Fußball

Bundesliga-Check: Dortmund Wie Paris Hilton beim Power-Shoppen

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Vorfreude auf die neue Saison: BVB-Neuzugang André Schürrle und Coach Thomas Tuchel haben sichtlich Spaß.

(Foto: imago/Majerus)

Borussia Dortmund hat das Transferkarussell so heftig kreisen lassen, dass einem schwindelig werden konnte. Nur der Trainer hat die Maximalrotation bestens verkraftet und geht mit einem verschmitzten Grinsen in die Saison.

Plötzlich machte es "Bumm, Bumm" und Thomas Tuchel schwang mit der Moralkeule: "Der Markt ist verrückt, die Preise sind außer Kontrolle, das ist nicht gesund", verkündete der Trainer von Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund während der PR-Tour seines Arbeitgebers nach China. Und weiter: "Da ist kein Bezug mehr zu den Leuten, die in das Stadion kommen. Wir müssen aufpassen, dass wir diese Menschen nicht verlieren". Man spiele für die Fans und "nicht für unser Ego. Es zirkuliert zu viel Geld. Immer, wenn das der Fall ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Markt außer Kontrolle gerät."

Starke Worte, die einer gewissen Ironie nicht entbehrten. Schließlich saß neben Tuchel der Kollege Pep Guardiola, der es aus seiner Zeit in Barcelona, München und nun bei Manchester City gewohnt ist, das Geld mit vollen Händen auf den Transfermarkt zu schleudern. Und Tuchel selbst sitzt ja bei der Borussia Dortmund KGaA auch nicht gerade im Armenhaus. Während der Sommerpause hat der BVB mehr als 100 Millionen Euro in neue Spieler investiert, mit denen Tuchel nun arbeiten darf. Allerdings darf zur Ehrenrettung des Revierklubs angeführt werden, dass diese Reichtümer zuvor eingenommen wurden. Unter anderem deshalb, weil sich Guardiolas frühere Arbeitgeber Bayern und City für viel Geld aus dem Dortmunder Kader bedienten.

Was gibt's Neues?

Gegenfrage: Wo bitteschön sollen wir anfangen? Wer in der Sommerpause den Überblick behalten wollte, was sich in Dortmund personell alles tat, der musste ganz schön auf Zack sein: Teilweise wurde dem Beobachter schwindelig, so rasant rotierte das Personalkarussell: Mikel Merino (CA Osasuna, Spanien), Marc Bartra (FC Barcelona, Spanien), Sebastin Rode (Bayern München), Ousmane Dembélé (Stade Rennes, Frankreich), Raphael Guerreiro (FC Lorient, Frankreich), Emre Mor (FC Nordsjelland, Dänemark) und zuletzt die Königstransfers von Mario Götze (Bayern München) und André Schürrle (VfL Wolfsburg). Der BVB schlug zu wie Paris Hilton, wenn sie beim Power-Shoppen die Läden aufmischt, bis die Kreditkarte in Platin glüht. Acht neue Spieler holten die Dortmunder für jede Menge Kohle und müssen sich dennoch nicht vorwerfen lassen, in die Verschwendungssucht zurückzufallen, die sie einst an den Rande des Ruins getrieben hat. Schließlich hat die Borussia lediglich die 110 Millionen Euro reinvestiert, die sie beim Verkauf von Mats Hummels (zu den Bayern), Ilkay Gündogan (zu Manchester City) und Henrich Mchitarjan (zu Manchester United) eingenommen hatte.

Auf wen kommt es an?

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Der BVB und Trainer Thomas Tuchel im Shoppingrausch wie Paris Hilton.

(Foto: RTNEK Photography / MediaPunch/MediaPunch/IPx)

Auf genau den Mann, der sich nicht nur Gedanken um den ethischen Zustand seines Gewerbes macht, sondern der darüber hinaus auch noch als exzellente Fachkraft gilt: Thomas Tuchel. Der sieht sich nämlich in diesem Sommer mit der Aufgabe konfrontiert, ganz viel Potenzial so zu bündeln, dass die schwarz-gelbe Maschine unaufhaltsam durch die Bundesliga pflügt. Im Revier wurde in den letzten drei Monaten ganz schön viel Kohle umgewälzt und dabei hat die Borussia vieles richtig gemacht. Sicher, Schlüsselspieler wie Hummels, Gündogan und Mchitarjan sind nicht mal einfach so leicht zu ersetzen, aber dafür hat der BVB unheimlich viel Talent eingekauft. Eine solch breit gestreute Qualität im Kader hatten die Dortmunder nicht einmal in Meisterjahren zu bieten.

