Fußball

Jürgen Klinsmann im Interview "Wenn ich Trainer bin, spielen drei Stürmer"

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"Wie damals mit Osvaldo Ardiles": Jürgen Klinsmann 1994 im Trikot von Tottenham Hotspur.

Er ist wieder da. Beim Testspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Serbien in Wolfsburg an diesem Mittwoch (um 20.45 Uhr live bei RTL und im Liveticker bei n-tv.de) gibt Jürgen Klinsmann seinen Einstand als Fernsehexperte bei RTL. "Es ist eine schöne Aufgabe für mich, um mal wieder nah dran zu sein", sagt der Mann, der von Juli 2004 bis Juli 2006 die DFB-Elf trainiert hat, im Interview mit n-tv.de. "Ich werde sagen, was ich sehe. Wenn es schlechte Dinge sind, musst du sie ansprechen. Wenn es gute sind, auch."

n-tv.de: Wenn Bundestrainer Joachim Löw nach der Absage an Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng nun mit seiner Mannschaft gegen Serbien so etwas wie einen Neuanfang startet, dann ist verlieren verboten, oder?

Jürgen Klinsmann: Verboten nicht. Doch die Mannschaft muss jetzt Signale setzen: in der Spielweise, in der Leidenschaft, im Engagement und im Tempo. Aber als Trainer kannst du trotzdem ein Risiko gehen, Dinge ausprobieren. Wenn wir Fußballfans sehen, dass die Spieler alles versuchen, dann ist es kein Problem, wenn es hier und da in der Umsetzung vielleicht noch nicht so ganz klappt.

Aber nach dem WM-Desaster in Russland und dem Abstieg in der Nations League sollte sich die DFB-Elf doch schon für die Europameisterschaft 2020 qualifizieren. Da steht am Sonntag das erste Spiel in Amsterdam gegen die Niederlande an.

Die Frage ist doch: Wo stehen wir? Momentan ist der deutsche Fußball am Boden. Alle diskutieren: Was passiert jetzt? Wie ist der Neubeginn ohne die drei Weltmeister? Wie sind die Signale? Und je mehr diese Diskussion an Dynamik gewinnt, desto höher wird der Druck, auch auf die Ergebnisse. Diese Ergebnisse muss die Mannschaft direkt in der Qualifikation liefern. Du kannst jetzt nicht sagen, es wird erwartet, dass du in Holland gewinnst. Aber es wird erwartet, dass wir da gut spielen und dass wir uns dementsprechend präsentieren.

Dazu gehört auch das Toreschießen. Die Nationalmannschaft tut sich seit geraumer Zeit schwer damit und Sie sind als ehemaliger Angreifer ein Experte. Wie siehts aus?

Die globale Entwicklung ist ja, dass es immer weniger Mittelstürmer gibt, dass die Teams immer mehr mit einer Spitze spielen. Stattdessen versuchen die offensiven Mittelfeldspieler, ihre Tore zu machen. Ich finde es ein bisschen schade. Es gibt kaum noch diese klassischen Duos in der Spitze, in der Art, wie ich es erlebt habe, mit Rudi Völler und mir vorne. Das hat halt immer eine gewisse Ausstrahlung gehabt.

Sind denn Sturmduos noch zeitgemäß?

Zeitgemäß ist das, was erfolgreich ist. Und wenn du zwei Stürmer hast, die richtig gut sind, würde jeder Trainer diese zwei auch spielen lassen. Du brauchst aber die Typen dafür. In der Regel entwickelst du eine Mannschaft basierend auf dem, was deine Spieler dir geben können. Wenn du nur einen Stürmer hast, der aber ein Garant für Tore ist, brauchst du eher die Flügelleute. Das ist auch eine Variante. Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren ein gewisses Sicherheitsdenken eingetreten ist. Ja nicht verlieren! Und da verteidigst du wahrscheinlich ein bisschen besser mit nur einer Spitze, als wenn du zwei Angreifer vorne hast. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass die Zeit der Duos irgendwann wiederkommt.

