Fußball

Antworten zum peinlichen Chaos Wie der DFB sich selbst vernichtet

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Fritz Keller soll zurücktreten - macht es aber bislang nicht.

(Foto: imago images/Martin Hoffmann)

Noch ist Fritz Keller DFB-Präsident. Mit jeder Stunde ohne eine Reaktion des 64-Jährigen auf die Rücktrittsforderung der mächtigen Landes- und Regionalchefs am Sonntag in Potsdam wächst aber der Druck auf Keller und den Deutschen Fußball-Bund, der tief in der nächsten Führungskrise steckt. Keller, der sich mit seinem Nazi-Vergleich selbst massiv geschwächt hatte, wäre nach Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel der dritte DFB-Präsident hintereinander, der wegen Verfehlungen das Amt abgibt. Fragen und Antworten.

Was wäre denn, wenn Keller zurücktritt? Beugt er sich dem Druck der Präsidenten der Landes- und Regionalverbände, regeln die Statuten das weitere Vorgehen. "Endet das Amt des Präsidenten vorzeitig oder ist er an der Ausübung des Amts nicht nur vorübergehend gehindert, obliegt die Vertretung des Präsidenten den gleichberechtigten 1. Vizepräsidenten", heißt es in den Statuten. Aktuell würden also der für die Amateure zuständige Rainer Koch sowie Peter Peters als Stellvertretender Sprecher des Präsidiums der Deutschen Fußball Liga die DFB-Führung übernehmen. Koch vertritt den DFB als Mitglied im Exekutivkomitee der UEFA, Peters sitzt seit kurzer Zeit im Council des Weltverbandes FIFA. Ein neuer Präsident wird bei einem ordentlichen oder außerordentlichen Bundestag gewählt. Die Landes- und Regionalchefs sprachen sich am Sonntag gegen eine außerordentliche Versammlung aus, der nächste Bundestag würde erst 2022 stattfinden.

Ging es in Potsdam eigentlich auch um Koch? Ja, es ging auch um Koch und es ging ebenfalls um Schatzmeister Stephan Osnabrügge, beide dem Anti-Keller-Lager zuzurechnen. Ihnen wurde in einer geheimen Abstimmung das Vertrauen ausgesprochen, erklärte Vizepräsident Ronny Zimmermann. Koch, Chef des Bayerischen Fußballverbands und früher schon mal Interimsboss beim DFB, war damit zunächst der große Gewinner im Machtkampf mit Keller. Allerdings genießt er auch nicht uneingeschränkte Rückendeckung: Die Vertrauensfrage fiel mit 21 Ja-, 13 Nein-Stimmen und drei Enthaltungen zugunsten von Koch aus.

Und was war da schon wieder mit Koch und dem Sommermärchen? Koch hat die Anschuldigungen des früheren Präsidenten Reinhard Grindel in Bezug auf seine Rolle rund um die Recherchen zu fragwürdigen Zahlungen im Rahmen der Vergabe der WM 2006 zurückgewiesen. Grindel hatte in einem ZDF-Interview gesagt, dass Koch früher als bislang bekannt von den Enthüllungen des Nachrichtenmagazins "Spiegel" gewusst habe, davon aber "nicht das Präsidium oder zumindest den Präsidenten unterrichtet" habe. Er sei "sehr verwundert" gewesen, sagte Grindel, "dass Herr Koch seine Situation so beschrieben hat, dass er zum ersten Mal von dem ganzen Vorgang hört", als Niersbach das Präsidium in einer Konferenz informierte. Dadurch sei die Chance vertan worden, "dass wir als DFB selbst aktiv vor einer Veröffentlichung den Sachverhalt hätten aufklären und entsprechende Maßnahmen von uns aus treffen können. Das hätte der Glaubwürdigkeit des DFB sicherlich sehr geholfen".

Was wird aus Kellers großem Gegenspieler beim DFB? Generalsekretär Friedrich Curtius war in den vergangenen Monaten erbitterter Gegner von Keller, auch ihm wurde von den Landes- und Regionalchefs das Vertrauen entzogen. Anders als Keller kann Curtius aber nicht zum Rücktritt aufgefordert werden, der 44-Jährige steht beim DFB als höchster hauptamtlicher Mitarbeiter unter Vertrag. Curtius verantwortet unter anderem den Geschäftsbetrieb der DFB-Zentrale in Frankfurt, wo ihm eine große Hausmacht nachgesagt worden war. Die DFL hatte sich schon im Januar gegen den DFB-General gestellt - in die Sitzungen der Liga soll seitdem Koch entsandt werden.

