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Mindestens tödlich getroffen: Lars Stindl.
Mindestens tödlich getroffen: Lars Stindl.(Foto: dpa)
Montag, 30. April 2018

"Collinas Erben" sind pikiert: Warum Stindl nicht nur Opfer ist

Von Alex Feuerherdt

Auf Schalke übertreibt ein Gladbacher die Folgen einer leichten Tätlichkeit - müsste er dafür nicht bestraft werden? In Mainz grummelt RB Leipzig über die Unparteiischen, während Stuttgart von einer zu großzügigen Regelauslegung profitiert.

In der Gelsenkirchener Arena waren am Samstagnachmittag gerade einmal zwölf Minuten gespielt, da wurde es in der Partie des FC Schalke 04 gegen Borussia Mönchengladbach (1:1) erstmals richtig hitzig. Nabil Bentaleb brachte den Gladbacher Lars Stindl im Mittelfeld mit einem rücksichtslosen Foul zu Fall, Schiedsrichter Harm Osmers zeigte ihm dafür die Gelbe Karte. Der deutsche Nationalspieler glaubte jedoch, dem Schalker auch unbedingt selbst sein Missfallen mitteilen zu müssen, und schob ihn ein Stück mit den Händen weg. Bentaleb versetzte Stindl daraufhin einen leichten Schlag gegen den Kopf. Nach einem kurzen Moment des Zögerns ging Stindl mit lautem Wehklagen zu Boden, als hätte er eine schwere Gerade kassiert. Referee Osmers bekam davon allerdings nichts mit, weil er sich gerade die Verwarnung notierte. Aber sein Assistent an der Seitenlinie hatte die Situation beobachtet und schaltete sich nun ein.

Bentaleb wurde schließlich des Feldes verwiesen, was zwar hart, aber auch vertretbar war. Denn in der Regel 12 (Fouls und unsportliches Betragen) heißt es: "Ein Spieler, der ohne Kampf um den Ball einem Gegner oder einer anderen Person absichtlich mit der Hand oder dem Arm an den Kopf oder ins Gesicht schlägt, begeht eine Tätlichkeit, es sei denn, die eingesetzte Kraft war vernachlässigbar." Wobei unter "vernachlässigbar" beispielsweise ein leichter Wischer zu verstehen ist oder das nicht immer freundlich gemeinte, aber letztlich harmlose Tätscheln der Wange eines Gegners. Ein kurzer, gezielter Hieb auf die Schläfe hingegen rechtfertigt eine Sanktionierung als Tätlichkeit, selbst wenn er für den Getroffenen nicht schmerzhaft ist - und dieser die Auswirkungen außerdem schauspielerisch überzeichnet.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Genau das hat Lars Stindl getan, weshalb so mancher sich gewünscht hätte, dass auch er nicht ungeschoren davonkommt. Die Schiedsrichter entschließen sich allerdings nur selten und nur sehr ungern dazu, das Übertreiben der Folgen einer Unsportlichkeit ebenfalls als unsportliches Verhalten zu ahnden. Denn das könnte so aussehen, als ob sie von der Bestrafung des ursprünglichen Vergehens selbst nicht so recht überzeugt wären, und wirken wie eine Konzessionsentscheidung, irgendwie halbgar und nicht richtig konsequent. Aus dem gleichen Grund gibt auch kein Unparteiischer einen Strafstoß und verwarnt trotzdem den Gefoulten, wenn dieser zwar tatsächlich unfair gebremst wurde, aber auch mit großer Theatralik darniedersank. Denn der Spielleiter würde unweigerlich gefragt werden: Ja, was denn nun? Foul oder Schwalbe? Es kann doch nicht beides vorliegen!

Regeltechnisch ist die Sache außerdem nicht ganz einfach. "Ein Spieler ist wegen unsportlichen Betragens zu verwarnen, wenn er versucht, den Schiedsrichter z.B. durch das Vortäuschen einer Verletzung oder eines Fouls (Schwalbe) zu täuschen (Simulieren)", steht in der Regel 12 geschrieben. Hat Stindl das getan? Immerhin ist er tatsächlich von Bentaleb geschlagen worden, zwar nur leicht, aber doch so, dass eine Rote Karte gerechtfertigt war. Dennoch versteht man den allgemeinen Ärger über die bühnenreife, lächerlich wirkende Einlage des Mönchengladbachers, die einer Simulation gleichkam. In einem solchen besonders grotesken Fall sollte deshalb auch das "Opfer" verwarnt werden. Der Schiedsrichter hätte alle Argumente dafür auf seiner Seite.

War Kramers Handspiel eindeutig strafbar?

Video-Assistent Benjamin Cortus hatte mit dieser Entscheidung übrigens nichts zu tun, dafür aber umso mehr mit dem Handelfmeter, den die Schalker in der Nachspielzeit der ersten Hälfte zugesprochen bekamen und den Daniel Caligiuri zum 1:1 verwandelte. Christoph Kramer hatte einen Schuss von Yevhen Konoplyanka mit dem Arm gestoppt, doch Harm Osmers entschied zunächst, weiterspielen zu lassen. Auf einen Hinweis aus der Zentrale in Köln schaute er sich die Szene allerdings in der Review Area selbst noch einmal an - und erkannte dann auf Strafstoß. Tatsächlich spricht manches für ein strafbares Handspiel, beispielsweise die Tatsache, dass der Schuss nicht unerwartet kam und Kramers Arm vom Körper abgewinkelt war.

