Redelings Nachspielzeit

Redelings über den Neustart Die November-Revolte beim FC Bayern

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Schön war die Zeit: Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß vor 20 Jahren.

Es ist noch nicht der erste Advent, doch in München brennt schon der Baum. Nur den Trainer auszuwechseln, das wird nicht reichen. Der FC Bayern hat den geordneten Umbruch verpasst - und steht nun vor der großen Revolte auf allen Ebenen.

Gestern lag das neue Projekt des Journalisten und Medienunternehmers Oliver Wurm im Briefkasten: Das deutsche Grundgesetz als Magazin. Das ist eine nahezu geniale Idee. Und so herrlich flankiert durch Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß vor wenigen Wochen. Seitdem ist der Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" für keinen Fußballfreund mehr ohne die sauertöpfischen Gesichter der mächtigen Herren des FC Bayern denkbar. Der Schuss gegen die Medien, so viel ist spätestens seit dem Wochenende sicher, ist nach hinten losgegangen.

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Aber das war ja auch im Grunde damals schon klar. Denn der Plan - wenn die Scheiße auf dem Platz dampft, müssen wir ein anderes Feuerchen anzünden - war allzu offensichtlich. Und dass man die Schuld an seiner eigenen Misere zuallererst bei sich selbst suchen sollte und nicht bei anderen, lernt man normalerweise schon als Kind. Das wird auch bei den Bayern-Offiziellen so sein. Nur, dass sie viele simple Dinge in den fetten Jahren offensichtlich verlernt haben. Dass das auf die Dauer nicht gesund ist, merken sie jetzt doppelt und dreifach. Es ist noch nicht einmal der erste Advent, und in München brennt schon der ganze Baum. Lichterloh. Aber ein einzelner Mann wird das Feuer nicht löschen können. Also, was tun?

Vor fast genau 34 Jahren weigerten sich beim 1. FC Nürnberg die Spieler, unter Heinz Höher weiterzuarbeiten. Der Trainer würde nicht zu ihnen passen, argumentierten die Profis. Eine durchaus übliche Einschätzung im bezahlten Fußball, die in 99,9 Prozent der Fälle dazu führt, dass die Klubchefs ihren Übungsleiter entlassen. Doch damals in Nürnberg war alles anders. Die Oktober-Revolte ging auch deshalb in die Geschichte ein, weil sich die Spieler äußerst ungeschickt anstellten. Sie verweigerten das Training und formulierten ein Protestschreiben.

Die Spieler testen ihre Grenzen aus

Seither wissen Fußballprofis: Wenn sie nicht mehr mit einem Trainer arbeiten wollen, sollten sie sich alle öffentlichen Meinungsäußerungen und Aktionen sparen. Denn beim Club ging die Sache für sechs altgediente Profis nach hinten los. Präsident Schmelzer hielt an Höher fest und schmiss die Arbeitsverweigerer raus. Was folgte, war die beste Zeit des Vereins für viele Jahre. Die erzwungene Neuaufstellung sorgte dafür, dass die jungen Talente schneller in die Mannschaft integriert wurden. Der frische Geist durchfuhr einen ganzen Verein und setzte neue Kräfte frei. Ein Vorbild für den FC Bayern in diesen Tagen? Schwierig.

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Noch zu haben? Zinédine Zidane.

(Foto: imago/PanoramiC)

Eigentlich sind die Roten immer noch in einer komfortablen Ausgangssituation. Ohne Frage hat Uli Hoeneß, erst als Spieler, dann als Manager und Präsident, diesen Klub in den letzten vierzig Jahren groß gemacht. Seine Fähigkeiten - auch wenn man seine Art nicht mögen muss - sind unbestritten. Doch nun naht die Übergabe seines Unternehmens aus Altersgründen. Und alle Beteiligten merken, wie schwer sich das Bundesliga-Urgestein damit tut. Nicht zuletzt die Spieler haben eine feine Nase für diese Umbruchsphase. Sie nehmen sich Dinge heraus, die ihnen unter normalen Umständen nicht einmal als Gedanke durch den Kopf gehen würden.

Sie testen Grenzen aus, wo schon lange keine mehr sind. Die Titel haben die Spieler müde und überheblich gemacht. Wer soll es ihnen auch verdenken? Doch da es genau wie bei der deutschen Nationalmannschaft keinen geordneten und freiwilligen Umbruch gab und man sich in seinem eigenen Saft gesuhlt hat, fliegt nun die selbst aufgebaute und verdiente Wohlfühloase so brutal in die Luft. Kurzfristig können sie die Sache vielleicht noch einmal mit einem neuen Trainer lösen. Je größer und stärker dieser ist, umso besser wird er die Probleme anpacken können, die für jeden Verein wesentlich sind - die auf dem Platz. Ist einer wie Zinédine Zidane tatsächlich zu bekommen, muss genau das der Maßstab sein. Nur wenn sich der Klub mit sportlichem Erfolg etwas Zeit verschafft, können sie im Hintergrund das vollziehen, was lange überfällig ist: Die große Revolte auf allen Ebenen.

Mia san mia?

Und die wird nur dann funktionieren können, wenn Hoeneß und Vorstandschef Rummenigge kurzfristig guten Leuten Platz machen. Das muss nicht über die endgültige Aufgabe von Ämtern laufen, sondern bedeutet im ersten Schritt die Verpflichtung starker Persönlichkeiten. Ein Manager der Kategorie Max Eberl, der sich seit Jahren einen hervorragenden Ruf aufgebaut hat, wäre ein Signal. Doch so ein Mann kommt nur, wenn die beiden Chefs - ähnlich wie Rudi Völler in Leverkusen - drei Schritte zurück machen. Eins ist klar: Bleibt es bei den Strukturen beim FC Bayern, wird niemand mit eigenem Kopf und Haltung den Weg an die Säbener Straße antreten.

Die nächsten Wochen und Monate werden spannend. Im Augenblick hat es den Anschein, als sei der FC Bayern in seinen Grundfesten erschüttert. Doch das wird aller Voraussicht nach - und wenn Hoeneß und Rummenigge endlich die Zeichen der Zeit erkennen - nur eine Momentaufnahme sein. Das Münchener Grundgesetz umfasst nur einen Satz, aber am Ende sollte es den Klub in die Erfolgsspur zurückführen. Wenn alle entscheidenden Menschen im Kopf haben, dass ein Verein immer größer ist als die aktuell handelnden Personen, dann wird der alte Grundsatz schon greifen: Mia san mia!

 

Quelle: n-tv.de

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