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Klares Foul - und zwar von Gideon Jung am Münchner Kingsley Coman. Die Frage war nur, ob der Hamburger dafür Gelb oder Rot sieht.
Klares Foul - und zwar von Gideon Jung am Münchner Kingsley Coman. Die Frage war nur, ob der Hamburger dafür Gelb oder Rot sieht.(Foto: imago/ActionPictures)
Montag, 23. Oktober 2017

"Collinas Erben" stimmen zu: Jung ehrlich, Bartra glücklich, Brych schnell

Von Alex Feuerherdt

Bei der Partie des HSV gegen den FC Bayern zeigt der Schiedsrichter in einem Grenzfall Rot, was selbst der Spieler für vertretbar hält. In Frankfurt hat ein Dortmunder Glück, dass der Referee milder urteilt. Drei Elfmeter in Freiburg? Alle berechtigt.

Der Schiedsrichter, so steht es in der Fußballregel Nummer 5 geschrieben, "entscheidet nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne der Spielregeln und im Geist des Fußballs". Alle Entscheidungen trifft er "basierend auf seiner Einschätzung", dabei hat er "die Ermessenskompetenz, die angemessenen Maßnahmen im Rahmen der Spielregeln durchzusetzen". Es sind vor allem diese Sätze, die deutlich werden lassen, dass es zwar ein klar definiertes Regelwerk gibt, seiner Auslegung und Anwendung in der Praxis aber ein subjektives Moment innewohnt. Denn die Unparteiischen sind nun einmal Menschen, und die definieren ihre Ermessensspielräume naturgemäß unterschiedlich - generell als auch situativ.

Selbstverständlich passieren auf dem Fußballplatz aber auch Dinge, über die nicht zu streiten ist. Dass das heftige Einsteigen des Hamburgers Gideon Jung gegen den Münchner Kingsley Coman in der 39. Minute des Spiels zwischen dem HSV und dem FC Bayern (0:1) an diesem neunten Spieltag der Fußball-Bundesliga ein Foul war, zweifelt niemand an. Ebenso klar war, dass es dafür eine persönliche Strafe geben musste. Welche Farbe die Karte haben sollte, darüber konnte man unterschiedlicher Ansicht sein.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Für Gelb sprach, dass Jung lediglich einen Moment zu spät kam. Sein ganzer Bewegungsablauf sah nach dem Bemühen aus, den Ball zu spielen. Er grätschte nicht unkontrolliert und traf Coman auch nicht an einer besonders neuralgischen Stelle, sondern nur am Fuß. Als Argument für Rot ließ sich anführen, dass das Tempo und die Intensität der Aktion hoch waren; Jung und Coman befanden sich in vollem Lauf. Ein Tackling, das bei dieser Geschwindigkeit seitlich von hinten ausgeführt und bei dem der Gegner - und nur er - voll erwischt wird, ist potenziell gesundheitsgefährdend. Hinzu kam, dass der Hamburger zwar gewiss den Ball spielen wollte, der im Moment seiner Grätsche aber bereits außer Reichweite war. Schiedsrichter Marco Fritz stand vor einer schwierigen Entscheidung, die Situation bot einigen Ermessensspielraum, sie war ein Grenzfall. Welche Sanktion würde der Referee für angemessen und im Sinne der Spielregeln halten, auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Partie bis dahin recht fair war und noch keine Verwarnung erforderlich gemacht hatte?

Fritz nahm sich einen Moment lang Zeit, ließ die aufgeregten Proteste der Bayernspieler an sich abprallen, ging zu Coman, um ihn zu fragen, ob er eine Behandlung benötigt. Zweifellos wird ihm währenddessen der in der Nähe befindliche Assistent seine Einschätzung mitgeteilt haben, vielleicht auch der Vierte Offizielle. Der Schiedsrichter zeigte Jung schließlich die Rote Karte - was der Spieler selbst "hart, aber vertretbar" fand, womit er eine treffende Einordnung lieferte. Fritz musste sich nun mal festlegen, in dem Wissen, dass die eine wie die andere Kartenfarbe für Diskussionen sorgen würde. Aber eine persönliche Strafe zwischen Gelb und Rot gibt es in der Bundesliga eben nicht, anders als in vielen deutschen Jugendspielklassen, wo der Unparteiische in solchen Grenzfällen eine fünfminütige Zeitstrafe aussprechen kann.

