"Ich bleibe, euer Kevin!"Als ein Superstar aus Liverpool die Bundesliga verzauberte
Von Ben Redelings
Als Kevin Keegan Ende der 70er-Jahre zum Hamburger SV kam, war er der große Star der Bundesliga - und auch sein Gehalt sprengte alle Dimensionen. Doch der ehemalige Liverpooler erfüllte alle Erwartungen! Heute feiert der Mann, der Anfang des Jahres wegen einer schweren Erkrankung Schlagzeilen machte, seinen 75. Geburtstag.
"Wir holen die Millionen wieder herein!", titelte im Sommer 1977 eine große deutsche Sportillustrierte. Damals, als Kevin Keegan von der Insel zum Hamburger SV in die Bundesliga wechselte, ging es anfangs viel um das viele Geld. Der Starstürmer des Europapokalsiegers FC Liverpool war durch sein Engagement beim HSV zum teuersten und bestbezahlten britischen Fußballer aller Zeiten geworden.
Das sei "fünfmal soviel wie die Großverdiener im britischen Fußball kassieren", schrieb der "Kicker" - und "viermal soviel wie der britische Premierminister" für seine Tätigkeit bekomme. Vielleicht war genau das am Anfang seiner Zeit in Deutschland das Problem von dem Mann, den sie abwechselnd und voller Ehrfurcht "Mighty Mouse" und "rasender Zwerg" nannten.
"Ich habe das nie vergessen"
Denn schon nach wenigen Wochen und Monaten in Hamburg sah es erst einmal gar nicht danach aus, dass das Deutschland-Abenteuer ein Erfolg werden würde. Keegan war nach den ersten Spielen von sich und den Mitspielern regelrecht enttäuscht: "Die geben mir keinen Ball, also behalte ich ihn zu lange, wenn ich ihn mal habe."
Als die Seelenpein gar zu groß wurde, überlegte er bereits alles rückgängig zu machen. Der Grund klang allerdings etwas seltsam: "Ich gehe wieder nach England, weil beim HSV der Trainer in der Mitte steht, ich muss im Kreis um ihn rumlaufen. In England ist es genau andersherum."
Seine grandiose Zeit in Liverpool schien Keegan zu Beginn in Hamburg innerlich noch zu verfolgen. Bei seinem Abschied hatte Keegan damals auf eigene Kosten 100.000-mal ein Foto drucken lassen, das ihn und seine Frau in inniger Umarmung nach dem Gewinn des Europapokals zeigte. Das Bild wurde kostenlos an seine Anhänger verteilt. Denn Keegan schien seine Fans tatsächlich zu achten: "Kein Kind geht von mir weg, ohne dass es sein Autogramm bekommen hat. Als Kind wartete ich einmal im Regen als Einziger nach einem Spiel auf mein Idol. Keiner war da außer mir. Nach einer halben Stunde kam er und schubste mich zur Seite. Ich habe das nie vergessen. Wir sind doch auch als Erwachsene manchmal noch wie Kinder, nicht?"
"Ich verdiene das viele Geld noch nicht redlich"
Doch alles kindlich Intuitive war anfangs von ihm gewichen. In Hamburg musste sich Keegan erst einmal seinen guten Ruf aus Liverpooler Zeiten neu erarbeiten. Es lief einfach nicht. Und Schuld waren wohl auch die vielen Berichte über das viele Geld. Die Mitspieler neideten ihm seinen üppigen Verdienst und die kostenlosen Annehmlichkeiten, die er bekam. So übernahm der HSV sechs Monate die Kosten für ein Mietshaus mit Swimmingpool und einem Tennisplatz.
Als sich die Situation für Keegan im Frühling 1978 immer noch nicht gebessert hatte, sagt er: "Ich bekomme viel Geld vom HSV, aber ich verdiente es bisher nicht redlich, weil ich gar nicht oft genug den Ball bekam, um mit meiner Leistung zeigen zu können, dass ich das Geld auch wert bin. Also habe ich zu Netzer gesagt, entweder er sorgt dafür, dass ich öfter den Ball bekomme, oder er verkauft mich!"
