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Mit ungebremstem Schwung: Niklas Süle trifft Santiago Ascacibar.
Mit ungebremstem Schwung: Niklas Süle trifft Santiago Ascacibar.(Foto: imago/Thomas Frey)
Montag, 18. Dezember 2017

"Collinas Erben" verwundert: Süle erleichtert, Baums seltsames Plädoyer

Von Alex Feuerherdt

Der vielgescholtene Videobeweis wird zum Abschluss der Hinrunde in Stuttgart und Augsburg schulbuchmäßig eingesetzt. Dennoch ist ein Trainer unzufrieden. In Frankfurt stellt sich die Frage, ob dem späten Schalker Ausgleich nicht ein Abseits vorausging.

Niklas Süle suchte nach dem Schlusspfiff in Stuttgart nicht nach Ausflüchten. "Ich habe mir gedacht, wenn er es anschaut, dann wird es ein Elfmeter sein, weil ich Ascacibar ja getroffen habe", sagte der Innenverteidiger des FC Bayern zum Fachmagazin "Kicker". "Ich habe ihn nicht kommen sehen, aber dass da eine Berührung war, das dürfte jeder mitbekommen haben." Die Szene, über die der 22-Jährige sprach, hatte sich an diesem 17. Spieltag der Fußball-Bundesliga in der zweiten Minute der Nachspielzeit zugetragen, als die Münchner große Mühe hatten, ihren 1:0-Vorsprung beim gastgebenden VfB ins Ziel zu retten. Ohne den Videobeweis wäre der Erfolg aber wohl nicht mehr in Gefahr geraten.

Denn als Süle beim Versuch, den Ball aus dem eigenen Strafraum zu schlagen, über die Kugel trat und ungebremst stattdessen das Bein des Stuttgarters Santiago Ascacibar traf, ließ Schiedsrichter Patrick Ittrich zunächst weiterspielen. Er stand zwar in der Nähe, hatte aber einen ungünstigen Blickwinkel. Er schaute von hinten auf Ascacibar und konnte allenfalls erahnen, wie und wo die frontale Schussbewegung Süles endete. Ohne den Videobeweis wäre hier also ein klarer Strafstoß nicht gegeben worden.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

So aber kam es in der nächsten Spielunterbrechung wenige Sekunden später zum Gespräch zwischen dem Unparteiischen und seinem Video-Assistenten. Anschließend lief Ittrich an den Spielfeldrand, um sich die Szene selbst noch einmal anzusehen - was jedoch nicht daran gelegen haben dürfte, dass der Helfer im Kölner Studio sie als grenzwertig einstufte oder der Referee ihm misstraute. Vielmehr sehen die Regularien für den Videobeweis auch die Möglichkeit vor, die Review Area zu nutzen, "um eine Entscheidung zu bekräftigen".

Das ist bei einer nachträglichen Elfmeterentscheidung in der Nachspielzeit einer Partie, die auf des Messers Schneide steht, nicht die schlechteste Idee, um die zu erwartenden Proteste etwas einzudämmen. Der Schiedsrichter nutzte diese Möglichkeit deshalb und signalisierte den Spielern und Zuschauern so, dass er sich von Süles Rettungsaktion gegen Ascacibar ein eigenes Bild machen will. Dass er dafür nicht lange benötigte, unterstrich die Eindeutigkeit des Vergehens. Chadroc Akolo konnte die beste Stuttgarter Torchance des Spiels jedoch nicht nutzen: Bayerns Torhüter Sven Ulreich hielt den Elfmeter.

Baum mosert gegen richtige Entscheidung

Auch beim 3:3 des FC Augsburg gegen den SC Freiburg kam der Videobeweis zur Anwendung. Anders als in Stuttgart wurde mit seiner Hilfe jedoch eine Strafstoßentscheidung für die Gastgeber zurückgenommen. Nicht, weil es falsch von Schiedsrichter Christian Dingert war, in der 59. Minuten auf den Elfmeterpunkt zu zeigen, nachdem Caglar Söyüncü im eigenen Strafraum den Augsburger Marcel Heller zu Fall gebracht hatte. Sondern vielmehr, weil sich während des Angriffs, der dem Foulspiel vorausging, ein Vergehen der Augsburger ereignet hatte, das nicht nur ungeahndet, sondern auch von fast allen unbemerkt geblieben war.

"Die Frage ist, ob das im Sinne des Erfinders ist": Manuel Baum.
"Die Frage ist, ob das im Sinne des Erfinders ist": Manuel Baum.(Foto: imago/kolbert-press)

Alfred Finnbogason hatte im Spielaufbau einen hohen Ball bei der Annahme mit dem Arm berührt, und zwar so, dass das regeltechnische Kriterium der (strafbaren) Absicht erfüllt war. Das war allerdings nicht nur dem Schiedsrichterteam auf dem Platz entgangen, sondern selbst den Freiburgern, bei denen sich nicht der leiseste Protest regte, als Dingert weiterspielen ließ. Der Video-Assistent dagegen hatte das Handspiel bemerkt, als er nach dem Elfmeterpfiff den gesamten vorherigen Angriffszug noch einmal überprüfte, wie es die Regularien vorsehen. Er informierte deshalb den Referee, der sich in der Review Area selbst überzeugte, seine Elfmeterentscheidung anschließend revidierte und stattdessen einen direkten Freistoß für die Freiburger gab.

