Fußball

Aubameyang, Tuchel und der Fußball Wie der BVB mit sich selbst kämpft

Dortmund, Germany 01.02.2017, Training BV Borussia Dortmund, BVB, Trainer Thomas Tuchel (BVB) und Pierre-Emerick Aubameyang (BVB) ( DeFodi001

Dortmund Germany 01 02 2017 Training BV Borussia Dortmund Borussia team manager Thomas Tuchel Borussia and Pierre Emerick Aubameyang Borussia DeFodi001

Schwarzgelbes Krisengespräch? Trainer Thomas Tuchel und der offenbar abwanderungswillige Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang auf dem Trainingsplatz des BVB.

(Foto: imago/DeFodi)

Borussia Dortmund hat einen hochtalentierten Kader, einen fachlich herausragenden Trainer und ist in allen Wettbewerben noch auf Kurs. Klingt nicht nach Krise? Die gibt's beim BVB trotzdem. Nicht nur wegen Pierre-Emerick Aubameyang.

Pierre-Emerick Aubameyang ist eigentlich nicht so ein Typ, wie sie ihn in Dortmund gerne hätten. "Echte Liebe", so wollen sie es beim BVB immer und überall. Diesen Slogan hat sich die Borussia als Leitmotiv selbst auferlegt. Erfolgreich und harmonisch, groß, aber bescheiden, ehrlich auch. Und treu noch am allerliebsten.

Doch insbesondere auf letztgenannte Charaktereigenschaft können sie sich in Dortmund bei Aubameyang immer weniger verlassen. Er denke intensiv über einen Wechsel im kommenden Sommer nach, hat der Gabuner in einem am späten Dienstagabend gesendeten Interview mit dem französischen Radiosender RMC gesagt. Er stelle sich die Frage, "wenn ich die nächste Stufe gehen will, muss ich dann gehen?"

In der Einschätzung dessen, was das bedeutet, gehen die Meinungen rund um den BVB weit auseinander. Während Mediendirektor Sascha Fligge, wie die "Bild"-Zeitung berichtet, via Whatsapp-Mitteilung an ausgewählte Journalisten beschwichtigt und relativiert, gehen die Kommentatoren in den Dortmunder Lokalausgaben sehr wohl von einem vorzeitigen und vorbereiteten Wechsel des 27-Jährigen aus. Und käme es tatsächlich so, wäre der Abgang des titelhungrigen Stürmers wohl nur eine logische Konsequenz aus dem Umbau der Borussia im vergangenen Sommer.

Das Topteam wegtransferiert

Mit Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henrikh Mkhitaryan verloren die Schwarzgelben drei Säulen ihrer so erfolgreichen ersten Saison unter Thomas Tuchel. Gegen den Willen des Trainers, wie aktenkundig belegt ist. Denn tatsächlich hatte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke versprochen, auf keinen Fall alle drei Leistungsträger in einer Transferperiode ziehen zu lassen. Stattdessen verlor Tuchel sein Toptrio und bekam einen hochspannenden Talentepool mit André Schürrle und Mario Götze als weltmeisterliche Transfer-Trostpflaster – bei gleichzeitig erhöhtem Anspruch. Nämlich: Den Bayern richtig Feuer machen.

Geklappt hat das bislang freilich nicht. Der BVB ist auch, aber nicht nur wegen großem Verletzungspech - unter anderem Marco Reus und Europameister Raphaël Guerreiro - in der Liga überraschend nur Vierter. Abgeschlagen hinter den Münchnern und Aufsteiger RB Leipzig, die den Titel wohl unter sich ausmachen, und auch noch hinter Eintracht Frankfurt. Die spielen zwar eine fantastische Saison, gehören aber ebenso wie 1899 Hoffenheim, Hertha BSC und der 1. FC Köln zu Mannschaften, die die Dortmunder seit Jahren hinter sich wähnten. Sie alle aber – und das ist die schwarzgelbe Realität, die auch Aubameyang beschäftigt – kämpfen um Platz drei, den Platz der zur direkten Teilnahme an der Champions League berechtigt.

Noch ist nichts passiert ...

Noch ist aus Sicht der Borussia in dieser Saison eigentlich nichts Schlimmes passiert. Denn die Chance auf Erreichen des Minimalziels, die Königsklassen-Qualifikation ohne Umwege, ist ebenso intakt wie ein erfolgreiches Abschneiden im nationalen und europäischen Pokal. Was dagegen ungut wirkt, sind die Töne, die derzeit rund um den Klub angestimmt werden. Da sind die nachträglich mühsam glattgebügelten Missstimmungen bei der Verpflichtung des schwedischen Top-Talents Alexander Isak. Da ist der eigenartige Umgang des Trainers mit dem zwar öffentlich geschätzten, aber nur sporadisch eingesetzten Mario Götze. Da sind immer neue taktische Varianten, die die Frage nach einer Überforderung des Kaders aufwerfen. Da war plötzlich eine unglücklich angestoßene Kapitänsdebatte. Und da sind sportliche Auftritte, die die aktuell klaffende Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit flutlichthell ausleuchten.

Mit solch einem Wust an negativen Begleittönen hat sich der Klub lange nicht beschäftigen müssen. Selbst vor zwei Jahren nicht, als der BVB in seiner letzten Saison mit dem fast schon ikonischen Trainer Jürgen Klopp als Tabellenletzter in die Winterpause ging. Von Titeln ist der BVB derzeit so weit entfernt wie von Ruhe. Und genau das ist aktuell das große Dilemma des Klubs. Denn die Infrastruktur der Dortmunder ist allen Bereichen auf Triumphe ausgelegt.

Sowohl das sportliche Anspruchsdenken als auch das Trainerteam und das Management bewegen sich auf europäischem Spitzeniveau. Dass sich international so begehrte Jugendspieler wie Isak oder im vergangenen Sommer Ousmane Dembelé trotz finanziell lukrativerer Angebote für das Ruhrgebiet entscheiden, ist ja ein unumstößlicher Beleg für die clevere und perspektivisch auf höchstem Niveau ausgerichtete Kaderplanung.

Sollte Aubameyang den Verein im Sommer wirklich verlassen, es wäre für den BVB sportlich wieder einmal ein ganz bitterer Abgang. Aber Aubameyang ist halt Profi, kein Idealist. Er will den großen Erfolg, er will Titel. Und vermutlich träumt er davon, irgendwann einmal für wenigstens ein Jahr der beste Fußballer der Welt zu sein oder zumindest einer der bestbezahlten.

Bei einem reizvollen Angebot - und angesichts der Vertragslaufzeit bis 2020 müsste es wirklich sehr reizvoll werden - wird die Borussia ihn ziehen lassen. Die Verantwortlichen werden die Lücke schließen, wie sie es bereits bei Mario Götze im Sommer 2013 geschafft haben und mit Verspätung dann auch, als Robert Lewandowski seine Töppen packte und wie Götze nach München zog.

Wichtiger als Namen ist aus Dortmunder Sicht letztlich: Endlich wieder Ruhe - und gelebte "Echte Liebe". Auch wenn der Slogan für viele nicht mehr als Marketing ist: Er zeichnet den Klub aus und macht ihn erfolgreich, wirtschaftlich, sportlich, menschlich. Und er kann, das hat die Vergangenheit bewiesen, gleichzeitig Ersatz und Basis sein für etwas, das in Dortmund ja nicht nur Aubameyang vermisst: Titel.

Quelle: ntv.de