Redelings Nachspielzeit

In Zeiten vor dem Videobeweis Als Handspiele ganze Saisons entschieden

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Schiedsrichter Felix Zwayer überprüft die strittige Handspiel-Szene der Partie Frankfurt gegen Bremen.

(Foto: imago images/osnapix)

Die Elfmeterentscheidung für Eintracht Frankfurt im DFB-Viertelfinalspiel gegen Werder Bremen sorgt für Diskussionen. Viele Fußballfans nervt die aktuelle Handregel nur noch. Und auch die Rolle des Videoschiedsrichters verdirbt vielen den Spaß am Spiel.

Als Schiedsrichter Felix Zwayer am Mittwochabend kurz vor der Halbzeitpause pfiff und anschließend an sein Ohr zeigte, wusste eigentlich niemand, um was für eine Szene es sich gehandelt haben mag, die noch einmal genauer unter die Lupe genommen werden musste. Denn es hatte zuvor keinerlei Proteste gegeben. Und als Zwayer sich schließlich den entsprechenden Ausschnitt am Bildschirm gemeinsam mit den Zuschauern zu Hause vor den Fernsehgeräten anschaute, da werden vermutlich auch nur die absoluten Argusaugen unter den Betrachtern erfolgreich eine Berührung des Balls durch den Werder-Spieler erkannt haben. Doch, wie hieß es anschließend so schön: Der Schiedsrichter hat nach Auslegung der aktuellen Handregel absolut richtig entschieden!

Eine Aussage, die schwere Frustrationen bei den allermeisten Fußballfans auslöste und Grund genug ist, einmal für einen kurzen Moment die Zeit anzuhalten und sich zu fragen: Wieso ist man eines Tages auf die Idee gekommen, den Videobeweis in solchen Fällen als Hilfsmittel hinzuzuziehen? Und vor allem: Welche Handspiel-Szenen waren es genau, die es wert waren, diesen Sport auf eine Art und Weise zu revolutionieren, die viele Anhänger mittlerweile mit Abkehrgedanken zurücklässt? Ging es nicht, vereinfacht gesagt, irgendwann einmal darum, eindeutige und vorsätzliche Handspiele zu ahnden - und sie neuerdings mit der Hilfe des Videobeweises klarer zu identifizieren? Vermutlich ja. Und ein Blick zurück in die Geschichte der Bundesliga zeigt, wieso dieser Gedanke im Grunde sehr gut war.

Das nennt man ausgleichende Gerechtigkeit

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Ein Handspiel rettet den Kölnern die Meisterschaft.

(Foto: imago/WEREK)

Saison 1977/78. Am 32. Spieltag trat der 1. FC Köln auf dem Lauterer Betzenberg gegen die Roten Teufel an. Für den FC ging es um viel. Die Mannschaft konnte unter ihrem Trainer Hennes Weisweiler endlich einmal wieder Deutscher Meister werden. Und dann kam es in der 34. Minute, beim Spielstand von 0:0, zu dieser einen kuriosen Szene, die womöglich den Meisterschaftsausgang ganz entscheidend beeinflusst hat. Der Kölner Gerhard Strack wehrte im eigenen Strafraum einen Ball für alle deutlich sichtbar mit der Hand ab - doch nur ein einziger Mann im Stadion schaute für einen Moment offensichtlich woanders hin. Es war der Schiedsrichter der Partie, Eckhard Jensen. Ausgerechnet. Diese Szene veranlasste hinterher den Lauterer Kapitän Klaus Toppmöller zu folgendem trockenen Kommentar: "Cullmann und Gerber schimpften ja schon mit dem Strack wegen des Handspiels." Cullmann und Gerber, das muss man hinzufügen, waren die eigenen Mannschaftskameraden des Übertäters Strack. Die Partie endete 2:0 für Köln, und der FC blieb punktgleich mit Gladbach an der Tabellenspitze. Am Ende sollte den Borussen selbst ein spektakulärer 12:0-Sieg am letzten Spieltag über den BVB nicht reichen, weil der FC zeitgleich mit 5:0 bei St. Pauli triumphierte.

