Collinas Erben

"Collinas Erben" loben Beim Abseits ist der Videobeweis stark

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Kein Elfmeter, mein Freund: Paco Alcácer.

imago/Revierfoto

In Dortmund versagt der Schiedsrichter dem BVB einen Elfmeter, den viele für glasklar halten. Doch der Video-Assistent greift nicht ein - aus einem guten Grund. Beim Umgang mit dem Abseits führt der Videobeweis zu einer wesentlichen Änderung.

Groß war die Aufregung in der elften Minute der Partie zwischen Borussia Dortmund und Werder Bremen (2:1) an diesem 15. Spieltag der Fußball-Bundesliga: Nachdem Marco Reus, von Paco Alcácer glänzend in Szene gesetzt, mit dem Ball in den Strafraum der Gäste eingedrungen war, kam er dort bei einem Zweikampf mit Davy Klaassen zu Fall. Der Bremer hatte ihn zum einen ein wenig geschubst und zum anderen einen Fußkontakt verursacht. Schiedsrichter Guido Winkmann genügte das jedoch nicht, um auf Strafstoß zu entscheiden. Er signalisierte Reus deutlich und energisch: Steh auf, das war kein Foul! Auch Video-Assistent Robert Hartmann griff nicht ein, was viele Kommentatoren verwunderte und die BVB-Fans empörte: War das etwa kein hundertprozentiger Elfmeter? Lag der Unparteiische mit seiner Entscheidung nicht klar und offensichtlich falsch?

Klaassen hatte sich jedenfalls nicht um den Ball bemüht, sein Einsatz war ausschließlich gegen Reus‘ Körper gerichtet. Möglich deshalb, dass Hartmann beim Betrachten der Bilder zu dem Schluss kam, dass es richtig wäre, dem Referee ein Review am Spielfeldrand zu empfehlen. Dass er es dennoch an diesem Samstagabend nicht tat, dürfte einen Grund gehabt haben, der zunächst keinem Berichterstatter aufgefallen war: Beim Zuspiel von Alcácer hatte sich Reus knapp im Abseits befunden. Der Schiedsrichter-Assistent hatte seine Fahne zwar nicht gehoben, auch nicht nach dem Ende des Dortmunder Angriffs in dieser Szene. Aber der Video-Assistent wird das Abseits zweifellos entdeckt haben. Denn beim sogenannten Check nach einer Elfmeterentscheidung oder einer elfmeterverdächtigen Situation wird immer auch geprüft, ob sich in der betreffenden Angriffsphase zuvor ein Verstoß der angreifenden Mannschaft ereignet hat.

Einen Strafstoß für den BVB hätte es also in keinem Fall gegeben, deshalb bestand für Robert Hartmann in Köln auch nicht die Notwendigkeit eines Eingriffs. Das blieb bei der Fernsehübertragung der Partie allerdings unklar. Erst Markus Merk, früherer FIFA-Schiedsrichter und heutiger Experte des Bezahlsenders Sky, sorgte eine halbe Stunde nach Spielende für Klarheit. Auf Twitter veröffentlichte er ein Standbild, das den Moment des Abspiels von Alcácer auf Reus festhielt. Mithilfe einer Linie ließ sich erkennen, dass der Dortmunder Kapitän der gegnerischen Torlinie einige Zentimeter näher war als der vorletzte Bremer Spieler und sich somit im Abseits befand. Völlig richtig lag Video-Assistent Hartmann auch mit seiner Information an den Unparteiischen, dass Alcácer seinen Treffer in der 20. Minute nicht aus Abseitsposition erzielt hatte. Schiedsrichter Winkmann erklärte das ursprünglich annullierte Tor deshalb doch noch für gültig.

Wie eine neue Anweisung den Umgang mit dem Abseits beeinflusst

Ebenfalls korrekt war Hartmanns Hinweis auf Mario Götzes Abseitsstellung bei dessen Treffer in der Nachspielzeit. Das Tor war zunächst anerkannt worden, weil der Schiedsrichter-Assistent kein Fahnenzeichen gegeben hatte. Auch in der Begegnung zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und Borussia Mönchengladbach (0:0) sowie in der Partie zwischen Eintracht Frankfurt und Bayer 04 Leverkusen (2:1) wurde jeweils ein Abseitstor, das zunächst anerkannt worden war, nach berechtigter Intervention des Video-Assistenten annulliert. Beim Abseits zeigt der Videobeweis generell seine Stärke, weil es sich dabei um eine Entscheidung handelt, bei der es grundsätzlich nur schwarz und weiß gibt, die also eindeutig ist. Davon ausgenommen sind die wenigen Situationen, in denen es für den Schiedsrichter schwierig zu beurteilen ist, ob ein Spieler im Abseits, der den Ball nicht spielt, durch seine Position oder Bewegung möglicherweise einen Gegner im Kampf um die Kugel beeinträchtigt.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

