Collinas Erben

"Collinas Erben" haben Mitleid Warum Spielverderber Brych im Recht ist

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Felix Brych verwehrte dem SC Freiburg den späten Siegtreffer - zu Recht wie unser Schiedsrichter-Experte findet. Auch wenn die Argumentation sehr kompliziert ist.

imago/Eibner

Der SC Freiburg erzielt im Bundesliga-Spiel gegen den VfL Wolfsburg kurz vor Schluss das 4:3 - doch der Video-Assistent grätscht dazwischen und der Schiedsrichter nimmt den Treffer zurück. Das ist richtig, auch wenn die Breisgauer Fußballer das anders sehen.

Im Schwarzwaldstadion lief die Nachspielzeit, da bekam der SC Freiburg in der Bundesliga-Partie gegen den VfL Wolfsburg einen Eckstoß zugesprochen. Luca Waldschmidt führte ihn aus, nur wenige Minuten zuvor hatte er den Ausgleichstreffer zum 3:3 erzielt. Nun schlug er den Ball an die Torraumgrenze, wo sein Mitspieler Philipp Lienhart hochstieg und die Kugel mit der Stirn ins Tor wuchtete. Dreimal hatten die Freiburger Fußballer an diesem 21. Spieltag einen Rückstand egalisiert, nun schien ihnen sogar noch der Sieg zu gelingen. Doch mitten in den euphorischen Jubel hinein griff sich Schiedsrichter Felix Brych ans Ohr – das inzwischen bekannte Zeichen, dass er mit seinem Video-Assistenten in Köln kommuniziert. Kurz darauf ging Brych in die Review Area und schaute sich das "Tor" selbst noch einmal an.

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Felix Brych guckt sich die Szene noch einmal sehr genau an.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Als der Unparteiische auf den Platz zurückkehrte, hatte er eine schlechte Nachricht für das Team von Trainer Christian Streich: Der Treffer wurde annulliert. Den Grund dafür erläuterte Spielverderber Brych später gegenüber dem "Aktuellen Sportstudio": "Dominique Heintz steht im Abseits, weil nur noch ein Spieler näher zum Tor ist als er selber. Und dann berührt er sogar in dieser Situation zwei Gegenspieler, kann sie somit am Laufen hindern, ist damit im Zweikampf mit ihnen, beeinflusst sie. Und deswegen: Abseits." Bei diesen beiden Gegenspielern handelte es sich um Robin Knoche, der direkt hinter Heintz stand, und den Wolfsburger Torwart Koen Casteels, der sich unmittelbar vor dem Freiburger befand.

Heintz‘ Abseitsstellung war unstrittig, es ging nur um die Frage, ob sie strafbar war. Den Ball hatte der 25-Jährige zwar nicht berührt, aber es kam eine Beeinträchtigung von Knoche oder Casteels in Betracht. Eine solche Beeinträchtigung liegt laut dem Regelwerk beispielsweise vor, wenn ein im Abseits befindlicher Spieler "eindeutig aktiv wird und so klarerweise die Möglichkeit des Gegners beeinflusst, den Ball zu spielen". Oder wenn er einen Gegner "daran hindert, den Ball zu spielen oder spielen zu können, indem er ihm eindeutig die Sicht versperrt". Dominique Heintz fand nicht, dass er gegen die Regeln verstoßen hatte: "Ich habe nichts gemacht, nicht gezogen. Der Torwart wäre sowieso nie an den Ball gekommen, weil der im anderen Eck reingeht. Meiner Meinung nach kann man das Tor geben."

Heintz: Casteels beeinflusst, Knoche die Sicht verdeckt

Anderer Ansicht war nach dem Betrachten der Bilder nicht nur der Referee selbst, sondern auch Rainer Werthmann von der DFB-Schiedsrichter-Kommission Elite. Gegenüber dem "Kicker" machte er zwei Gründe für ein strafbares Abseits von Heintz geltend: "die Beeinflussung des Torwarts und die komplette Sichtfeldbehinderung des Feld-Gegenspielers", also von Knoche. Die Beeinträchtigung von Torhüter Casteels habe darin bestanden, dass Heintz mit seiner linken Hand kurz den linken Arm des Schlussmanns angefasst habe. Knoche wiederum konnte nach Werthmanns Dafürhalten den Ball nicht sehen, weil der Freiburger direkt vor seiner Nase stand. Deshalb sei Brychs Entscheidung, das Tor zurückzunehmen, "absolut richtig" gewesen.

