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Bremen gehen die Verteidiger aus Werder-Wirrungen gefährden Europa-Traum

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Sorgen um den Europa-Traum: Auch Davy Klaasen konnte die ersten beiden Saisonniederlagen nicht verhindern.

(Foto: imago images / eu-images)

Fußball-Bundesligist Werder Bremen ist bekannt dafür, dass Ruhe im Verein herrscht und besonnen gehandelt wird. Doch eine Wackelabwehr, viele Verletzungen und eine knappe Kasse könnten den Traum vom Europapokal im Keim ersticken.

Sechs Gegentore in zwei Spielen sprechen eine deutliche Sprache. Der SV Werder Bremen hat ein Problem in der Defensive. Hatte man an der Weser bei Abwehrschwächen in früheren Jahren einen Ailton, Diego oder jungen Pizarro, von denen einer einfach immer ein Tor mehr als die gegnerische Mannschaft schoss, fehlt heute neben einer geordneten Abwehr auch die Kaltschnäuzigkeit vorne. Zusätzlich gehen der Mannschaft schlichtweg die Spieler aus. Die Hanseaten befinden sich in einer Zwickmühle: Um das ehrgeizige Ziel Europapokal zu erreichen, muss Werder handeln - und zwar jetzt. Doch es fehlt an Geld und Optionen.

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Klar, dem SVW eine Krise an den Hals zu schreiben, ist Quatsch. Die Entwicklung unter Chefcoach Florian Kohfeldt in den vergangenen anderthalb Jahren ist weiterhin löblich und im Spielstil der Bremer zu beobachten. Zudem hätten die Niederlagen gegen Fortuna Düsseldorf und die TSG Hoffenheim durchaus anders ausgehen können, denn Bremen war größtenteils die spielbestimmende und gefährlichere Mannschaft. Werder ist groß darin, Probleme besonnen anzugehen und auf Stille und Frieden im Verein zu achten. Das hilft in vielen Situationen und sorgt für ein ruhiges Umfeld, in dem die Spieler gut arbeiten können. Aber momentan herrscht Chaos in der Oase der Ruhe.

Werder pennt bei Ecken

Denn in den ersten beiden Saisonspielen wurde deutlich, dass Werder bei Standards extrem anfällig ist, oft offensiv wie defensiv zu naiv agiert und durch einfache Spielzüge immer wieder leicht zu bezwingen ist. Nach dem Düsseldorf-Spiel hätte man die Verteidigung bei Standards üben können, aber gegen die TSG Hoffenheim fielen wieder zwei Gegentreffer nach Ecken. "Auf diesem Niveau darfst du dir zwei solche Standard-Gegentore einfach nicht leisten", schätzt Björn Knips, verantwortlicher Redakteur der "Deichstube", die Situation gegenüber n-tv.de ein. "Das waren auch keine Glückstore der Gegner, sondern da wurde gepennt. Da haben die Bremer ein Problem."

Werder wackelt. Auch Abwehrchef Niklas Moisander offenbarte eklatante Schwächen, die ihm nicht passieren dürfen, wenn er sich sein selbst ausgerufenes "Minimalziel Europa" erfüllen möchte. Der Finne orientierte sich beim Gegentor zum 1:2 gegen Düsseldorf zum Ball, ging nicht richtig hin und ließ Kenan Karaman zum Torschuss entwischen. Gegen Hoffenheim verschuldete er das 1:1, als er nach einer Ecke Ermin Bicakcic unbedrängt einköpfen ließ.

Das Bremer Lazarett wächst

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Oder Beispiel Marco Friedl: Der junge Österreicher wurde zu dieser Saison nach seiner Ausleihe fest vom FC Bayern verpflichtet, aber ist er jetzt schon wirklich bundesligatauglich? Im letzten Jahr hatte er einige Wackler, aber auch starke Spiele. Auf Dauer hat er sein Können noch nicht unter Beweis stellen können. Gegen Düsseldorf ließ er seinen Gegenspieler unbehelligt das 1:2 auflegen, beim Gegentreffer zum 1:2 in Sinsheim verpennte er, Ihlas Bebou abseits zu stellen.

Neu-Verteidiger Ömer Toprak machte im Düsseldorf-Spiel ebenfalls keine gute Figur. Beim 0:1 ging er ohne Grund im Sechszehner zu Boden, um dann umkurvt zu werden. Anschließend verlor er das Kopfball-Duell zum 1:3 - natürlich nach einer Ecke. Gegen Hoffenheim verletzte er sich und fällt jetzt erstmal sechs Wochen aus. Noch länger, nämlich drei Monate nach einer Knie-OP, fehlt Linksverteidiger Ludwig Augustinsson. Sebastian Langkamp (Muskelfaserriss), Philipp Bargfrede (Knieverletzung) und Milos Veljkovic (Zehenbruch) stehen ebenfalls nicht zur Verfügung. Kohfeldt sah sich sogar gezwungen, Christian Groß aus der zweiten Mannschaft hochzuziehen, der schon in der Vorbereitung und im Pokal ran durfte.

