Redelings Nachspielzeit

Redelings über irre Wechsel Das größte Transfer-Debakel Englands

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Ali Dia spielte tatsächlich für zwei Spiele für den VfL Lübeck - ausgerechnet gegen Hannover 96 kam er zum Einsatz. Dem Klub, der nun mit Hendrick Weydandt einen echten Coup gelandet hat.

(Foto: imago sportfotodienst)

Diese Legende ist der Albtraum aller Fußballfans: Vor mehr als 20 Jahren verpflichtete der FC Southampton einen afrikanischen Nationalspieler, weil angeblich George Weah ihn empfohlen hatte - am Telefon. Es folgte ein einziges Debakel.

Jedes Jahr aufs Neue hoffen alle Fußballfans weltweit auf die eine große Transfergranate. Auf einen Spieler, der alle Träume wahr werden lässt. Ein junger Kerl, der aus dem Nichts kommt und Geschichte schreibt. So, wie im Moment der Hannoveraner Stürmer Hendrik Weydandt. Von der "Kreisliga in die Bundesliga" lauteten die Schlagzeilen. Seine Story - einfach großartig. Voller Entzücken kann jedermann im Internet den Weg des Jungprofis nachlesen. Wäre das vor über 20 Jahren schon möglich gewesen, hätte es eine andere Geschichte nie gegeben. Was mehr als schade gewesen wäre. Denn sie ist auf ihre Art mindestens ebenso großartig.

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Graeme Souness war von 1996 bis 1997 Trainer des FC Southampton.

(Foto: imago/WEREK)

Wir schreiben das Jahr 1996. Wer bereits ein Handy besitzt, kann einen auf dicke Hose machen. Die mobile Revolution ist noch nicht gestartet, und das Internet steckt in den Kinderschuhen. Bei Yahoo kann man zwar schon die ersten Seiten suchen, aber wenn man diese ansteuert, findet man fast nichts. Den Namen Ali Dia hätte Graeme Souness damals vergeblich gesucht - wenn er es überhaupt probiert hätte. Das ist wichtig zu erwähnen, wenn man diese Geschichte aus dem Herbst 1996 erzählt. Souness war Trainer des FC Southampton. Ein Klub, der ständig gegen den Abstieg aus der ersten englischen Liga kämpfte.

Matt le Tissier war der einzige namhafte Spieler. Und genau diese Vereinslegende erzählt noch heute gerne, mit einem Lächeln des Unglaubens, vom schlechtesten Fußballer, der je in der Premier League gespielt hat. Wie dieser dahin kam, ist ein modernes Märchen aus 1001 Nacht. Für einen Moment glaubte Souness in jenen dunklen Herbsttagen, er habe den Jackpot abgeräumt. Genau ihn, den schottischen Teufelskerl, hatte sich der Weltfußballer des Jahres, George Weah, ausgesucht, um einen todsicheren Tipp zu platzieren. In einem euphorischen Telefonat feierte der Liberianer seinen Cousin Ali Dia ab. Mehrfacher Nationalspieler sei der und in Frankreich eine große Nummer. Souness müsse schnell zuschlagen, Dia sei sehr begehrt.

Souness glaubte an den Jackpot

Und so zögerte der Coach des FC Southampton keine Sekunde, stattete Dia mit einem Vertrag aus und ließ sich auch von einem äußerst irritierend verlaufenden ersten Training nicht aus der Bahn werfen. Als dann ausgerechnet kurz vor dem Spiel gegen Leeds United die Partie der zweiten Mannschaft von Sunderland wegen Unbespielbarkeit des Platzes ausfiel, nahm der Schotte Dia einfach mit zur Begegnung gegen Leeds. Als Ergänzungsspieler, der schon einmal die Atmosphäre in der Premier League hautnah, aber noch von draußen schnuppern sollte.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

So der Plan. Doch das Märchen ging weiter. Wieder muss es "ausgerechnet" heißen, wenn man davon erzählt, dass niemand anderes als der große Matt le Tissier in der 32. Minute das Feld verletzt verlassen musste. Genau in diesem Augenblick dachte Souness an seinen neuen Freund George aus Liberia und dessen flammendes Plädoyer für den begnadeten Cousin Ali. Der Trainer fiel in einen Sekundenschlaf und begann zu träumen. Von jetzt an sollte die Sonne endlich wieder über Southampton scheinen. Und er, Graeme Souness, hätte ganz alleine, nur aufgrund seiner weitreichenden und fruchtbaren Kontakte in alle Welt, den ungemütlichen Herbstregen für immer vertrieben. Doch das Märchen sollte kein Happy End haben. Das unwürdige Spektakel dauerte präzise 20 Minuten, dann war die Karriere des Ali Dia in der Premier League auch schon wieder vorbei.

An Dia stimmte nichts

Matt le Tissier hat diese quälend langen 1200 Sekunden später einmal mit dem Wort "Fremdschämen" umschrieben. Dia habe wie "Bambi auf dem Eis" gewirkt. Nicht eine einzige Szene konnte er für sich entscheiden, nicht einen einzigen Ball behaupten. Er agierte auf dem Rasen wie ein Esel in der Stierkampf-Arena. Deplatziert, planlos und völlig hilflos. Als Souness sich, die Fans und Ali Dia in der 52. Minute endlich erlöste, war allen klar, dass hier und heute niemals ein afrikanischer Nationalspieler auf dem Platz gestanden hatte. Auch wenn wenigstens die Hautfarbe echt war, stimmte ansonsten fast nichts an Dia.

Statt aus Liberia kam er aus dem Senegal. Er hatte auch nie für hochklassige Klubs gespielt, sondern sich eher knapp über der Freizeitliga neben dem Studium mit Fußball fit gehalten. Und natürlich hatte auch nicht der Weltfußballer Weah bei Souness angerufen, sondern ein Freund von Dia. Aus einer Laune heraus hatte er sich den Spaß erlaubt, seinen Kollegen bei einem Premier-League-Klub anzubieten. Und der Schotte Souness hatte zufällig genau in diesem Moment einen guten Stürmer für seinen Verein gesucht. Da hatten sie sich beim FC Southampton gedacht, das wäre doch die Gelegenheit. Und das stimmte ja auch. Allein: Man kann nicht immer das Glück haben, einen solchen Transfer wie Hendrik Weydandt zu landen.

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Quelle: n-tv.de

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