Was fehlt?

Das mit den riesigen Möglichkeiten ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite ist auch offensichtlich, dass der Dortmunder Kader einige Unwägbarkeiten und Risiken in sich birgt: Mit Götze und Schürrle hat der BVB für viel Geld jene Profis geholt, die bei der EM als Verlierer schlechthin identifiziert wurden. Die Schaffenskrise von Schürrle dauert seit geraumer Zeit an, auch Götze stolperte in seinen drei Münchener Jahren von einem Tief ins nächste, selbst wenn ihm – auf Flanke von Schürrle – das Tor gelang, das Deutschland 2014 in Brasilien zum Weltmeister machte. Es ist Tuchels Aufgabe, das Potenzial der beiden Kumpels wieder zum Vorschein zu bringen.

Und es ist Götzes Aufgabe, das Dortmunder Umfeld zurückzugewinnen. Tatsächlich versucht der verlorene Sohn, mit einer Charmeoffensive zu punkten. Bislang hat Götze zwar noch nicht gespielt, einen guten Eindruck hat er dennoch hinterlassen. Der Rückkehrer hat seine Schnösel-Attitüde mit Solarium-Bräune und Goldkettchen weitgehend abgelegt, blieb im Trainingslager bei jedem Fan für Autogramme und Selfis stehen und servierte seinen Kollegen sogar mit Schürze und Kochmütze bekleidet das Essen. Wenn es so mannschaftsdienlich weitergeht, kann es was werden mit einer zweiten Liebesbeziehung. Auch wenn der "Postillon" zuletzt vermeldete, Götze denke über eine Rückkehr nach München nach, weil er beim Supercup 90 Minuten auf der Dortmunder Bank verbrachte.

Wie lautet das Saisonziel?

Wenn Tuchel auf das Thema angesprochen wird, wie kompliziert es doch sei, das neue Ensemble einzuspielen, lächelt er vielsagend. Der Mann ruht in sich, weiß er doch, dass es wesentlich angenehmer ist, so viel Qualität auf den Rasen zu bringen, als den Mangel zu verwalten. Ein Porsche-Fahrer wünscht sich doch auch keinen Trabant, wenn er mit quietschenden Reifen anfährt, weil er so viele PS unter der Haube hat. Selbst wenn in Dortmund niemand ernsthaft daran glaubt, den Bayern mit dem neuen Sportwagen die Rücklichter zeigen zu können, gehen alle von einer starken Saison aus. Mit der Champions League rechnen im Pott nicht nur die Fans, sondern auch die Aktionäre.

Wie lautet die ntv.de-Prognose?

Apropos quietschende Reifen: Marco Reus hat seinen Führerschein! Wofür eine längere Verletzungspause doch alles gut sein kann. "Ich bin froh, dass ich das Kapitel damit abgeschlossen habe", verkündete der Nationalspieler, als er den Lappen endlich in den Händen hielt. 540.000 Euro hat Reus für das Fahren ohne Führerschein abgedrückt, jetzt kann er seine Luxuskarossen legal zum Training kutschieren. Und wer weiß, vielleicht darf er sogar den goldenen Lamborghini von Kumpel Aubameyang mal ausleihen – wenn er ihn ganz lieb bittet.

Auch sonst herrscht in Dortmund Harmonie. Der akribische Arbeiter Tuchel hatte in der Sommerpause viel Zeit, mit seinem Personal zu arbeiten. Zwar kehrten die Profis, die bei der EM dabei waren und bei den Olympischen Spielen in Rio mithalfen, Silber zu gewinnen (Sven Bender und Matthias Ginter) erst später zur Mannschaft, aber diejenigen, die das volle Vorbereitungsprogramm absolviert haben, sind voll im Saft. So wie Kagawa, Castro oder der junge Felix Passlack, der Franck Ribery beim Supercup dermaßen nervte, dass sich der Franzose mal wieder zu einer Tätlichkeit hinreißen ließ. Wenn jetzt noch die Nachrücker Gas geben, ist der BVB in drei Wettbewerben ein ernst zu nehmender Konkurrent, der nicht nur mitspielt, sondern auch wieder für Titel infrage kommt.

Quelle: ntv.de