Milde für Dortmunds Bartra

Auch beim 2:2 zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund gab es eine grenzwertige Grätsche, bei der sich der Schiedsrichter zwischen einer Verwarnung und einem Feldverweis entscheiden musste. Der Dortmunder Marc Bartra war Sebastian Haller in der Schlussminute an der Seitenlinie von hinten in die Parade gefahren und hatte ihn durch einen Tritt in den Bereich des Knöchels und der Achillessehne zu Boden gebracht.

Neulich im Waldstadion: Marc Bartra trifft Sebastian Haller.
Neulich im Waldstadion: Marc Bartra trifft Sebastian Haller.(Foto: AP)

Die Dynamik war geringer als bei Jungs Foul, die Gefahr für die Gesundheit des Spielers aber größer, weil der Frankfurter in einem verletzungsanfälligen Bereich getroffen wurde. Der Ball war für Bartra zwar erreichbar, wurde jedoch nicht gespielt. Referee Robert Hartmann beließ es bei einer Gelben Karte, doch vielleicht wäre er zu einem anderen Ergebnis gekommen, wenn er sich die Szene noch einmal auf dem Bildschirm in der Review Area angesehen hätte. Denn für einen Feldverweis sprach hier vieles.

Der Videobeweis kam dafür in anderen Stadien zur Anwendung, wobei es in diesen Fällen um die Frage ging, die die Video-Assistenten bislang ohnehin am häufigsten beschäftigt: Strafstoß – ja oder nein? Schon beim Auftaktspiel des 9. Spieltags am Freitagabend zwischen dem FC Schalke 04 und dem 1. FSV Mainz 05 (2:0) nahm die souveräne Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus in einer solchen Situation die Unterstützung ihres Helfers vor dem Monitor in Köln in Anspruch: Als Guido Burgstaller im Mainzer Strafraum spektakulär zu Fall kam, verweigerte die Unparteiische dem Schalker Stürmer einen Elfmeter, auch der Video-Assistent Wolfgang Stark kam zu keinem anderen Ergebnis. Und das vollkommen zu Recht.

Guter Spieltag für die Unparteiischen

Harmonisch war auch das Zusammenspiel zwischen Referee Guido Winkmann und Video-Assistent Felix Brych beim 1:1 des SC Freiburg gegen Hertha BSC. Den Strafstoß für die Gastgeber in der 50. Minute wegen eines übertriebenen Körpereinsatzes von Niklas Stark gegen Christian Günter bestätigte Brych genauso schnell wie den ersten Elfmeter für die Gäste (76.), den Julian Schuster durch einen Griff ins Gesicht von Arne Maier verursacht hatte. Als der Freiburger Nicolas Höfler drei Minuten später Davie Selke im Strafraum von den Beinen holte, ließ Winkmann weiterspielen, doch Brych riet ihm, den Berlinern einen weiteren Strafstoß zuzusprechen. Erneut brauchte der deutsche WM- und EM-Schiedsrichter für die Begutachtung der Videobilder nur wenige Sekunden, was auch dann bemerkenswert ist, wenn das Bildmaterial - wie in Freiburg - keine Zweifel lässt.

Insgesamt haben die Unparteiischen diesen Spieltag gut und geräuschlos über die Bühne gebracht, auch über den Videobeweis gab es diesmal kaum Diskussionen. Genau wie es in der Regel 5 steht, haben die Schiedsrichter "nach bestem Wissen und Gewissen" sowie, von wenigen Situationen abgesehen, "im Sinne der Spielregeln und im ‚Geist des Fußballs‘" entschieden. Doch nicht nur die 24 Bundesliga-Referees, sondern auch rund 60.000 weitere Unparteiische tun dies in Deutschland regelmäßig, und zwar ehrenamtlich. Ohne sie wäre ein Spielbetrieb nicht möglich. Das sollte man nicht vergessen - vor allem in Zeiten, in denen selbst die höchstklassigen Schiedsrichter permanent im Kreuzfeuer der Kritik stehen.

Quelle: n-tv.de

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