Redelings Nachspielzeit

Happel prägte GenerationenDer legendäre Erfolgstrainer, der schweigend seine Mannschaften unsterblich machte

29.11.2025, 12:43 Uhr Ben-RedelingsBen Redelings
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Ernst Happel sprach nicht mit seinen Spielern. (Foto: imago sportfotodienst)

Es war sein größter Wunsch 100 Jahre alt zu werden, doch Ernst Happel starb bereits mit nur 66 Jahren. Der große Startrainer des Weltfußballs hat mit seiner ganz besonderen Art Generationen von Fußballern geprägt. Schweigend und grantelnd hat er seine Mannschaften zu Triumphen geführt und bleibt unvergessen.

Felix Magath ist heute noch ganz fasziniert von dem schweigenden "Geheimnis" seines Trainers Ernst Happel. Er beschrieb einmal das Besondere seines ehemaligen Coaches beim HSV mit diesen Sätzen: "Wer weniger redet, der sieht mehr und nimmt mehr wahr. Wer viel redet, ist auch viel mit sich beschäftigt." Felix Magath hat für seine spätere Arbeit als Trainer ganz offensichtlich eine Menge von dem Mann übernommen, mit dem er am 25. Mai 1983 beim Gewinn des Europapokals des Landesmeisters seinen größten Triumph feierte.

Magaths ehemaliger Stürmer bei der Frankfurter Eintracht, Jan Åge Fjørtoft, hat einmal eine Geschichte erzählt, die vielen anderen Akteuren des heute 72-Jährigen im Laufe der Jahre auch widerfahren ist: "Einmal bat er einen Spieler zum Einzelgespräch in seinem Zimmer. Der Spieler kam. Saß 10 Minuten dort. Kein Wort wurde gesagt. Dann sagte Magath: 'Du kannst gehen!'" Oder eine andere Szene, die sich so auch bei Ernst Happel hätte abgespielt haben können: "Spontane Mannschaftsbesprechung. Er kommt herein. Trinkt Tee für fünf Minuten. Isst riesige Kuchen für weitere fünf Minuten. Kein Wort."

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"Mit Spielern rede ich nicht"

Günter Netzer hat einmal gemeint: "Happel hat der Mannschaft vermittelt, was er wollte, ohne mit ihr gesprochen zu haben." Das trifft das Faszinosum Ernst Happel auf den Punkt. Wenn er allerdings dann doch sprach, konnte der Österreicher auch sehr deutlich sein: "Mit Spielern rede ich nicht, mit Spielern operiere ich." Was das konkret bedeutete, zeigt ein Zitat von Dieter Schatzschneider. Der HSV-Stürmer wurde von Journalisten gefragt, ob er denn im nächsten Spiel von seinem Trainer eingesetzt werde. Schulterzuckend antwortete der Lockenkopf: "Das wissen nur der liebe Gott und der Trainer. Und mit beiden spreche ich momentan nicht."

Und als Hansi Müller einmal zu Happel ging und sagte: "Trainer, wir müssen miteinander reden", schaute ihn der Österreicher irritiert an und beendete die Sache anschließend mit folgendem Satz: "Wann's red'n wollen, müssen's Staubsaugervertreter werden. Ich brauche nur Fußballer."

"100 Jahre alt möchte ich werden. Oder wenigstens 75 - dann hab' ich 150 Jahre gelebt", hat Ernst Happel, der große Startrainer aus Österreich, einmal gemeint. Er hat leider beides nicht geschafft. Kurz vor seinem Tod im November 1992 sagte Happel einen besonderen Satz: "Für mich hat sich alles gelohnt, und ich bereue nichts." Es war das Schlusswort eines Mannes, der sein ganzes Leben dem Fußball gewidmet hatte - und dessen Motto stets war: "Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag." Am heutigen 29. November hätte der im Jahr 1925 geborene Wiener seinen 100. Geburtstag gefeiert.

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"Einen anderen Weg gibt es nicht"

Kurz vor seinem Tod, in der Innsbrucker Universitätsklinik liegend, schrieb Ernst Happel auf zwei karierte Notizzettel einige Anmerkungen nieder. Es war "Sein Vermächtnis an seine Spieler". Einer seiner Kerngedanken aus dieser Niederschrift zeigt, dass der "ewige Grantler" ("Granteln, granteln, ich muss halt granteln in der Früh. Wenn ich das tu, ist der ganze Tag besser für mich. Wenn ich nicht granteln kann, ist es für mich ein schlechter Tag") in seiner Arbeit und seinem Leben stets genau wusste, was er tat - auch wenn er sich damit nicht nur Freunde machte: "Auf Namen keine Rücksicht nehmen. Das ist der Weg, um Erfolg zu haben. Einen anderen Weg gibt es nicht."

Besonders eine Berufsgruppe hatte aufgrund dieses Verhaltens so seine Probleme mit dem für lange Zeit erfolgreichsten Trainer der Welt. Sie nahmen seine Lebenseinstellung persönlich. Da war es fast zwangsläufig, dass das Verhältnis von Happel zu den Männern von der Presse zumeist gestört war. Und tatsächlich beruhte das auf Gegenseitigkeit: "Ich bin sehr unterhaltsam, aber wenn ich ein paar Journalisten sehe, habe ich keinen Grund zu lachen." Aber auch einige seiner Spieler bauten nicht immer die beste Beziehung zu ihrem Trainer auf.

