Kösters Direktabnahme

Köster über den neuen HSV-Hansdampf Bruchhagen gibt den großen Bellheim

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Gekommen, um zu retten: Die Schauspieler Hans Korte, Will Quadflieg, Heinz Schubert und Mario Adorf im Jahr 1991 in einer Szene des ZDF-Vierteilers "Der große Bellheim".

(Foto: picture-alliance / dpa)

Zu alt und zu konservativ? Heribert Bruchhagen wird als neuer Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV den Klub nicht reformieren, aber ihn in der Fußball-Bundesliga halten. Und das ist doch auch schon mal was.

Als Heribert Bruchhagen im Sommer seinen Posten als Sportvorstand der Frankfurter Eintracht räumte, da konnte man sich den langjährigen Manager ganz gut als rüstigen Pensionär vorstellen. Bisschen Blumen gießen, ausgedehnte Spaziergänge im heimischen Marktflecken und hin und wieder für einen TV-Sender ein paar gut abgehangene Thesen zum Bundesligageschehen formulieren. Stattdessen ist Bruchhagen seit dieser Woche wieder dick im Geschäft, als starker Mann beim Hamburger SV, als großer Bellheim der Fußball-Bundesliga quasi.

Philipp Köster, Jahrgang 1972, ist Chefredakteur und Herausgeber des Fußballmagazins "11 Freunde". In seiner Kolumne "Kösters Direktabnahme" greift er jeden Dienstag für n-tv.de ein aktuelles Thema aus der Welt des Fußballs auf. Zudem ist er seit der Saison 2016/17 Bundesligaexperte von n-tv.

Nun mag die Bestallung des immerhin schon 68 Jahre alten Bruchhagen auf den ersten Blick überraschen. Nicht nur, weil sich langjährige Sportfunktionär ja freiwillig aus dem Geschäft zurückgezogen hatte. Sondern auch, weil das Amt des Vorstandsvorsitzenden der HSV Fußball AG zu den aufreibendsten Tätigkeiten gehört, die der deutsche Profifußball derzeit zu bieten hat. Der neue Mann muss einen orientierungslosen, verängstigten und chaotisch organisierten mittelständischen Betrieb führen, ihm Zuversicht und Perspektive vermitteln, Fehlentwicklungen benennen und umsteuern, maroden Finanzen konsolidieren, vor allem aber und zuallererst den Abstieg des HSV aus der Bundesliga verhindern. Ein solches Anforderungsprofil macht klar: Das ist, will man ihn ordentlich machen, kein Job für Frühstücksdirektoren, sondern eine kräftezehrende Herausforderung.

Autorität qua Alter und Erfahrung

Dass Bruchhagen ihn annahm, hatte weniger mit dem vermeintlichen Pflichtbewusstsein zu tun, dass er für sich reklamierte: "Wenn der HSV anfragt, stellt sich die Frage einer Zu- und Absage gar nicht!" Sondern eher mit der Erkenntnis, dass Ruhestand auch ziemlich langweilig sein kann und dem früheren Hansdampf die erzwungene Tatenlosigkeit doch ziemlich auf die Nerven ging. Da kam die Anfrage aus Hamburg sehr zupass.

Und der HSV hat bei allen Bedenken hinsichtlich des Alters und auch der Tatsache, dass Bruchhagen nicht gerade als radikaler Reformer gilt, eine richtige Entscheidung getroffen. So sehr der Großklub neue, frische Ideen und Personen braucht, so wenig wäre ihm nun mit einem Vorstandschef gedient, der inmitten all der inoffiziellen und offiziellen Strippenzieher noch mühsam um Autorität kämpfen muss.

Bruchhagen besitzt diese Autorität, qua Alter und Erfahrung, und weil er weiß, wie ein Klub in der Bundesliga positioniert werden muss. Er wird der Klub nicht modernisieren, das hat er schon in Frankfurt nicht hinbekommen. Er wird auch das komplexe Geflecht zwischen dem Klub und seinen zahlreichen Geldgebern nicht entwirren können, dafür hat sich der Klub schon zu abhängig von den potenten Mäzenen gemacht,

Aber er wird dafür sorgen, dass Trainer Markus Gisdol in Ruhe arbeiten kann; dass der Klub nicht absteigt; und dass der Hamburger SV nicht in jedes verfügbare Fettnäpfchen tritt. Und dass ist mehr, als man von der bisherigen Führungsspitze erwarten konnte.

Quelle: n-tv.de

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