Redelings Nachspielzeit

Reus und die Mentalität BVB-Monster brauchen kein Viagra-Omelett

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Marco Reus hat keine Lust auf Mentalitätsdebatten.

(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

Für Marco Reus ist alles und nichts schuld am späten Ausgleich in Frankfurt - aber nicht diese "Mentalitätsscheiße". Als der BVB noch unter Jürgen Klopp spielt, nennt der seine Spieler "Mentalitätsmonster". Auch da kassiert der BVB späte Treffer. Ist Mentalität doch nicht alles?

Borussia Dortmunds Kapitän Marco Reus ist wahrhaft nicht alleine. Denn einen Mangel an "Mentalität" lässt sich niemand gerne vorwerfen - vor allem beim Fußball nicht. Aber auch sonst sorgt der Begriff meist für wenig Begeisterung. Es gibt da diese feine Anekdote, als in Köln der stets bis in die Haarspitzen motivierte Elektromeister Jean Löring zu Beginn der neunziger Jahre versuchte, aus dem Stadtteilklub Fortuna eine Weltmarke zu kreieren.

Löring agierte bei diesem aussichtslosen Unterfangen so sympathisch und unbeholfen, dass die Geschichten rund um ihn und seinen Verein bundesweit viel Beachtung fanden. Eines Tages sorgte der Fortuna-Präsident mit einer Brandrede wieder einmal für Aufsehen. Er warf seinen Profis mangelnde Berufsauffassung und - Obacht! - "Beamtenmentalität" vor. Er verglich das Verhalten der Spieler mit dem eines Briefträgers: "Kommst du heute nicht, kommst du morgen." Die Beamtenverbände liefen damals natürlich Sturm.

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Jean Löring hieß eigentlich Hans Löring und war in Köln als "De Schäng" bekannt.

(Foto: imago sportfotodienst)

Aber im Grunde war der Protest ganz praktisch für die Fortuna. Endlich einmal hatten die notorisch unter Zuschauermangel leidenden Südstädter eine plausible Erklärung für die wenigen Anhänger, die sich an den Wochenenden im Südstadion verliefen. Und als kurz nach Lörings Aussage gegen Bayreuth nur noch rund 450 Menschen den Weg zur Fortuna fanden, erklärte Vorstandsmitglied Rudolf Fähnrich das mangelnde Interesse ganz einleuchtend: "Ist doch kein Wunder. Die Briefträger sind allesamt nicht gekommen."

Ob Reus diese Geschichte wohl kennt? Wahrscheinlich nicht. Eher werden ihm die Worte Rudi Assauers ein Begriff sein. Denn beim Thema "Mentalität" sind die beiden wahre Brüder im Geiste. Der legendäre Manager des FC Schalke 04 konnte genauso wenig mit dem Wort anfangen wie der BVB-Profi am Sonntagabend nach dem Unentschieden seiner Borussia im Bundesligaspiel bei Eintracht Frankfurt. Assauer allerdings verpackte seinen Abscheu auf gewohnte Art etwas raffinierter in knisterndes Geschenkpapier: "Das Wort mental gab es zu meiner Zeit als Fußballspieler noch gar nicht. Nur eine Zahnpasta, die so ähnlich hieß."

Die Gefühle gehen Gassi

Den Frust von Reus ("Aber kommt mir jetzt nicht mit eurer Mentalitätsscheiße. Jede Woche dieselbe Kacke!") kann jeder Fußballer nachvollziehen. Es fühlt sich fast nichts so mies an, wie ein Gegentor kurz vor Schluss, das einen sicher geglaubten Sieg in ein Unentschieden verwandelt. Und wenn direkt nach dem Abpfiff ein Reporter die berühmte "Woran hat’s gelegen?"-Frage konsequenterweise gleich selbst beantwortet, können schon einmal die Gefühle mit einem Gassi gehen, wie es Jürgen Klinsmann einst ausdrückte. Zudem kann ein Wutausbruch zur rechten Zeit ja durchaus befreiende Wirkung haben.

Und auch Reus weiß nur zu gut: Eine gewisse Sieger-Mentalität ist unabdingbar für den Erfolg. "Wenn du die nicht besitzt, bist
 du nur ein Nasenbohrer oder Haubentaucher", sagte einst Karl-Heinz Wildmoser, Präsident des TSV 1860 München. Und der wusste, wovon er redete. Gleich nebenan an der Säbener Straße zeigten seit Mitte der sechziger Jahre die Fußballer des FC Bayern, was es heißt, mit der richtigen Einstellung auf den Platz zu gehen. Das "Mia san mia"-Siegergen wird jedem Neuankömmling gleich am ersten Tag vom Vereinsarzt intravenös verabreicht.

"Die Jungs sind Scheiß-Mentalitätsmonster"

Bei anderen Vereinen sorgt in der Regel der Trainer dafür, dass die Spieler die nötige Mentalität verinnerlichen und leben (Berti Vogts: "Diese Siegermentalität wollen wir auch mental rüberbringen"). In Dortmund gab es eine lange und sehr erfolgreiche Zeit, in der man sicher sein konnte, dass das viel diskutierte Thema vom Sonntagabend nie angesprochen worden wäre - zumindest nicht im negativen Sinne. Es waren die Jahre unter Jürgen Klopp, der sich neuerdings Welttrainer nennen darf. Ansgar Brinkmann hat vor ein paar Monaten über seinen ehemaligen Mitspieler und Zimmerkollegen gesagt: "Kloppo ist Emotion pur. Seid froh, dass er gelegentlich mit seinem Feuer nur Liverpool anzündet. Er könnte mit seiner Mentalität ganz England anzünden."

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Jürgen Klopp ist "Emotion pur". Sagt Ansgar Brinkmann.

(Foto: imago images / Focus Images)

Und dieser Klopp erklärt seine Spieler gerne zu "Mentalitätsmonstern". Das hat er bereits zu BVB-Zeiten getan - und neulich wieder, als sein FC Liverpool im Halbfinale der Champions League nach einem 0:3 in Barcelona das Ding mit einem 4:0 zu Hause noch drehte: "Ich habe den Jungs vor dem Spiel gesagt, dass das alles eigentlich unmöglich ist, aber es doch möglich ist, weil sie es sind, die es schaffen können. Es ist jetzt nach zehn Uhr, die meisten Kinder sind schon im Bett, deswegen kann ich es sagen: Die Jungs sind Scheiß-Mentalitätsmonster. Das ist unglaublich."

Aber wahrscheinlich hat am Ende auch Reus Recht mit seiner Einschätzung, dass der späte Ausgleich von Frankfurt nichts mit der Mentalität der Mannschaft an sich zu tun hat. Denn auch damals unter Klopp kassierte der BVB bittere Tore im letzten Moment. Es sei nur einmal an das spektakuläre 4:4 gegen den VfB Stuttgart im Meisterjahr 2012 erinnert. Im Fußball ist eben alles wie so häufig relativ. Spaniens Nationaltrainer Luis Aragonés hat die Sache mit der fehlenden Mentalität übrigens einmal mit Humor genommen. Er sagte: "Das Einzige, was helfen würde, wäre ein Viagra-Omelett." Vielleicht keine ganz so schlechte Idee. Und am nächsten Wochenende können (nicht nur) die Spieler des BVB wieder beweisen, dass sich eine Reporterfrage erübrigt: nämlich die nach der Mentalität.

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Quelle: n-tv.de

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