Vor allem dann nicht, wenn er sie "Joker, Zauberer oder Kokosnüsse" nannte. Dann wussten sie, dass er sie für die weniger begabten Fußballer im Team hielt. Andere Spieler liebte er aufgrund ihres Talents, verzweifelte aber an ihrem Geisteszustand. Ein Journalist zeigte sich dennoch sehr verwundert über Happels drastische Wortwahl ("Dem hat man ins Gehirn geschissen") für Wolfram Wuttke. Der Österreicher überlegte einen Moment, ob man es nicht auch schöner formulieren könne, antwortete dann aber doch: "Na ja, anders kann ich das nicht ausdrücken, das ist ja Tatsache."

"Ich sehe es am Hintern"

Trotz aller Schroffheit wussten die HSV-Profis damals allerdings ganz genau, dass Happel nicht nur selbst einst ein Nationalspieler gewesen war, sondern auch, dass er Mannschaften besser machen konnte. Sein Ruf aus den Trainerjahren in den Niederlanden bei ADO Den Haag und Feyenoord Rotterdam war legendär. Dort feierte man ihn als modernen Trainer, der mit teils revolutionären Spielideen auch als Wegbereiter des berühmten "Voetbal totaal" gilt. Als Bondscoach zog Happel mit den Niederlanden bei der WM 1978 sogar ins Finale gegen den Gastgeber Argentinien ein.

Wie verrückt Happel in seiner ihm ganz eigenen Sturheit allerdings sein konnte, zeigt eine Anekdote aus seiner Zeit als Spieler. Als er einmal über seine Kollegen verärgert war, schoss er seinem eigenen Nationalmannschafts-Keeper Walter Zeman bei einem Freundschaftsspiel im Jahr 1954 den Ball voller Wut ins eigene Netz. Die Aktion war typisch für den Fußballbesessenen, der von sich selbst behauptete: "Ich sehe es am Hintern, ob einer das Letzte bringt." Eben weil er selbst ein großer Fußballer gewesen war. Und das zeigte er auch von Zeit zu Zeit.

Bei seiner ersten Trainerstation in Den Haag zelebrierte er erstmals einen speziellen Trick im Umgang mit den Spielern. Im Training ließ er eine Dose auf die Torlatte stellen und schoss diese von der 16-Meter-Linie mit dem ersten Versuch hinunter. Anschließend forderte er seine Spieler auf, es ihm gleichzutun. Wer es schaffte, durfte duschen gehen. In Hamburg wiederholte er die Nummer. Bei der allerersten Trainingseinheit schnappte sich Happel einen Ball, ließ eine Dose auf die Torlatte stellen und knallte diese mit einem Schuss hinunter.

Danach durfte jeder HSV-Profi einmal ran. Bis auf Franz Beckenbauer scheiterten alle. Happel nahm sich erneut einen Ball, stellte sich an die 16-Meter-Linie und ballerte die Dose noch einmal hinunter. Danach blickte er in die Runde und sagte: "So, jetzt machen wir Konditionstraining!" Den Spielern gefiel an ihrem Coach aber auch noch etwas anderes: Er war ein Mann, der mitten im Leben stand.

"Da hams nix zum Lachen"

Sein ewiger Widersacher Max Merkel, der ihm einmal den Spitznamen "König Lungenzug" verpasste, hat über Happel gesagt: "Alles was mit F anfing, gefiel ihm. Film, Frauen, Feuerwasser, Fidelitas aller Art. Aber auch bei Skat, Poker und Roulette war er dabei." Diesen Worten hätte der österreichische Erfolgstrainer (18 Titelgewinne) wohl selbst nicht widersprochen. Und doch gab es dann auch wieder die andere Seite. Die des ewigen Grantlers und Schweigers. Das Magazin

"Der Spiegel" widmete ihm deshalb nicht ganz zu Unrecht den geistreichen Satz: "Der Happel sah nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft so bitter drein wie Quasimodo vor seinem Schlusssprung von Notre-Dame." Einem Zuschauer, der sich einmal in Augsburg traute, Happel zu fragen, warum er immer so grimmig gucken würde, erwiderte der Meistertrainer ohne eine Miene zu verziehen: "Bei dem Job, da hams nix zum Lachen."

Doch der Fußball bot auch solche Momente wie den 25. Mai 1983. Damals spielte der Hamburger SV im Finale des Europapokals der Landesmeister gegen Juventus Turin. Es war der Tag, als Felix Magath das Tor des Tages und seines Lebens erzielte. Im Rückblick erinnerte sich Ernst Happel stets voller Dankbarkeit und Wärme an dieses besondere Spiel: "Die erste Halbzeit in Athen - da habe ich die Arme verschränkt und hab gedacht: Es gibt nichts Schöneres. In einer Kirche ist es auch nicht schöner." Der Mann, der seine Mannschaften schweigend zum Erfolg führte und Generationen mit seiner Idee vom Fußball prägte, wäre heute 100 Jahre alt geworden.

Quelle: ntv.de

FußballFelix MagathHamburger SV