Fußball

Erst gepatzt, dann geschimpft Was ist Mentalität? Und hat sie der BVB?

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Gibt's beim BVB ein Problem mit der Mentalität? Kapitän Marco Reus kann das nicht mehr hören.

(Foto: imago images / Chai v.d. Laage)

Der Frust bei Borussia Dortmund ist extrem groß. Zum bereits zweiten Mal in dieser Saison lässt der BVB wichtige Punkte liegen. Die Debatte um ein Mentalitätsproblem macht Kapitän Marco Reus stinksauer. Dennoch stellt sich die Frage: Ist Dortmund titelreif? Oder was fehlt?

Ist das eigentlich eine Frage der Mentalität, wenn Borussia Dortmunds Thomas Delaney in der 88. Minute sein linkes Bein aus Reflex in eine Hereingabe von Eintracht Frankfurts Daichi Kamada stellt? Es gibt sehr viele gute Gründe, das nicht so zu sehen. Allen voran, weil ein Reflex vermutlich nichts mit Mentalität zu tun hat. Wäre nicht eher Untätigkeit ein stützendes Argument für die These, dass die Einstellung beim BVB nicht stimmt? Und trotzdem ist es so, dass das Thema Mentalität zum Thema für die Dortmunder wird. Weil eben Delaneys Bein die Hereingabe von Kamada aus kürzester Distanz fatalerweise (aus Sicht der Gäste) ins eigene Tor lenkte. Zum späten 2:2. Zum zweiten Patzer in der Ferne in dieser Saison. Einem diesmal aber weniger überraschenden als eher unnötigen.

Marco Reus, Kapitän des Dortmunder Fußball-Bundesligisten, wollte sich mit dieser "Mentalitätsscheiße" gar nicht befassen. Ist ja auch ein blödes Thema. Wütend reagierte er nach diesem 5. Spieltag beim TV-Sender Sky auf Fragen nach der Arbeitseinstellung seiner Mannschaft. Dabei hatte ausgerechnet er selbst diese nach dem ersten Patzer, dem peinlichen 1:3 bei Aufsteiger Union Berlin am 3. Spieltag, zum Thema gemacht. Grundsätzlich müsse sich die Mannschaft wegen ihrer Einstellung, ihrer Mentalität und ihres Willens "komplett hinterfragen". In der Alten Försterei übrigens fehlte mit Axel Witsel der Dortmunder Spieler, der wie kaum ein anderer für die eigene Überzeugung steht, jeden Gegner schlagen zu können. Egal was passiert. Gegen die Eintracht, eine seit zwei Jahren anerkannte Mentalitätserfolgsmannschaft, spielte er mit und war der beste Mann. Darüber besteht medienübergreifend kein Zweifel.

"Müssen das über die Bühne kriegen"

"Das geht mir so auf die Eier", schimpfte der schwache Reus nun über die Mentalitätsfrage. Und dank der Vehemenz von Fragensteller Ecki Heuser schimpfte er noch ein bisschen weiter: "Jede Woche immer die selbe Kacke." Allerdings fand er auch, dass sich die Mannschaft mangelnde Konsequenz vorwerfen lassen müsse. "Es war alles in Ordnung. Wir gehen mit 2:1 in Führung und haben das Spiel dann unter Kontrolle", sagte Reus. "Dann kriegen wir zwei Minuten vor Schluss das 2:2. Wenn wir vorher das 3:1 machen, ist das Spiel gegessen, aber wir müssen auch einfach mal in der Lage sein, das über die Bühne zu kriegen. Da müssen wir die letzten fünf Minuten dann einfach besser gegenhalten." Eine Entkräftung des Vorwurfs einer mangelnden Mentalität ist das freilich nicht. Parallel erklärte Eintrachts Trainer Adi Hütter, was für ihn Mentalität bedeutet: "Dass man bis zum Schluss versucht, an etwas zu glauben, Bereitschaft zu zeigen, nie aufzugeben." Aber es war auch so: "Natürlich haben wir gesehen", ergänzte Hütter, "dass Dortmund eine Top-Mannschaft hat, dass sie das Spiel grundsätzlich klar im Griff hatte." Da herrschte also Einigkeit.

Und nun ist es natürlich nicht ganz richtig, dass sich der Vizemeister jede Woche mit seiner Einstellung befassen muss. Weder gegen den FC Barcelona in der Champions League noch zuvor in der Liga gegen Bayer Leverkusen wurden Art und Weise hinterfragt. Das Gegenteil war eher der Fall: Zweimal gab's Lob. Einmal für die Reife (gegen Bayer) und einmal für die furiosen, wenngleich erfolglosen Attacken auf das Tor von Marc-André ter Stegen (gegen Barça). Wobei sich der furiose ter Stegen für seine Paraden fast noch mehr Lob verdiente. Allerdings waren das auch Heimspiele. Dort läuft's unter Coach Lucien Favre ohnehin viel besser als auswärts. Von 20 Partien in der Fremde gewann der BVB nur zehn!

Von der eigenen Stärke gelähmt?