In der Spielzeit 1985/86 lachte die Bundesliga über Manni Burgsmüller und seinen Treffer mit dem SV Werder gegen den 1. FC Kaiserslautern. Der Werder-Stürmer schilderte den Treffer in der 55. Minute aus seiner Sicht damals so: "Der Ehrmann hält den Ball, ich liege so neben dem Tor, rappel mich auf und will zur Mitte. Da seh' ich, wie der Gerry vor sich hinpennt. Ich geh' zu ihm hin und schubse dem mit der Hand die Pille aus dem Arm. Fällt der Ball auf den Boden und ich schieb' ihn rein." Am Ende wurde Werder trotz des 2:0-Siegs an diesem Tag nicht Deutscher Meister. Wir erinnern uns: Ein Mann namens Michael Kutzop traf damals im vorentscheidenden Duell gegen den FC Bayern München bei seinem Elfmeter nur den Pfosten. Im Fußball nennt man das wohl ausgleichende Gerechtigkeit.

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1985/86 reichte es für Bremen nicht zum Titel.

(Foto: imago/Sven Simon)

Übrigens: Erstmals berief der DFB in dieser Spielzeit einen Sachverständigen für die Deutung von Fernsehbildern. Der ARD-Mann Rudi Michel sollte ein Foulspiel von Bruno Pezzey, für das jener am 15. Februar bei der Partie in Nürnberg Rot sah, anhand von TV-Bildern beurteilen. Interessante Worte waren das damals von Rudi Michel: "Man kann ausschließen, dass Pezzey das Bein gestellt hat. Er wollte der Gefahr ausweichen, nachdem er erkannt hatte, dass er den Ball nicht erreichen kann. Seine motorische Bewegung war einwandfrei. Den Bildern aber fehlt die dritte Dimension." Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder hatte zuvor gesagt: "Zweimal Gelb gibt es nicht. Da geht der Hosenknopf auf und ich muss Rot ziehen!" Pezzey wurde vor allem wegen der Worte Michels freigesprochen. Und fortan schaute der DFB Fernsehen. Doch zurück zu den nicht geahndeten, eindeutigen Handspielen, die womöglich nachhaltig den Ausgang einer ganzen Saison beeinflussten.

Oliver Helds verhängnisvolle Lüge

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Oliver Held hätte lieber die Wahrheit gesagt.

(Foto: imago/Team 2)

In der Spielzeit 1997/98 trat der 1. FC Köln - womit wir wieder beim Thema "ausgleichende Gerechtigkeit" wären - am 29. April beim FC Schalke 04 zu einem Nachholspiel an. Der FC brauchte damals jeden Punkt im Kampf um den Klassenerhalt. Und es sah gut aus an diesem Tag für die Kölner. Lange Zeit hielten sie ein 0:0 gegen die Eurofighter aus Gelsenkirchen. Und dann kam die 80. Minute. Der FC-Profi René Tretschok schoss die Kugel auf das Tor der Schalker. Jens Lehmann im Kasten der Königsblauen war bereits geschlagen, als sein Mitspieler Oliver Held hochstieg. Doch der Kölner konnte den Ball schlussendlich nur mit der Hand abwehren. Eigentlich eindeutig, sollte man meinen, doch Schiedsrichter Uwe Kemmling hatte die Szene offensichtlich nicht klar gesehen. Und deshalb entschloss er sich zu einer durchaus ungewöhnlichen Maßnahme: Er fragte Held direkt, wie er die Kugel aus der Gefahrenzone gerettet habe!

Bis heute sagt Oliver Held, dass es einer seiner größten Fehler gewesen sei, damals nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Danach kam es, wie es kommen musste. Schalke erzielte noch das 1:0 - und am Ende der Saison stieg der FC in die Zweiten Bundesliga ab. TV-Kommentator Jörg Dahlmann fragte damals bei der Zusammenfassung der Partie: "Hätten die Kölner anders gehandelt?" Eine Frage, die sich heute erübrigen würde: Denn dieses Handspiel von Held war so eindeutig und absichtlich, dass der Videobeweis die Situation tatsächlich ohne Probleme klären würde.

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Kein Fußballfan würde in diesen geschilderten drei Fällen, die allesamt von Bedeutung waren, etwas gegen das Hilfsmittel Videobeweis sagen. Ganz im Gegenteil. Denn es ging jeweils um Handspiele, die jedermann direkt für ahndungswürdig erklärt hätte. Wieso es dennoch eines Tages so kompliziert werden musste? Keine Ahnung. Aber bestimmt gibt es dafür auch eine Erklärung. Ganz so einfach wird die dann allerdings nicht sein.

Quelle: ntv.de