Eigentlich war das ein Paradebeispiel für ein optimales Zusammenwirken von Schiedsrichter und Video-Assistent. Doch der Augsburger Trainer Manuel Baum hatte Einwände grundlegender Art. Er räumte zwar ein: "Klar ist es ein Handspiel." Doch die Umsetzung des Videobeweises missfiel ihm. "Die Frage ist, ob das im Sinne des Erfinders ist", sagte der Coach. "Wenn er die Vermutung hat, soll er gleich pfeifen. Man könnte jede Situation zurückdrehen." Wenn aber nicht gepfiffen werde "und es gibt einen Elfmeter, muss ich sagen: Pech." Ein Plädoyer also, eine klare Fehlentscheidung nicht zu korrigieren und ein übersehenes Vergehen nicht zu ahnden, obwohl es sonst gar nicht zum Strafstoß gekommen wäre? Man darf zumindest bezweifeln, dass Baum sich ähnlich geäußert hätte, wenn ein Elfmeter für die Gäste zurückgenommen worden wäre.

Abseits vor dem Schalker Ausgleich?

In Frankfurt wendete der FC Schalke 04 unterdessen sehr spät eine Niederlage ab, erst in der Nachspielzeit rettete Naldo den Gästen aus Gelsenkirchen mit seinem Tor zum 2:2 einen Punkt. Der Treffer warf allerdings die regeltechnisch schwer zu beantwortende Frage auf, ob bei der Entstehung ein strafbares Abseits von Guido Burgstaller vorgelegen hatte. Breel Embolo wollte seinen Mannschaftskollegen eigentlich aus kurzer Distanz anspielen, dieser war im Moment des Passes der gegnerischen Torlinie ein kleines Stück näher als der vorletzte Spieler der Hausherren. Die Kugel gelangte jedoch nicht zu Burgstaller, sondern prallte gegen das Bein des Frankfurters Marius Wolf und von dort zu Naldo, der schließlich vollendete.

Ball nicht berührt: Guido Burgstaller.
Ball nicht berührt: Guido Burgstaller.(Foto: imago/Jan Huebner)

Klar ist damit, dass Burgstaller sich zwar im Abseits befand, den Ball jedoch nicht berührte. Laut Regel 11 ist es allerdings auch strafbar, einen Gegner aus einer Abseitsposition heraus zu beeinflussen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn der im Abseits befindliche Spieler "den Gegner angreift, um den Ball spielen zu können", "eindeutig versucht, den Ball in seiner Nähe zu spielen, wenn diese Aktion einen Gegner beeinflusst", oder "eindeutig aktiv wird und so klarerweise die Möglichkeit des Gegners beeinflusst, den Ball zu spielen". Der Schiedsrichter und seine Assistenten müssen jeweils beurteilen, ob eine solche Beeinflussung gegeben ist – und das ist längst nicht immer eine einfache Entscheidung, bei der es nur schwarz und weiß gibt.

In Frankfurt streckte Guido Burgstaller in der Vorwärtsbewegung ein Bein in Richtung Ball aus, dabei befand er sich in unmittelbarer Nähe von Marius Wolf. Es spricht einiges dafür, das als Versuch zu betrachten, den Ball zu spielen – also als Handlung, die den Gegner beeinflusst hat. Folgt man dieser Sichtweise, dann hätte der Schalker Ausgleich nicht zählen dürfen. Solange der Ball von einem im Abseits befindlichen Spieler nicht berührt wird, ist die Einschätzung, ob er durch die Beeinflussung eines Gegners ins Spiel eingegriffen hat, jedoch bisweilen schwierig zu treffen. Womöglich ist der Video-Assistent zur Ansicht gelangt, dass es jedenfalls kein klarer Fehler ist, in dieser unübersichtlichen Situation nicht auf strafbares Abseits zu erkennen, und hat folgerichtig davon abgesehen, dem Unparteiischen Robert Kampka eine Annullierung des Treffers zu empfehlen. Abwegig ist dieser Entschluss zumindest nicht.

Der letzte Eindruck ist positiv

Auch bei Spiel zwischen RB Leipzig und Hertha BSC (2:3) griff der Video-Assistent in zwei spielrelevanten Situationen nicht ein, sodass die ursprünglichen Entscheidungen von Referee Frank Willenborg bestehen blieben. Zunächst nach sieben Minuten, als Timo Werner schneller war als sein Gegenspieler Jordan Torunarigha und der Berliner den Leipziger bei seinem Rettungsversuch kurz vor dem Strafraum zu Fall brachte. Für den Schiedsrichter war das eine "Notbremse", weil Werner ohne das Foul in aussichtsreicher Position nur noch den Torwart der Gäste vor sich gehabt hätte.

Auch die Anerkennung des Treffers zum 0:3 durch Davie Selke behielt Bestand, obwohl zwei Leipziger im zuvor zu Boden gegangen waren. Die Prüfung durch den Video-Assistenten ergab jedoch, dass das nicht aufgrund unfairer Handlungen durch gegnerische Spieler geschehen war. In beiden Fällen wurde Willenborg also von seinem Helfer im Kölner Studio bestätigt - und das zu Recht. Am letzten Spieltag der Hinrunde funktionierte die Kooperation zwischen den Schiedsrichtern und den Video-Assistenten also insgesamt sehr gut. Mit diesem Eindruck geht es nun in die Winterpause.

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Quelle: n-tv.de