Fußball

Bundesliga-Check: Hamburger SV Wilde Lust auf Langeweile

65020e79582ba488bf7858a0d86d8214.jpg

Der Hamburger SV tat in den vergangenen Spielzeiten richtig weh. Und diesmal?

(Foto: imago/Nordphoto)

Diesmal aber wirklich: Der Hamburger SV will Dilettantismus und Chaos endlich hinter sich lassen. Warum das klappen sollte, kann aber nicht mal der Bundesliga-Dino selbst schlüssig beantworten. Die Hoffnung heißt Hahn - oder doch "Pannen-Polli"?

Und es spricht Markus Gisdol: "Allein dadurch, dass wir der HSV sind, werden wir in der nächsten Saison keine Punkte holen." Schlichte Trainerweisheiten gegen schlechten Fußball, mit diesem raffinierten Rezept wollen sie beim Hamburger SV also die nächste Chaossaison verhindern. Klappte in der Vorbereitung, wo normale Bundesliga-Klubs das Fundament für eine stabile Spielzeit legen, bislang so mittel. Hamburger Highlights: ein erzwungener Trainingslagerwechsel, weil der vorgesehene Platz durch die Fußball-WM der Ärzte ramponiert war. Ein 700-Meter-Gegentor samt 3:5-Klatsche gegen einen Zweitligisten. Und die Erkenntnis: 88 Prozent der HSV-Fans legen viel Wert auf den Besitz hochwertiger Produkte - womit die n-tv.de Redaktion leider so wenig anfangen kann wie der HSV in den meisten Testspielen mit dem Ball. Deshalb spendieren wir dem HSV doch einfach schon mal 2 der 23 Trostpunkte, mit denen sich die Hamburger am Saisonende in die Relegation schummeln werden:

Was gibt's Neues?

Ambitionen schon mal nicht (siehe Saisonziele), aber einen Hauch von "Inception" an der Elbe. Sportchef Jens Todt, als Wunschkandidat Nr. 387 von Zweitliga-Absteiger Karlsruher SC abgeworben, möchte in Köpfen von Fans und Spielern folgenden Gedanken keimen lassen: "Wir wollen gern bescheiden sein." Der HSV entdeckt die wilde Lust auf Langeweile. Bei Gisdol, der seine Trainerarbeit im "Kicker" inzwischen als eine Art "Change Management" umreißt, hat es schon gefruchtet. Er schlägt als Ausweg aus dem jahrelangen Dauerchaos auf allen Vereinsebenen vor, "dass wir nicht mehr über das riesige Potenzial, den großen Klub und die tolle Stadt reden." Dass Neuzugang und Gisdol-Wunschspieler Andre Hahn seinen Wechsel zum HSV mit eben diesem ungenutztem "Potenzial" begründete – geschenkt.

Denn: Kühne Transfers (Kostic, Halilovic, …) dank Kühne-Millionen gab es diesmal nicht. Die Hamburger haben hanseatisch-vernünftig eingekauft und ihr Anforderungsprofil auf den Abstiegskampf abgestimmt. Geholt wurden entwicklungsfähige Profis mit Teamgeist, Kampfkraft, Wille, die laut Todt "noch Schritte vor sich haben" und sich wie Andre Hahn auch nicht scheuen, dafür erstmal einen zurück zu machen. Neben Gladbachs Ex-Nationalspieler sind das bisher Abwehr-Haudegen Kyriakos Papadopoulos (Bayer Leverkusen), Abwehrspieler Bjarne Thoelke vom KSC, U21-Europameister Julian  Pollersbeck vom 1. FC Kaiserslautern und das niederländische Verteidiger-Talent Rick van Drongelen von Sparta Rotterdam. Es soll aber noch weiter geshoppt werden – und aussortiert. Denn trotz prominenter Abschiede von Großverdienern wie René Adler gilt: Der HSV-Kader ist im Ligavergleich weiterhin unterdurchschnittlich talentiert, aber überdurchschnittlich teuer. Wer also Interesse an einem Lewis Holtby oder Pierre-Michel Lasogga (Familien-Fotoshooting inklusive) hat: Die HSV-Geschäftsstelle erreichen Sie unter 040 4155 - 1887.

