Fußball

Klinsmann, die Macht, das Geld Wie soll das bei der Hertha klappen?

Trainer Jürgen Klinsmann spricht mit dem Investor, nicht aber mit dem Klub. Er schmeißt hin und setzt sich in den Aufsichtsrat. Dort soll er nun aufpassen, dass Manager Michael Preetz das viele Geld richtig ausgibt. Eine Soap? Willkommen bei Hertha BSC.

Zwei Tage hatten die Bundesligafußballer von Hertha BSC trainingsfrei. Sie sollten den Kopf nach einer sportlich anstrengenden und emotional aufreibenden Woche freibekommen. Das hatte ihnen Trainer Jürgen Klinsmann verordnet. Der war derweil zu Beginn dieser Woche, anders als seine Fußballer, sehr umtriebig. Er sprach mit Fans, er sprach mit Journalisten. Er sprach mit ihnen gewohnt euphorisch über Visionen und Ambitionen. Wie er es so gerne tat, seit er sich über den Aufsichtsrat mit dem Berliner Klub verband. Und auch später als Trainer blickte er lieber auf den mittelfristigen Erfolg, den er mindestens in der Europa League verortete, als auf den aktuellen Abstiegskampf. Der aber hat ihn offenbar zermürbt, nach nur 76 Tagen. Weil ihm das Vertrauen für seine Arbeit fehle, so verkündete er am Dienstagmorgen via Facebook, zieht er sich wieder zurück - wieder in den Aufsichtsrat.

Auch darüber sprach er. Zunächst mit Lars Windhorst. Das ist der Mann, dessen Investitionen die Hertha zur ganz großen Nummer werden lassen sollen. Und danach mit seinen Followern. Den Klub erwischte er mit seiner Entscheidung völlig unvorbereitet. Ein Affront, mindestens. Ein Skandal irgendwie auch. Einer, der mächtig nachhallen wird. Denn die Art und Weise des Rückzugs vom mächtigen Mann im Rampenlicht zum mächtigen Mann im Hintergrund wird die Berliner belasten. Zwar ist unklar, welchen Einfluss der 55-Jährige über den Aufsichtsrat ausüben wird. Was aber klar ist: Hertha ist abhängig von seinem Inverstor. Und Windhorst schätzt Klinsmann.

Der ist nach nur zehn Wochen als Trainer nun also nicht weg, sondern er bleibt - als von Windhorst bestelltes Mitglied im Aufsichtsrat der Hertha BSC Kommanditgesellschaft auf Aktien, kurz KGaA. Der Investor hatte sich seit dem Sommer über seine Beteiligungsfirma Tennor mit 224 Millionen Euro 49,9 Prozent der Anteile an dieser KGaA gesichert. Dorthin hat der Bundesligist seit 2002 den Spielbetrieb der Profi-, der Amateur- sowie der A-Jugend-Mannschaft ausgegliedert. Anfang November stellte er Klinsmann als sportlichen Berater ein, der einen von vier Plätzen im Aufsichtsrat besetzt, die Windhorst in dem neunköpfigen Gremium zustehen. Klinsmann sollte ein Auge auf die Arbeit der Geschäftsführung haben, also auch auf Manager Michael Preetz.

Es geht auch um Macht

Das soll er nun wieder tun. Die Fronten scheinen klar. Auf der einen Seite Windhorst, das viele Geld, Klinsmann und das "spannendste Fußballprojekt Europas". Auf der anderen Seite Preetz und Präsident Werner Gegenbauer, die den enthemmten Reformern als Bremser gelten dürften, weil sie sich allzu großen Umwälzungen widersetzten und gerne darauf hinweisen, dass ein Fußballverein organisch wachsen muss und sportlicher Erfolg sich nicht von heute auf morgen kaufen lässt. Wie der "Tagesspiegel" berichtet, ging es bei Klinsmanns Rücktritt um einen neuen Vertrag über den Sommer hinaus. Demnach habe der Trainer darauf gedrungen, noch mehr Macht und wohl auch sehr viel mehr Geld zu bekommen und zu einer Art zweiter Manager aufzusteigen - neben, wohl lieber noch vor Preetz.

Mit seinem Rückzug nun beschädigt Klinsmann ausgerechnet jenes Vertrauen, welches er selbst vermisst hat. Und er lässt damit auch den Richtungsstreit eskalieren. Zwischen den Bewahrern der alten Hertha, des soliden Mittelmaßklubs, und den Visionären der neuen Hertha, die den Verein zu einem Großstadtklub von internationaler Reputation machen wollen. Ohne allerdings einen Plan zu haben, der sonderlich ausgereift und nachhaltig durchdacht scheint. Viel Geld, viel Erfolg - so liest sich Windhorsts "Big City Club"-Vision. Davon wird er kaum abrücken.

Der Investor will mit seinem Engagement möglichst viel Geld verdienen. Das ist kein romantisches Herzensprojekt. Solch ein Ansinnen hat wenig Raum für Zeit. Solch ein Ansinnen fordert Radikalität. Die hat Klinsmann als Trainer durchgedrückt. Er hat den Kader umgebaut, hat die Wertigkeit der Spieler umverteilt. Alte Erfolge, DFB-Ehren - egal. Erfolgreich war das kaum, im Ergebnis noch mehr als in der Entwicklung der Mannschaft. Nun mochte das niemanden überraschen. Schon als Bundestrainer warf er rund um die Nationalmannschaft herum alles um, beim FC Bayern ebenfalls. Während der DFB profitierte, waren sie in München verzweifelt. Und bei der Hertha?

Jürgen Klinsmann schmeißt nach nur 76 Tagen bei Hertha BSC als Trainer hin. Anfangs präsentiert er sich als Visionär, weckt Euphorie und entwickelt große Ambitionen. Doch die Realität heißt Abstiegskampf - und endet in einem stillosen Abgang. Auch Fettnäpfchen lässt der Kurzzeit-Coach nicht aus.

Quelle: ntv.de