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Aber wurden Casteels und Knoche wirklich von Heintz in ihren Möglichkeiten eingeschränkt, an den Ball zu gelangen? Wenn man die Bilder sieht, kann man daran zweifeln, denn Lienharts platzierter Kopfball sah unhaltbar aus, zumal er ins entfernte Toreck ging. Rainer Werthmann sagt jedoch: "Es ist manchmal schwer zu vermitteln, aber es spielt keine Rolle, ob die beiden Spieler an den Ball kommen könnten oder der Ball in die andere Ecke des Tores fliegt." Eine Berücksichtigung solcher Faktoren gebe die Regel derzeit nicht her. "Man kann sicher diskutieren, ob das sinnvoll ist", so der 59-jährige Ex-Referee. "Wir sind jedoch dafür zuständig, die vom Ifab für den gesamten Fifa-Bereich erarbeiteten Regeln anzuwenden."

Letztlich heißt das: Wenn sich ein Spieler im Abseits befindet und dann in Ballnähe einen Gegner oder gar mehrere durch Körperkontakt, eine Bewegung zum Ball oder das Einschränken des Sichtfeldes behelligt, soll der Schiedsrichter das als regelwidriges Verhalten ahnden, auch wenn es nicht sicher ist, ob der Gegner an den Ball gekommen wäre. Keine Rolle spielte es, dass Heintz ganz leicht von Knoche gehalten wurde, wie Werthmann erklärt: "Da hätte der Schiedsrichter nur eingegriffen, wenn nach Regel 12 ein Foulspiel vorgelegen hätte. Auch nach der Ansicht mehrerer Einstellungen im Kölner Videocenter war das für uns jedoch im Rahmen des üblichen Zweikampfverhaltens." Genauso sei auch "das Armauflegen von Heintz an Casteels kein Foulspiel, sondern nur im Zusammenhang mit seiner Abseitsposition ein strafbares Verhalten" gewesen.

Streich vermutet eine Aufrechnung

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Bleibt noch die Frage zu klären, ob die Voraussetzungen für einen Eingriff von Video-Assistent Günter Perl tatsächlich vorlagen. Wenn man annimmt, dass weder der Schiedsrichter noch sein Assistent an der Seitenlinie die Beeinflussung wahrgenommen hat, die von Dominique Heintz ausging, dann wäre dieses Vergehen übersehen worden. Sollten die beiden in Heintz‘ Verhalten keine Beeinflussung erkannt haben, wäre das nach der Maßgabe des DFB ein klarer und offensichtlicher Fehler gewesen. So oder so war Perls Intervention also richtig. Freiburgs Trainer Streich hatte gleichwohl eine andere Erklärung für die Annullierung des Tores: "Gute Schiedsrichter versuchen, eine Balance herzustellen", sagte er. Und weil Brych den Wolfsburgern in der Nachspielzeit der ersten Hälfte einen Elfmeter verweigert hätte, sei zum Ausgleich der vierte Freiburger Treffer aberkannt worden. "Er hat es halt aufgerechnet", glaubte Streich.

Der Coach spielte auf ein Laufduell zwischen seinem Spieler Christian Günter und Renato Steffen während eines Konters der Gäste an, das mit dem Sturz des Wolfsburgers im Freiburger Strafraum endete. Die Zeitlupen legten einen geringfügigen Kontakt nahe, doch eindeutig war die Szene nicht, erst recht nicht hinsichtlich der Frage, ob die Berührung ursächlich dafür war, dass Steffen zu Boden ging. Dass der Unparteiische weiterspielen ließ, passte jedenfalls zu seiner insgesamt großzügigen Linie. Gleiches gilt für die Beurteilung des Zweikampfes zwischen Lienhart und Wout Weghorst im Strafraum der Hausherren nach 67 Minuten. Da sich beide Spieler gegenseitig hielten, war es auch in diesem Fall nachvollziehbar, keinen Elfmeter zu geben.

In Dortmund wurde beim Spiel zwischen dem BVB und der TSG Hoffenheim ebenfalls nach einem Eingriff des Video-Assistenten ein Tor annulliert. Mario Götze hatte im Anschluss an den Torschussversuch seines Mitspielers Jadon Sancho aus einer Abseitsposition den Laufweg des Hoffenheimer Verteidigers Stefan Posch gestört, der den Ball deshalb nicht mehr kontrolliert aus dem Strafraum befördern konnte. Stattdessen schoss er Sancho an, von dessen Körper der Ball ins Tor prallte. Auch in diesem Fall lag, eindeutiger noch als in Freiburg, eine Beeinträchtigung des Gegner vor, dessen Möglichkeit, den Ball zu spielen, klar beeinflusst wurde. Schiedsrichter Marco Fritz nahm den Treffer nach Ansicht der Bilder in der Review Area dann auch zurück. Da waren allerdings erst elf Minuten gespielt und es stand noch 0:0. Dass auch diese Partie mit einem 3:3 endete, ist eine hübsche Ironie dieses Spieltags.

Quelle: n-tv.de

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