Auf wen kommt es an?

5d687908629f6c8455734375b70a9f08.jpg

Hoffnungsträger: Hahn.

(Foto: imago/Nordphoto)

Julian Pollersbeck, glaubten die Kollegen vom "Kicker" bei Drucklegung ihres Bundesliga-Sonderheftes. Dort schwärmen sie vom U21-Europameister als "eine Art Symbolfigur für die Hoffnung auf den Aufbruch und Wandel", nur Hermann Gerlands Vergleich von Philipp Lahm mit einer leckeren Bratwurst hat uns in diesem Fußballjahr bislang mehr gerührt. Aber: Nimmt man den Einstand des Keepers beim HSV mit gleich zwei, Obacht, "Pollersböcken" in den ersten beiden Spielen zum Gradmesser, droht mit, Obacht, "Pannen-Polli" eher der Aufbruch in den Einbruch. Die besseren Karten auf den Titel Stammtorhüter hat derzeit Christian Mathenia. Bliebe Andre Hahn als Schlüsselspieler. Der pressingbegeisterte Offensivallrounder könnte nach dem Adler-Abflug nicht nur die ornithologisch interessierten HSV-Fans beglücken, sondern dem Angriffsspiel als Fixpunkt endlich Struktur geben. Denn …

Was fehlt?

… der HSV-Trainer heißt zwar seit 312 Tagen Markus Gisdol. Markus-Gisdol-Fußball spielt der HSV aber nicht. Der Mann, der das Spiel des Bundesliga-Dinos laut "Süddeutscher Zeitung" radikalisieren sollte, träumt gut ein Jahr nach Amtsantritt immer noch von einer "Spielidee, die einen Wiedererkennungswert hat". Keiner revolutionären Spielidee, einfach seiner Spielidee - also davon, der Abstiegsangst nicht mehr nur stolpernd davonzurennen. Sondern davon, nach der erfolgreichen Implementierung des aggressiven Gisdol-Pressings jetzt auch das kontrollierte und möglichst schnelle Umschaltspiel in die Spitze zu etablieren. Ein wenig Spiel mit dem Ball und taktische Variabilität darf's dann doch mal sein. Mit Hahn als Unterstützung für Sturmspitze Bobby Wood und Filip Kostic plus Vertragsrebell Nicolai Müller auf Außen hat Gisdol dafür im Angriff auch die richtigen Spieler. Gut tun würde dem Kader noch ein erfahrener Sechser für die Mittelfeldzentrale. Suboptimal: Angeblich fahndet Sherlock Todt aber vor allem noch nach Verstärkungen für die Abwehr.

Wie lautet das Saisonziel?

In den vergangenen vier Spielzeiten tanzten die Hamburger dreimal vehement die Zweitklassigkeit an, aber Kenner wissen: Nicht mal absteigen kann der HSV, mehr als das Relegations-Double war nicht drin. Trotz Hahn-Power und neuer Bescheidenheit rechnet Heribert Bruchhagen, im Winter als HSV-Vorstandschef, Retter und Sanierer in Personalunion vom Bezahlfernsehen abgeworben, vorsichtshalber mit dem erneuten "Extremfall", wie es die "Sportbild" dezent formuliert. Todt wäre schon zufrieden, "wenn wir auch mal ein Spiel verlieren können, ohne sofort auf einen Abstiegsplatz abzurutschen". Wie sagte schon der Fußball-Philosoph Karl-Heinz Rummenigge: Manchmal muss man nicht nur kleine Fischbrötchen backen, sondern auch essen.

Die Prognose von n-tv.de

"Im Moment hat vor dem HSV keiner Angst", klagt Klubikone Uwe Seeler. Stimmt leider nicht, n-tv.de zittert - vor, aber vor allem um den HSV und Coach Gisdol. Der hatte nach der letzten Saison gestanden: "Noch so ein Jahr schaffe ich nicht. Damit muss jetzt Schluss sein." Dazu sollte der machbare Saisonstart mit Spielen gegen Augsburg, Köln, Leipzig und Hannover aber auf keinen Fall in die Rothose gehen.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema