefunden. Kein Lächeln, kein "Entschuldigung, ein Missverständnis", aber gut. Sie händigt sie aus.

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

"Dann hätten wir gerne noch zwei Audioguides", sage ich, "einen auf Deutsch, einen auf Englisch." Dafür ist Kassiererin Nummer 2 zuständig, ihr Text ist kurz: "Wir haben keinen Audioguide." - "Aber ihre Pressesprecherin hat doch gesagt…" - "Wir haben keinen Audioguide." - "Grundsätzlich nicht oder nur heute nicht?" - "Wir haben keinen Audioguide." In dem Moment kommt aus dem Nebenzimmer ein junger Mann. Mit beiden Händen trägt er eine Ladestation, darin steckt: ein Dutzend Audioguides.

In einem letzten Aufbäumen werden wir barsch noch ein bisschen eingenordet ("Die kosten aber 300! Und 1000 Pfand! Nein, nicht bei mir bezahlen, bei der Kollegin! Nein, das Pfand nicht der Kollegin geben, sondern mir!"), aber es hilft alles nicht: Wir haben Eintrittskarten, wir haben den Guide, wir haben Kopfhörer. Nach diesem Kammerspiel zum Thema Service und Freundlichkeit sehen wir uns dann noch die Ausstellung an - Skizzen, Modelle, sowas halt.

Version 2

11 Uhr morgens, das Schusew-Museum für Architektur hat gerade geöffnet. Seit Anfang der Woche läuft hier, passend zur Fußball-WM, die Ausstellung "Architektur der Stadien". Wir sind zu zweit, ich hoffe auf ein gutes Kolumnenthema, meine Freundin F. will einfach eine interessante Ausstellung sehen. Am Anfang gibt es noch etwas Hin und Her - Karten, Audioguide, sowas halt. Dann sind wir drin.

Es geht zunächst um große sowjetische Stadionprojekte, um bombastische, repräsentative Bauten, die nie verwirklicht wurden, deren riesige Skizzen aber beim Zeichnen den kompletten Schreibtisch des Architekten bedeckt haben müssen. Was für Pläne, was für Linien! F. findet immer wieder neue Motive, die sie bitte gern als Poster hätte und in ihrem WG-Zimmer aufhängen möchte.

So sollte das Luschniki-Stadion im Jahr 1979 von der Wasserseite aus aussehen.
So sollte das Luschniki-Stadion im Jahr 1979 von der Wasserseite aus aussehen.

Einige dieser Exponate wurden noch nie zuvor gezeigt - das Museum hat einen großen Fundus, aus dem es immer wieder faszinierende Dinge hervorholt. Vor einiger Zeit habe ich hier schon mal eine großartige Ausstellung über den Bau der Moskauer Metro gesehen, insgesamt ist es sicherlich das fünfte oder sechste Mal, dass ich hier bin. Denn das hier ist mal ein Ort, der den oft überstrapazierten Titel "Geheimtipp" verdient: In Sichtweite des Kremls gelegen, ist das Museum von außen so unscheinbar, dass man leicht am Eingang vorbeiläuft. Drinnen dann großzügig geschnittene Räume mit hohen Decken, an vielen sind noch historische Malereien zu sehen ... ein kostenloses Zückerchen für die Museumsbesucher, die sich nach ihrem Besuch dann noch ein wenig im grünen Innenhof ausruhen können.

Es geht weiter durch die Ausstellung, zum nächsten Modell. Hufeisenförmige Stadien - wer kommt auf sowas, und warum? Was ist der Vorteil, wenn man an der Stirnseite die Zuschauertribüne weglässt? Wir spekulieren und staunen. Auch über die vielen Ideen, was man auf dem Gelände des heutigen Luschniki-Stadions (damals: Lenin-Zentralstadion) alles bauen wollte, oder weiter oben, in den Sperlingsbergen, wo heute die Uni steht. Aber es geht nicht nur um Moskau hier, wir sehen Entwürfe und Modelle aus Kiew, Eriwan, Minsk. In einem der Museumsräume laufen alte Wochenschaufilme in Schwarzweiß, ein paar kleine Jungs starren gebannt auf die Sportler aus der Generation ihrer Urgroßeltern.

Zum Schluss der Ausstellung dann der Schritt in die Gegenwart, mit Modellen der WM-Stadien 2018: die kreisrunde Arena in Jekaterinburg. Das Fischt-Stadion mit seinen zwei Dachhälften, zwischen denen hindurch man in den Himmel über Sotschi gucken kann. Die Kosmos-Arena in Samara, die aussieht wie ein umgekippter Wok. Achso, und dieses Stadion in Kaliningrad, das irgendwie nach den Neunzigern aussieht, ohne dass man so recht wüsste, warum. Wer diesen Sommer als Fußballfan nach Moskau kommt, kann die Stadien, in die er es selbst nicht schafft, hier im Museum zumindest im Kleinformat bewundern. Es lohnt sich.

Diese Geschichte kann man auf zwei Arten erzählen. Beide sind wahr. Beide sind so passiert. Beide sagen etwas über Russland aus, oder zumindest über Moskau.

Alle Folgen des WM-Countdowns finden Sie hier

Quelle: n-tv.de