Collinas Erben

"Collinas Erben" sind angetan Gräfe bewertet umstrittene Reus-Szene richtig

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Die Vorarbeit von Marco Reus vor dem Tor zum 1:0 war regelkonform. Das sehen "Collinas Erben" so.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

War der Ball auf der Linie oder außerhalb des Feldes? Eigentlich eine Frage, die sich mit der Videotechnik rasch beantworten lassen sollte. Doch beim Spiel in Mönchengladbach brüten vier Unparteiische nach dem Führungstor des BVB über uneindeutigen Bildern.

Bei der DFL und beim DFB wird man vermutlich aufgeatmet haben, dass die meistdiskutierte Entscheidung des letzten Bundesliga-Spieltags am Ende nicht von Belang für die Frage war, wer Deutscher Meister wird. Zumal es sich um eine sogenannte faktische Entscheidung handelte, bei der es regeltechnisch keinen Spielraum und keinen Graubereich gibt, sondern nur schwarz oder weiß, nur richtig oder falsch: Hatte der Ball vor dem Führungstor für Borussia Dortmund in der Partie bei Borussia Mönchengladbach (2:0) die Torauslinie überschritten oder nicht? Eine Frage, die sich, so könnte man meinen, mit den Mitteln, die dem Video-Assistenten zur Verfügung stehen, rasch und zweifelsfrei beantworten lassen sollte. Doch dem war nicht so.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Denn keine Kamera lieferte Bilder, die eindeutig zeigten, ob der Ball kurz im Toraus war, bevor ihn Marco Reus vor das Gladbacher Tor hob und Jadon Sancho vollendete. Die beste Perspektive, so ließe sich vermuten, hätte jene der Torkamera sein können, die sich genau auf der Höhe der Torlinie befindet und im Rahmen der Torlinientechnik eingesetzt wird. Das Problem war allerdings: Diese Kamera filmt nicht den gesamten Bereich von Eckfahne zu Eckfahne, sondern nur wenig mehr als den Raum zwischen den Torpfosten. Die fragliche Szene in Mönchengladbach spielte sich außerhalb dieses Aufnahmebereichs ab, der Ball war deshalb nicht im Bild.

Andere Kameraeinstellungen zeigten den entscheidenden Moment jeweils aus einem Blickwinkel, der keinen klaren Aufschluss zuließ. Denn auch wenn man in diesen Bildern ein kleines Stückchen Rasen zwischen Torlinie und Ball sieht, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die Kugel außerhalb des Spielfeldes war. Schließlich heißt es in den Regeln, dass das nur dann der Fall ist, wenn der Ball die Linie vollständig überquert hat. "Vollständig" heißt: Kein noch so kleiner Teil des Balles ragt am Boden oder in der Luft über sie. Am besten lässt sich das aus der Vogelperspektive feststellen, doch es gibt keine Kamera, die sie einnimmt.

Gräfe: "Wir wollten es auf dem Platz entscheiden"

Für Schiedsrichter Manuel Gräfe ergab sich damit eine schwierige Situation. Sein Assistent an der Seitenlinie, der optimal positioniert war, hatte den Ball innerhalb des Feldes gesehen und er selbst deshalb den Treffer gegeben. Diese Entscheidung hätte nur dann geändert werden dürfen, wenn der Video-Assistent auf der Grundlage der Bilder zu dem Schluss gekommen wäre, dass diese Entscheidung klar falsch war, weil der Ball die Torauslinie bereits überschritten hatte. Doch das zeigten die Bilder eben nicht zweifelsfrei. Gräfe schaute sich die Sequenz sogar selbst noch einmal am Bildschirm an, gemeinsam mit seinem Assistenten Markus Sinn. Bei Schwarz-weiß-Entscheidungen ist das ungewöhnlich, im Normalfall beurteilt der Video-Assistent sie alleine.

*Datenschutz

Doch die Regularien des International Football Association Board (Ifab) sehen vor, dass in besonderen Fällen, vor allem bei potenziell spielentscheidenden Situationen, der Unparteiische die Bilder auch selbst unter die Lupe nehmen und dabei weitere Spieloffizielle zu Rate ziehen kann. Auf diese Weise soll die Akzeptanz einer Entscheidung erhöht werden. Das erste Dortmunder Tor wurde deshalb gleich von vier Referees überprüft: vom Video-Assistenten und vom Schiedsrichter sowie jeweils von deren Assistent. Manuel Gräfe selbst sagte nach der Partie: "Wir wollten es auf dem Platz entscheiden." Zwar habe es sich um eine faktische Entscheidung gehandelt, die üblicherweise in Köln zu treffen sei. Aber weil sie so knapp gewesen sei und es "um Meisterschaft und Champions League ging", habe er sich entschlossen, die Bilder auch selbst zu begutachten. Es gebe eben "leider keine Torlinienkamera".

Ein bisschen Grün genügt nicht

"Für Köln war der Ball auch noch auf der Linie", so der Referee weiter. "Aus unserer Sicht ist die Entscheidung richtig." Es sei zwar "ein bisschen Grün zu sehen am Boden", aber es gelte eben, was schon Sepp Herberger gesagt habe: "Der Ball ist nun mal rund." Und deshalb sei er "nicht komplett im Aus" gewesen. Rainer Bonhof, Weltmeister mit der deutschen Nationalelf 1974 und heute Vizepräsident von Borussia Mönchengladbach, sah das anders. "Der Ball war klar im Aus", glaubte er. Diese Szene sei spielbeeinflussend gewesen, und deshalb werde er Gräfe "in Zukunft ablehnen". Ob das gehe, wisse er zwar nicht, so Bonhof weiter. "Aber solange ich hier etwas zu sagen habe, wird er uns nicht mehr pfeifen."

*Datenschutz

Der Angesprochene reagierte besonnen und bemerkenswert souverän auf diese Worte. Bonhof sei "ein Topspieler gewesen" und "ein guter Funktionär", sagte Manuel Gräfe. Dessen Verärgerung könne er nachvollziehen, schließlich "habe ich ja früher selbst gespielt". Außerdem werde Bonhof die Dinge "morgen ein bisschen anders sehen" und "mit mehr Fairness, Respekt und Objektivität" bewerten. Die Technik sei an ihre Grenzen gestoßen, hielt der Unparteiische fest, und müsse "weiterentwickelt werden". Aufgefallen ist ihm, dass "die Spieler mittlerweile auch genervt sind". DFB und DFL müssten entscheiden, "ob der Mehrwert an vermeintlicher Gerechtigkeit es wert ist, dafür dem Spiel etwas zu nehmen, was es über Jahrzehnte ausgezeichnet hat". Andererseits habe sich der Fußball "immer weiterentwickelt".

Als Marco Reus die Bilder vom ersten Tor des BVB gezeigt bekam, sagte er derweil: "Für mich war er im Aus. Aber der Schiedsrichter hat so entschieden. Für uns war es Glück." Hätte sich an der Entscheidung etwas geändert, wenn der Nationalspieler diesen Eindruck bereits auf dem Feld gehabt und dem Referee mitgeteilt hätte? Das ist einerseits fraglich, denn Marco Reus wäre aufgrund der Geschwindigkeit des Balles, aber auch wegen seines Blickwinkels ebenfalls nicht in der Lage gewesen, ohne Zweifel zu urteilen. Auf der anderen Seite hätte sich eine solch selbstlose Aussage schwerlich vom Referee ignorieren lassen. Aber zu diesem Dilemma kam es letztlich gar nicht erst.

Quelle: n-tv.de

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