Was ist da eigentlich überhaupt los bei den DFB-Bossen? Die Spitze ist schon länger zerstritten. Seit Monaten stehen sich die Lager um Keller und Curtius nahezu unversöhnlich gegenüber. Dies führte an der Basis zu großem Unmut, den zahlreiche Vertreter der Landes- und Regionalverbände vor der Sitzung in einem Protestbrief artikuliert haben. Durch gegenseitig vorgebrachte Anschuldigungen und diskreditierende Informationen, die in den vergangenen Wochen von beiden Fraktionen immer wieder an die Medien weitergegeben wurden, war der Konflikt zwischen Keller und Curtius immer wieder hochgekocht. Auch der Mitte Januar verkündete Frieden war rasch wieder aufgekündigt.

Ist der DFB unkontrollierbar? Nun, es wirkt so. Sollte Keller zurücktreten, wäre er der dritte Präsident in Folge, der aus dem Amt stolpert. Sein Vorgänger Grindel war das Uhren-Geschenk eines ukrainischen Oligarchen zum Verhängnis geworden. Dessen Vorgänger wiederum stürzte über seine Rolle in der Sommermärchen-Affäre. "Wenn man jemanden aus personalpolitischen Gründen fertigmachen will, dann ist es schon schlimm genug, wenn mit Indiskretionen an die Medien gegangen wird", sagte Grindel in einem am Freitagabend veröffentlichten Interview des ZDF: "Aber man muss eben immer dabei bedenken, dass am Ende ja alles am DFB hängen bleibt und dem Verband schwerer Schaden zugefügt wird."

Warum hat Keller Koch eigentlich als "Freisler" beschimpft? Nun, das ist nicht bekannt. Was bekannt ist: Schon zu seiner Zeit als Präsident des SC Freiburg galt Keller als Mensch, der seine Emotionen nicht immer im Griff hatte. In mehreren Medien ist von cholerischen Anfällen die Rede. Auch beim DFB soll er schon häufiger mal laut geworden sein. Was aber ausgeschlossen werden kann: Hinter der Attacke steckt kein rassistisches oder antisemitisches Gedankengut. Keller hat sich wiederholt und glaubwürdig dagegen positioniert.

Welche Rolle spielt nun die Ethikkommission? Noch ist unklar, ob und wie die DFB-Ethikkommission Kellers Nazi-Vergleich behandelt. Der DFB-Präsident hatte seinen Vize Koch in einer Präsidiumssitzung als "Freisler" bezeichnet und so mit Roland Freisler, dem Vorsitzenden des Volksgerichtshofes im Nationalsozialismus, verglichen. Keller hatte daraufhin Koch um Entschuldigung gebeten, die dieser aber auch am Sonntag in einem persönlichen Gespräch nicht annahm. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ist Kochs Entscheidung für die vierköpfige Ethikkommission von Bedeutung, die laut DFB-Beschreibung "in allen Fällen, die der Integrität und dem Ansehen des DFB und seiner Mitgliedsverbände schaden, insbesondere bei illegalen und unethischen Verhaltensweisen", Ermittlungen aufnehmen soll.

Kann die Ethikkommission Keller stürzen? Ein Ethikverfahren gegen Keller könnte auch ausschlaggebend sein, sollte es in den kommenden Tagen zur Schlammschlacht kommen. Einfach abberufen werden kann ein DFB-Präsident nicht. Zuständig wäre wohl der DFB-Vorstand, der sich aus den Präsidiumsmitgliedern, den Landes- und Regionalchefs sowie zwölf DFL-Vertretern zusammensetzt. "Der Vorstand ist berechtigt, Präsidiums-, Vorstands- und Ausschussmitglieder bei grober Pflichtverletzung oder bei Unwürdigkeit mit sofortiger Wirkung ihrer Tätigkeit im DFB durch schriftlich begründete Entscheidung bis zum nächsten ordentlichen Bundestag zu entheben", steht in den Statuten. Die Landes- und Regionalchefs ließen nach der Tagung in Potsdam ein klares Urteil zum Nazi-Vergleich mitteilen: "Eine derartige Äußerung ist völlig inakzeptabel und macht uns fassungslos."

Quelle: ntv.de, tno/dpa/sid

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