Jetzt hat die Nationalelf den Leipziger Timo Werner.

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"Mehr Timo Werners!"

(Foto: imago images / Hübner)

Natürlich. Aber wir wünschen uns mehr Timo Werners! Die Hoffnung ist, dass da noch mehr aus dem Talentschuppen kommen, die richtig hungrig sind, die Tore machen wollen. Auf internationaler Ebene bist du ein anerkannter Torjäger, wenn du in jedem zweiten Länderspiel ein Tor machst. Ich hatte diese Quote von fast 50 Prozent zwar auch nicht. Aber es ist ein Maßstab. Du brauchst immer dieses Ziel vor Augen, dass du zu einer gewissen Zahl an Toren kommen möchtest. Leroy Sané zum Beispiel ist ja mehr ein Dribbeltalent, ein offensiver Mittelfeldspieler, der viel Bewegung reinbringt, der viel macht. Aber von ihm wird auch nicht erwartet, dass er 20 Tore pro Saison schießt. Von Timo Werner hingegen schon.

Und das Potenzial hat er?

Allemal! Ich glaube, dass wir da ein Juwel haben auf die nächsten Jahre hinaus. Und ich hoffe, dass vielleicht noch zwei, drei andere Juwelen sich dazu entwickeln. Davie Selke hat unglaublich viel Talent. Jetzt müssen wir halt suchen, ob wir noch andere finden.

Was fehlt Timo Werner noch?

Erfahrung. Spiele auf allerhöchstem Niveau, sprich Champions League. Er muss in einen Rhythmus hineinkommen, der ihm das Rückgrat und das Selbstvertrauen gibt, sich selbst aufzubauen. Ein Stürmer wird immer Phasen haben, in denen es mal ein paar Wochen nicht läuft. Sich da rauszuziehen, das ist die Kunst. Er ist noch ein ganz junger Kerl, dem man Zeit geben muss. Ich glaube, dass er von der Veranlagung her ein unglaubliches Potenzial hat. Er ist beidfüßig, er ist kopfballstark. Und er ist natürlich sehr schnell, er kann mit Tempo auf seine Gegenspieler zugehen und kommt auch an ihnen vorbei. Da wünschen wir uns noch ein paar mehr von der Sorte.

Mit seinen 31 Jahren passt Max Kruse vom SV Werder Bremen eher weniger in dieses Schema. Zudem gilt er als nicht ganz so pflegeleicht. Wäre er, wenn Sie Bundestrainer wären, dennoch ein Kandidat für Sie?

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Am Puls der Zeit: Klinsmann mit Joachim Löw am 16. März im Berliner Olympiastadion beim 2:3 der Hertha gegen Borussia Dortmund.

(Foto: imago images / Matthias Koch)

Wenn der Jogi Gefallen an Max hat, wird er ihn auch wieder holen, wenn er weiter so spielt wie in dieser Saison. Das ist ja das Offene-Tür-Prinzip. Es ist alles möglich. Jeder Trainer, ob im Verein oder in der Nationalelf, stellt seine Truppe in der Hoffnung zusammen, dass die Chemie passt, die Kameradschaft da ist, der eine dem anderen hilft. Und er zahlt auch den Preis, wenn es nicht klappt. Bei der WM in Russland hat es menschlich anscheinend nicht gepasst. Das belegen die Ergebnisse. Da musst du dir als Trainer Gedanken machen. Über allem sollte aber das Leistungsprinzip stehen.

Aber wenn Sie, was ja Ihr Ziel ist, wieder als Trainer arbeiten, dann gibt es in Ihrer Mannschaft zwei Stürmer?

Wenn ich wieder irgendwo Nationaltrainer bin, dann spielen wir mit drei Stürmern. Oder mit fünf, wie damals mit unserem argentinischen Coach Osvaldo Ardiles bei Tottenham.

Mit Jürgen Klinsmann sprachen Tobias Nordmann und Stefan Giannakoulis

Quelle: n-tv.de

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