Es gibt aber auch Gegenargumente, etwa die kurze Distanz und dass der Arm nicht unter Spannung stand, was ein Zeichen dafür ist, dass der Ball nicht aufgehalten werden sollte. Mit seiner ursprünglichen Entscheidung, weiterspielen zu lassen, lag der Schiedsrichter somit eigentlich nicht klar und offensichtlich falsch. Deshalb ist es verwunderlich, dass sich der Video-Assistent einschaltete. Christoph Kramer selbst - der für das Handspiel die Gelbe Karte sah, weil er damit einen Torschuss blockiert hatte - vermutete eine Konzessionsentscheidung von Harm Osmers als Grund: "Wenn es die Rote Karte nicht gibt, pfeift er auch den Elfmeter nicht." Das kann man bezweifeln, dennoch waren beide Entscheidungen jedenfalls strenger, als der Unparteiische ansonsten pfiff.

Strittiger Elfmeter für Mainz

Yoshinori Muto nimmt den Elfmeter dankenswert an.
Yoshinori Muto nimmt den Elfmeter dankenswert an.(Foto: imago/Jan Huebner)

Auch in der Partie zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und RB Leipzig (3:0) war zumindest in zwei Situationen die Aufmerksamkeit auf den Video-Assistenten Wolfgang Stark gerichtet. Zunächst bei der Elfmeterentscheidung für die Hausherren in der 28. Minute, die getroffen wurde, nachdem Yoshinori Muto im Strafraum der Gäste bei einem Zweikampf mit Dayot Upamecano zu Fall gekommen war. Zuvor hatte er sich kurz vor der Strafraumgrenze gegen Lukas Klostermann durchgesetzt, obwohl der Leipziger ihn leicht am Fuß getroffen hatte. Die Zeitlupen des Fernsehens legten nahe, dass allenfalls Klostermanns Einsatz ein Foul war, Upamecano den Mainzer dagegen wohl nicht einmal berührt hatte. Somit wäre eigentlich nur ein Freistoß fällig gewesen. Doch Stark riet Schiedsrichter Bastian Dankert nicht dazu, sich die Szene noch einmal selbst anzusehen.

Offenbar lag für ihn also kein klarer und offensichtlicher Fehler vor - womöglich deshalb, weil keine Kameraeinstellung die hundertprozentige Gewissheit erbrachte, dass Muto im Strafraum gänzlich ohne gegnerischen Kontakt gestürzt war, und eine nicht erwünschte detektivische Arbeit vonnöten gewesen wäre, um das zweifelsfrei festzustellen. Als Stefan Bell dagegen nach 53 Minuten den Leipziger Yussuf Poulsen im eigenen Strafraum bei einem Luftkampf mit dem Ellenbogen im Gesicht traf, riet Stark dem Referee, der kein Vergehen gesehen hatte, zum Gang in die Review Area. Dass Bastian Dankert anschließend nicht auf Elfmeter für Leipzig entschied, war durchaus überraschend. Denn Bell muss man zumindest Fahrlässigkeit unterstellen, regelkonform war sein Armeinsatz jedenfalls nicht.

Leverkusens Elfmeter hätte wiederholt werden sollen

In Leverkusen, wo der VfB Stuttgart gastierte, machte Video-Assistent Jochen Drees derweil Schiedsrichter Tobias Welz nach einer Viertelstunde auf ein übersehenes, eindeutig strafbares Handspiel des Stuttgarters Timo Baumgartl im eigenen Strafraum aufmerksam. Welz gab nach eigener Prüfung der Bilder dann auch einen Strafstoß, mit dem Lucas Alario an Torwart Ron-Robert Zieler scheiterte. Als Alario den Ball aufs Tor schoss, befanden sich allerdings gleich mehrere Stuttgarter bereits im Strafraum. Legt man den Wortlaut der Regeln zugrunde, dann hätte der Elfmeter deshalb wiederholt werden müssen. Die Schiedsrichter sind in solchen Fällen allerdings meist großzügig und erfahren dafür grundsätzlich auch viel Akzeptanz von allen Seiten.

Doch in diesem Fall wäre ein Abweichen von dieser liberalen Linie und eine strengere Regelauslegung sinnvoll gewesen. Denn derjenige Stuttgarter, der am frühesten und weitesten vorgelaufen war, nämlich Santiago Ascacibar, war auch derjenige, der den Ball, den sein Torhüter gehalten hatte, aus der Gefahrenzone schlug und dadurch den Elfmeterschützen am Nachschuss hinderte. Das heißt, er hatte sich durch seine Regelübertretung einen wesentlichen Vorteil verschafft. Damit wäre eine Wiederholung des Strafstoßes angebracht gewesen, auf die in diesem Ausnahmefall gemäß den Regularien auch der Video-Assistent hätte hinwirken können. Dass er es nicht tat, entsprach den allgemein akzeptierten Gepflogenheiten in solchen Situationen. Aber ob das auch dem Sinn und Geist der Regeln entsprach?

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Quelle: n-tv.de