"Kühl überlegt und zweimal zugeschlagen"
Damals sorgte auch eine andere Geschichte für Aufregung. Kevin Keegan flog bei einem Freundschaftsspiel gegen den VfB Lübeck vom Platz und wurde für zwei Monate vom DFB gesperrt. Keegans Sicht der Dinge: "Mein Gegenspieler hat mich mehrmals ungestraft gefoult, und jedes Mal grinste er mich dabei frech an. Ich wusste, dieser Mann wollte mich kaputtmachen. Und da ich vom Schiedsrichter keinerlei Schutz erwarten konnte, stand ich vor der Wahl: Entweder mir von meinem Gegner das Bein brechen zu lassen oder zurückzuschlagen und einen Platzverweis zu riskieren. Ich habe ganz kühl überlegt und dann zweimal zugeschlagen. Lieber zwei Monate Sperre als drei Monate Krankenhaus!" Ob eine Auswechslung nicht auch eine Lösung gewesen wäre, erwähnte Keegan leider nicht.
Doch Manager Netzer glaubte an die "Mighty Mouse", ließ Keegan nicht im Stich und unterstützte ihn, wo er nur konnte. Und das sollte sich auszahlen. Kurz darauf schwärmte der Gegenspieler des Engländers, Ennatz Dietz vom MSV Duisburg: "Keegan lässt sich nicht unterkriegen. Dem haut einer auf die Gräten, schon steht er wieder auf und lächelt dich an. Für einen Profi hat er noch eine unglaubliche Spielfreude. Diese Begeisterung ist mehr wert als alles andere. Dem fällt nach einem Sieg erst in der Kabine wieder ein, dass er jetzt auch noch Geld dafür kriegt. Der sagt dann: 'Ah, ja. Geld gibt's ja auch noch!'" Und Schiri Ahlenfelder meinte: "Der wurde gefoult, stand auf, wurde wieder getreten, aber lief immer weiter. Kein Ton, gar nichts!"
Rückkehr "mit Taschen voll mit Geld"
Neben dem Platz sollte sich Keegan jedoch eines Tages von einem gutmütigen, netten Burschen zu einem echten Geldhai verändern, wie sich Spielerberater Holger Klemme einmal erinnerte: "Er hat eine prägende Erfahrung gemacht: Ein in Süddeutschland ansässiger Spielervermittler bekniete Netzer, er möge ihm Keegan für eine Autogrammstunde zu 7.500 Mark besorgen. Keegan fuhr hin. Der Spielervermittler präsentierte ihn in einem Kaufhaus, dann in einer weiteren Filiale, dann noch einer, dann bei einem vierten Termin und spät am Abend noch bei einem Tanzwettbewerb in einer Disko.
Nun kam Keegan erfreut nach Hamburg zurück und verkündete freudig, er habe fünfmal 7.500 Mark an dem Tag verdient. Er irrte sich, denn der Vermittler überwies schließlich nur einmal die 7.500 Mark, hatte aber wohl selbst fünfmal kassiert. Von da an änderte sich Keegan zu einem richtigen Geldhai. Er sagte immer nur: 'So ist Deutschland! Wenn ich eines Tages wieder nach England zurückkehre, dann die Taschen so voll mit Geld, bis sie durchbrechen.'"
Das gelang tatsächlich. Auch weil sich seine Schallplatte "Head over Heels in Love" europaweit schnell über 400.000 Mal verkaufte. Für einen HSV-Sponsor schlüpfte der Engländer schließlich in die Rolle des "Super-Kevin" - ein Comic-Held, der für sparsamen Energieverbrauch kämpfte. Die Gage hierfür: "Weniger, als der Kino-Superman Christopher Reeve bekommen hat!" Meinte der Sponsor. Und vergaß zu erwähnen, dass der Filmheld über eine halbe Million Mark kassierte.
"Keegan ist seelisch erledigt"
Keegan begeisterte die Massen auf dem Rasen, aber auch abseits des Platzes sorgte der Engländer immer wieder für Schlagzeilen. So tobte in der Meistersaison 1978/79 ein seltsamer Kampf in Hamburg. Ein gewisser Gyula Pasztor gab sich als Manager von ihm aus und sagte: "Keegan ist seelisch erledigt!" Warum das so sei, wusste er auch genau zu schildern: "Zebec, der jugoslawische Trainer, hat ihn vor der Mannschaft und der Öffentlichkeit bis auf die Knochen blamiert, ihn in der Ehre verletzt. 1974 wurde Kevin auf dem Flughafen in Belgrad von jugoslawischen Polizisten blutig geschlagen. Keegan schwor daraufhin, nie mehr nach Jugoslawien zu fahren. Seit Zebec das weiß, ist Kevin bei ihm unten durch!"
