Gewaltige ProtestbewegungAls der Zorn der Fußball-Fans erstmals geballt eskalierte
Von Ben Redelings
Vor 25 Jahren demonstrierten erstmals in der Geschichte des deutschen Fußballs die Fans aller Vereine gemeinsam in den Stadien. Es war eine gewaltige Protestbewegung, die sich da zur Sorge der Fußball-Funktionäre formierte. Doch was anfangs nach einer echten Revolution aussah, verpuffte am Ende überraschend schnell.
"In dieser Form und zu diesem Zeitpunkt habe ich das nicht erwartet." BVB-Geschäftsführer Michael Meier hatte gerade erst den ersten deutschen Klub an die Börse geführt, als er sich plötzlich einer gewaltigen und vor allem überraschenden Protestbewegung gegenübergestellt sah.
Denn damals, vor 25 Jahren, demonstrierten erstmals in der Geschichte des deutschen Fußballs die Fans aller Vereine gemeinsam in den Stadien. Es war eine Zeitenwende - und eine spannende, neue Kraft im Profifußball, die aber am Ende dennoch scheitern sollte. Zu mächtig waren und sind die Kräfte der Kommerzialisierung bis heute.
Unter dem Titel "Pro 15:30" hatten sich die Anhänger (fast) aller deutschen Vereine versammelt, um vor allem gegen die weitere Zersplitterung der Spieltage zu protestieren. Bisher hatten sich die Verantwortlichen immer nur mit kleineren Randgruppen beschäftigen müssen, nun aber organisierten sich die Fans zentral und ließen erstmals gemeinsam ihre Muskeln spielen. Und das zeigte schnell Wirkung.
Denn die Fans mussten erkennen, dass ihr Einfluss (gegenüber den Vereinen) im Grunde viel größer war, als sie es bis dahin gedacht hatten ("Hauptsache, der Fan bezahlt und hält das Maul") - und das aufgrund einer einfachen Wahrheit: "Ohne Fans kann der Fußball nicht existieren. Wir sind der Fußball. Und jetzt wehren wir uns!"
Nacktprotest bei Minusgraden
Und der Zorn der Anhänger war groß. Zu lange hatten sie jede Veränderung an den Rahmenbedingungen ihres Lieblingssports ohne großes Aufbegehren akzeptiert. Nun war Schluss. Sie wollten einfach nicht mehr schweigen. Sie wollten mit ihren Forderungen endlich wieder ernstgenommen werden - und waren dabei in ihren Aktionen anfangs sogar eher kreativ und friedlich, als krawallig.
Neben Nackt-Protesten bei Minusgraden ("Geben für unseren Verein das letzte Hemd") ließ so manches Banner die Zuschauer schmunzeln: "Morgens Aronal - 15.30 Uhr Fußball - abends Elmex." Doch eine Sache fiel leider schnell auf: Außerhalb der Stadien wurden sie kaum gesehen!
Denn die TV-Sender, die viel Geld für die Rechte gezahlt hatten, versuchten am Anfang die protestierenden Fans und ihre Spruchbänder aus der Berichterstattung herauszuhalten, wo es nur ging. Doch selbst ein Uli Hoeneß hatte damals erkannt, dass der Profifußball in Deutschland Anfang der 2000er-Jahre an einem Kipppunkt war: "Keinem kann daran gelegen sein, dass es dem Fußball schlecht geht. Volle Stadien sind wichtig!"
Doch auf der anderen Seite standen die Fernsehsender wie Sat1, dessen Sportchef klar und deutlich zu verstehen gab, dass an der aktuellen Form der Spieltagsaufschlüsselung nicht zu rütteln wäre: "Wir müssen derart hohe Lizenzen zahlen, da brauchen wir die Sendeplätze am Wochenende, um durch Werbung unsere Kosten zu decken."
"Es ist eben genau umgekehrt"
Und noch etwas schwächte die Position der Fans und ihrer "Pro 15:30"-Bewegung. Denn obwohl sich BVB-Manager Michael Meier prinzipiell beeindruckt zeigte ("Die Aktionen waren zwar geschickt übers Internet vorbereitet"), stellte er dennoch eine nicht unerhebliche Frage in den Raum: "Trotzdem weiß ich nicht, ob die Bewegung mit ihren Forderungen, etwa nach Abschaffung der Sonntagsspiele und der am Samstagabend, die Mehrheit der Fans repräsentiert. Fraglich ist also, ob es eine Legitimation für diese Proteste gibt."
Und Meier untermauerte seine Worte nachdrücklich mit einer einfachen Feststellung: "Und das Argument, das Fernsehen würde die Leute aus den Stadien vertreiben, zieht auch nicht: Es gab doch früher, ohne die vielen Übertragungen und mit der verbindlichen Anstoßzeit von 15.30 Uhr, nicht mehr Stadionbesucher. Es ist eben genau umgekehrt: Heute sind die Stadien voller. Gucken Sie sich im Vergleich dazu doch die sechziger, siebziger oder achtziger Jahre an."
Natürlich hatte Michael Meier damit recht, dass der Fußball seit dem Beginn der neuen Phase der Kommerzialisierung mit dem Einstieg des Privatfernsehens Ende der 80er-Jahre einen unerhörten Boom erfahren hatte. Doch genau das hatte auch Probleme aufgeworfen, wie die Entzerrung der Spieltage, die selbst der DFB damals nicht leugnete: "Es muss etwas passieren, das ist klar!" Allerdings mussten dabei alle - Freunde und Feinde der Kommerzialisierung - eine einfache Sache einsehen: "Die Zeit ist nicht mehr zurückzudrehen."
Doch dann geht es weiter ...
Es waren genau diese Worte, die fünf Jahre später der damalige DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus bei einem Fankongress wählte - und auch für die weitere Entwicklung des "System Fußball" keine positiven Voraussagen machen wollte. Denn auch die größte Protestbewegung, die der deutsche Sport bis dahin je erlebt hatte, merkte schnell, dass ihr Einfluss aufgrund der neuen (finanziellen) Spielregeln und Rahmenbedingungen doch begrenzter war, als man kurzfristig gedacht und gehofft hatte.
Der gemeinsame Weg, das war damals bereits klar, würde nur über eine weitere Eskalation (kurz darauf gab es die ersten bundesweiten "Blocksperren") und neue Formen des Protestes führen. Nicht von ungefähr entstanden genau damals viele der heute noch existierenden Ultra-Bewegungen in Deutschland.
Der Zorn vieler Fußballfans ist bis heute unverändert. Das Rad der Zeit hat sich indessen weiterbewegt. Und so würden wohl viele Anhänger die Zustände des Profifußballs des Jahres 2001 heute als fast schon paradiesisch empfinden. Denn die Kommerzialisierung schreitet immer weiter voran. Stück für Stück. Nur manchmal, wenn die Stimmen und die Stimmung zu laut werden, wie damals im Frühjahr vor 25 Jahren, macht sie für einen Moment halt. Doch dann geht es weiter. Immer weiter.