Was also ist eigentlich los bei Borussia Dortmund? Reus sah gegen Frankfurt ein Problem beim Verhalten in der Defensive. Tatsächlich klärte der junge Innenverteidiger Dan-Axel Zagadou vor dem Ausgleich eine bestenfalls halb gelungene Hereingabe in die Mitte, Ausgangspunkt dann für die Doppelflanke zum 2:2. Zagadou war nach 63 Minuten eingewechselt worden. Ausgerechnet für den verletzten Rückkehrer Mats Hummels. Für den Spieler, den sie in Dortmund auch wegen seiner Mentalität, seiner Führungsstärke eingekauft hatten. Und wegen seines Anspruchs, Titel gewinnen zu wollen. Diesen Anspruch hatten der BVB und Reus vor dieser Saison ja für sich selbst auch ausgerufen. Offensiver denn je. Und dafür waren sie von sehr vielen Seiten gelobt worden. Vielleicht ein bisschen zu viel? Hemmt das Wissen um die eigene Stärke womöglich Tugenden der simplen, schnöden Gegenwehr? Mangelt es manchen Spielern an der nötigen Robustheit gegen die Härte, mit der Außenseiter sich ins Spiel fighten? Läuft's manchmal so: Wird schon, wir können's doch? Beim 1. FC Köln am 2. Spieltag wirkte das phasenweise so. Erst spät wurde das Spiel gedreht (3:1). Dann allerdings äußert wuchtig. Und beeindruckend.

Der ohnehin schon sehr starke Kader war nochmals getunt worden. Mit Julian Brandt kam ein Upgrade zu Christian Pulisic. Der erfahrene Hummels ersetzte den weniger erfahrenen Abdou Diallo. Mit Nico Schulz kam ein offensivfreudiger deutscher Nationalspieler für die linke Abwehrseite. Und für ein deutliches Plus an Variabilität in der Offensive sorgt Thorgan Hazard. In Dortmund, das ist ja kein Geheimnis, wissen sie eigentlich um ihre aberwitzige Qualität im Angriff, um ihren zuverlässigen Anker im Mittelfeld und um ihre mindestens gute Abwehr inklusive Torwart Roman Bürki. Erst recht wussten sie um ihre Qualität, als sie den FC Bayern im Supercup (2:0) dahergespielt hatten. Sie hatten die Münchner einfach mal machen lassen, hatten auf Fehler gelauert und sie so eiskalt bestraft, wie es eine Spitzenmannschaft halt tut.

Mangelnder Fokus und zu viel Leichtfertigkeit

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Nun, so groß ist der Abstand auf die Tabellenspitze ja noch nicht.

(Foto: dpa)

Auf den Tag genau einen Monat später stellen die Dortmunder nun den Status Spitzenmannschaft durch ihren Sportdirektor offiziell außer Dienst. Mangelnden Fokus erkannte Michael Zorc. Und Leichtfertigkeit. Auch Trainer Lucien Favre haderte damit, dass sein Team in den "dominanten Phasen" die Chancen nicht besser "finalisierte". Torhüter Roman Bürki vermisste die Kaltschnäuzigkeit. Tatsächlich hat der BVB nach RB Leipzig (27,1 Prozent) und gemeinsam mit dem FC Bayern aber die beste Abschlussquote der jungen Saison, verwertet 24,6 Prozent aller Gegelegenheiten. Zur Wahrheit gehört auch: Zu manch einer Chance kommt's gar nicht, weil - wie gegen Frankfurt - Konter ebenso schlampig zu Ende gespielt werden, wie andere Angriffe zu verspielt sind. Ist das eine Frage der Qualität? Oder aber der Mentalität? Oder der Konzentration? Ist Konzentration gar Mentalität oder Qualität? Was ist Mentalität überhaupt? Die eigene Überzeugung? Wie lässt das sich messen? An der Laufleistung? An der Passquote? An der Anzahl der Abschlüsse? An der Qualität der Abschlüsse? An den Zweikämpfen? Am Ballbesitz?

Mentalität, so hatte der ehemalige Borussen-Trainer Peter Bosz dem Magazin "11 Freunde" gesagt, erklärt sich mit Konzentration, Fokussierung, Willenskraft, aber auch damit, ob jemand mit Druck umgehen kann. Aber Mentalität werde eben auch manchmal missbraucht, um zu erklären, warum ein schwächeres Team einen Favoriten besiegt. So brauche man nicht in die tiefere Analyse einzusteigen. Mentalität - und fertig! Nun, es sind gerade mal fünf Spieltage gespielt. Der Rückstand auf den Tabellenführer RB Leipzig beträgt nur drei Punkte, auf den FC Bayern ist es lediglich ein Zähler. Alles halb so wild. Aber die Mentalität ist eben ein Thema, weil es die Dortmunder selbst zum Thema gemacht hatten. Damit müssen sie leben. Sie Woche für Woche beweisen. Den Druck des Titelanspruchs standhalten. Und das gilt nicht nur für die ausgewiesenen Mentalitätsspieler Hummels und Witsel.

Quelle: ntv.de