U21-Nationalspieler Maximilian Eggestein, in Hoffenheim nach Topraks Ausfall schon Aushilfsverteidiger, wird wohl auch gegen Augsburg am Sonntag (15.30 Uhr im Liverticker bei n-tv.de) hinten rechts auflaufen, weil Theodor Gebre Selassie in die Innenverteidigung umzieht. Das wirkt sich auf das defensive Gesamtgefüge aus, muss auch Coach Kohfeldt eingestehen: "Wir ziehen einen möglichen deutschen Nationalspieler aus dem Mittelfeldzentrum ab, um ihn außen verteidigen zu lassen, weil es nicht anders geht. Das ist nicht optimal. Vor allem nicht, weil uns Maxi im Mittelfeld fehlt."

Absage von Henrichs - wer kommt für Außen?

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Werder muss handeln - und zwar jetzt. Das Problem: Die Kasse ist fast leer. "Nach den Verpflichtungen von Niclas Füllkrug und Ömer Toprak ist das Budget eigentlich weg, weil Werder keine Spieler teuer verkauft hat", sagt Bremen-Experte Knips. "Mehr Geld hat Werder nicht! Das Problem ist allbekannt, Werder müsste neue Einnahmequellen erschließen, damit Baumann mehr ausgeben kann." Der Europapokal, freilich, wäre so eine Quelle. Doch ob sich die Hanseaten mit dieser Mannschaft und nach diesem Fehlstart noch fürs internationale Geschäft qualifizieren können?

Einen Außenverteidiger hoffte Werder schon den kompletten Sommer über zu verpflichten. Möglichst für die rechte Seite, als Konkurrent und Nachfolger für Gebre Selassie. Passiert ist bisher nichts. Etwas zu viel der Besonnenheit. "Das ist echt eine schwierige Nummer gerade: Werder will natürlich nicht irgendjemand holen, nur um überhaupt einen Spieler zu verpflichten. Keinen Mitläufer, sondern einen Fußballer, der dir richtig hilft", sagt Knips. Ein Spieler dieser Sorte ist Benjamin Henrichs vom AS Monaco, mit dem man sich eigentlich schon einig war, der dann aber doch per Telefon absagten - wohl auch weil Monaco Henrichs nicht, wie von Bremen erwünscht, verleihen, sondern direkt verkaufen wollte. Der U21-Nationalspieler hätte den Hanseaten sofort helfen können und sich sogar noch weiter entwickeln können. Knips sagte: "Hofft man weiter auf einen Spieler mit Perspektive oder holt man einen 30-Jährigen? Einen Außenverteidiger zu verpflichten, ist immer am schwierigsten." Nun herrscht aber nach der Augustinsson-Verletzung auch links akuter Bedarf. Bis zum 2. September bleibt noch Zeit - es wird nicht leichter für den SVW.

Bentaleb oder Krise

Und dann ist da ja noch Nabil Bentaleb. Mit dem Schalker Mittelfeldspieler, der auf der Sechs, Acht oder Zehn spielen kann, sollen sich die Hanseaten schon einig sein, aber das Ringen um die Transfermodalitäten zieht sich. Sportchef Frank Baumann erklärt mal wieder bedachtsam: "Wenn's klappt, würden wir uns freuen. Wenn nicht, müssten wir entscheiden, ob wir etwas anderes machen oder auf der Position gar nichts unternehmen." Bentaleb mit seiner Robustheit wäre wichtig für die wacklige Werder-Defensive. Eggestein könnte auf Nuri Sahin, der in den ersten beiden Saisonspiele wieder Defizite offenbarte, auf der Sechs ablösen, Bentaleb übernähme seine Position auf der Acht. Knips dazu: "Mit Bentaleb kannst du die Qualität noch mal erhöhen."

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Schirmt Bentaleb bald für Bremen den Ball ab wie hier gegen Raheem Sterling von Manchester City?

(Foto: imago images / RHR-Foto)

Auch Eggestein hofft auf den Transfer: "Er würde uns auf jeden Fall weiterhelfen. Keiner spielt gerne gegen ihn, weil er auch im Defensiv-Zweikampf eine Aggressivität an den Tag legt, die man gut gebrauchen kann." Aber dass Werder die Verpflichtung von Bentaleb und einem Außenverteidiger stemmen kann, ist eher unwahrscheinlich. "Das ist eine Grundsatzfrage und dafür bräuchte es erstmal einen konkreten Kandidaten auf Außen."

Man wolle auch in dieser kritischen Situation nichts überstürzen, heißt es aus der Bremer Führungsriege. Die Hanseaten müssen aufpassen, dass die knappen Kassen und die Werder-Besonnenheit sich nicht rächen. Für Bremen geht es im nächsten Heimspiel schon um alles. "Werder muss gegen Augsburg die Kurve kriegen, um nicht in einen Negativ-Strudel hereinzugeraten", sagt Knips. "Wenn es da keinen Sieg gibt, dann ist das eine Krise." Lediglich Besonnenheit und Ruhe werden nicht reichen, um den Strudel zu vermeiden - und der Traum von Europa könnte schnell ausgeträumt sein.

Quelle: n-tv.de

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