In dieser Saison wurde bislang 13 Mal auf Geheiß des Video-Assistenten ein Treffer wegen Abseits aberkannt, der ursprünglich gegeben worden war. Bemerkenswerter ist allerdings der umgekehrte Fall: Fünfmal wurde ein vermeintliches Abseitstor schließlich doch noch anerkannt. Das ist möglich geworden, weil die Schiedsrichter-Assistenten mittlerweile sehr konsequent eine Anweisung umsetzen, die sie anfangs noch vor Probleme stellte, weil sie jahrzehntelang eine andere Praxis gewohnt waren: Bei knappen Abseitssituationen mit Torgefahr sollen sie ihre Fahne nicht sofort heben, sondern damit warten, bis der Angriff abgeschlossen ist. Der Grund dafür: Geht der Ball ins Tor und folgen das Fahnenzeichen und der Pfiff des Referees erst danach, kann der Video-Assistent eine Prüfung vornehmen und dem Schiedsrichter empfehlen, den Treffer doch noch für gültig zu erklären, wenn sich herausstellt, dass kein Abseits vorlag.

Wird die Fahne dagegen schon vor der Torerzielung gehoben und folgt der Unparteiische dem Signal seines Helfers an der Seitenlinie, indem er in seine Pfeife bläst, dann ist das Spiel unwiderruflich unterbrochen. Der Video-Assistent wäre in diesem Fall zur Untätigkeit verdammt, und ein Treffer könnte nicht mehr anerkannt werden. Um das zu vermeiden, sind die Schiedsrichter-Assistenten gehalten, bei Torgefahr grundsätzlich mit der offenen Signalgebung zu warten, sofern das Abseits nicht überdeutlich ist. Für Zuschauer und Kommentatoren ist das noch immer ungewohnt. Allzu viele von ihnen schließen aus einem späten Fahnenzeichen, dass der betreffende Assistent unsicher und zögerlich ist. Ein Trugschluss, der sich nur schwer korrigieren lässt.

Das Abwarten kann kuriose Folgen haben

Allerdings führt die besagte Anweisung bisweilen auch zu kuriosen Situationen. So kam beispielsweise vor Wochenfrist der Berliner Davie Selke im Spiel zwischen Hertha BSC und Eintracht Frankfurt kurz hinter der Mittellinie bei einem Konter aus knapper Abseitsposition in Ballbesitz und hatte freie Bahn zum Tor. Man merkte dem Assistenten an, wie unwohl er sich damit fühlte, die Fahne nicht sofort zu heben. Während Selke schier endlose 50 Meter auf dem Weg zum Tor der Frankfurter zurücklegte und schließlich einschoss, verlangsamte der Assistent sein Tempo immer mehr, um schließlich sein Arbeitsgerät emporzurecken, als der Angriff endlich abgeschlossen war und die Kugel im Gehäuse der Gäste lag. Der Referee pfiff, um das Tor zu annullieren, und die Prüfung durch den Video-Assistenten ergab, dass er damit richtig lag. Der Entscheidungsablauf war korrekt, dennoch wirkte die Szenerie bizarr.

Generell dürfte die Anweisung an die Schiedsrichter-Assistenten dazu geführt haben, dass die Fahne häufig auch dann am Ende eines Angriffs unten bleibt, wenn der Assistent eigentlich ein Abseits wahrgenommen hat. Denn im Falle eines Tores wird ja ohnehin eine Videoprüfung vorgenommen, ob nun ein Fahnenzeichen erfolgt ist oder nicht. Für manche Fans aber ist es womöglich ein emotionaler Unterschied, ob sie nun zu Unrecht in ihrem Torjubel unterbrochen werden, wenn sich das Abseits-Fahnenzeichen als unberechtigt erweist, oder ob sie sich zu früh gefreut haben, wenn das Signal des Assistenten ausbleibt, der Treffer dann jedoch in Köln beanstandet wird. Das wird die Unparteiischen auf dem Platz nicht unbedingt berühren. Aber es ist ein Faktor, der die Akzeptanz dieser Anweisung beeinflusst. In jedem Fall hilft sie, spielrelevante Fehlentscheidungen zu reduzieren.

Quelle: n-tv.de

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