Die Story stimmte sogar, doch hätte der Manager vielleicht dazu sagen sollen, dass sich Keegan und seine Nationalmannschaftskollegen damals in Jugoslawien alles andere als gentlemanlike aufgeführt hatten. Als ihnen langweilig wurde, sprangen sie auf das Gepäckband und führten wilde Tänze auf, die erst durch den beherzten Einsatz von einem Dutzend Polizisten unterbunden werden konnten. Englische Nationalspieler auf Reisen können anstrengend sein - das war auch damals schon lange kein Geheimnis mehr.
Genau in diese Zeit fielen einige Angeboten u.a. aus Spanien und den USA, doch mitten in der Winterpause posierte der Stürmer des Hamburger SV und der englischen Fußballnationalmannschaft schließlich für ein denkwürdiges Foto im Hamburger Volksparkstadion. Denn Kevin Keegan hatte den Entschluss gefasst, eine einjährige Vertragsverlängerung beim Fußball-Bundesligisten anzunehmen - und genau dies ließ der Superstar deutlich sichtbar in den Schnee hinter sich auf dem Foto schreiben: "Ich bleibe, euer Kevin!"
"Viel schlimmer als der Tod der Queen"
Im Sommer 1980 verließ Keegan dann Hamburg, doch vier Jahre nach seiner Rückkehr nach England zog es ihn Mitte der 1980er Jahre bereits wieder weiter. Er glaubte, im Ausland das ewige Glück gefunden zu haben: "Falls irgendjemand jemals hören sollte, dass Kevin Keegan zum englischen Fußball zurückkommt, dann kann er so viel lachen wie ich. Es wird niemals passieren." Doch schon ein Jahr später war er wieder daheim - und seine Karriere als Spieler war endgültig beendet. 1992 begann dann schließlich seine zweite Laufbahn als Trainer, genau dort, wo er zuletzt in England gespielt hatte, bei Newcastle United.
Und auch dort war er aufgrund seiner Erfolge wieder hochverehrt und wurde geliebt. Besonders bei den Fans der Magpies. Und so meinte der Fanklub-Sekretär John Regan im Jahr 1997, als Keegan von seinem Trainerposten zurücktrat: "Die Leute sagen, dass sein Weggang wie der Tod der Queen sei. Dabei ist es noch viel schlimmer." Wie recht er hatte, verdeutlichen die Worte eines Zugführers, der selbst Fan von Sunderland war. Er machte an diesem Tag die Durchsage: "Sehr verehrte Damen und Herren, wir haben aufgehört, den Tyne zu beaufsichtigen, so dass nun Fans von Newscastle ungestört in den Fluss springen können."
"Der Kleinste war mal wieder der Größte."
Anfang dieses Jahres machte die Familie von Kevin Keegan, nachdem der frühere englische Nationalspieler wegen anhaltender Beschwerden im Bauchbereich untersucht worden war, eine Krebserkrankung öffentlich. Einige ehemalige Kollegen des HSV-Spielers, u.a. Peter Hidien, Holger Hieronymus, Horst Hrubesch und Bernd Wehmeyer, haben in dieser Woche in einem emotionalen Video ihre guten Wünsche zur Genesung übermittelt.
In dem Zusammenschnitt hört man auch die Stimme des früheren ARD-Reporters Fritz Klein. Er ruft nach drei herrlichen Toren des Engländers begeistert: "Dreimal Keegan, was wäre der HSV ohne diesen Superstar? Der Kleinste war mal wieder der Größte."
Der kleine Mann vom FC Liverpool, der einst mit seiner brillanten Spielweise und seiner feinen Art nicht nur die Herzen der Hanseaten im Sturm eroberte, feiert heute seinen 75. Geburtstag. Alles Gute, Gesundheit und ein herzliches Glück auf, liebe "Mighty Mouse"!
