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Ohne Worte.
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Dienstag, 24. April 2018

Redelings über das Rekordspiel: Ein 12:0 für alle Ewigkeit

Von Ben Redelings

Der 29. April 1978 geht in die Geschichte des Fußballs ein. Der 34. Spieltag der Bundesliga ist dramatisch. Bei den beiden Herzschlag-Finalpartien fallen zusammen 17 Tore. Das 12:0 der Gladbacher Borussia gegen den BVB ist unerreicht.

Wer älter wird, der weiß: Das Leben spielt sich im Rückblick in Geschichten ab. Je aufregender, spannender, unglaublicher sie sind - umso besser. Da ist es fast ausgeschlossen, dass wir uns in 40 Jahren mit leuchtenden Augen von der sechsten Fußballmeisterschaft des FC Bayern in Folge erzählen werden. Das ist schade, aber eben nicht zu ändern. Und weil wir das jetzt schon wissen, ist es umso schöner, dass wir uns an Storys und Anekdoten erinnern, die heute 40 Jahre zurückliegen. Damals ereignete sich ein ganz besonderer Tag für die Geschichtsbücher.

29. April 1978: Im Düsseldorfer Rheinstadion führt die Mönchengladbacher Borussia am letzten Spieltag der Saison zur Pause mit 6:0 gegen Borussia Dortmund. BVB-Trainer Otto Rehhagel, rechts, und Gladbachs Kapitän Berti Vogts scheinen sich prima zu verstehen.
29. April 1978: Im Düsseldorfer Rheinstadion führt die Mönchengladbacher Borussia am letzten Spieltag der Saison zur Pause mit 6:0 gegen Borussia Dortmund. BVB-Trainer Otto Rehhagel, rechts, und Gladbachs Kapitän Berti Vogts scheinen sich prima zu verstehen.(Foto: imago/Pfeil)

Der 29. April 1978 hat heute noch Bestand - und das nicht nur, weil Borussia Mönchengladbach an diesem Tag den immer noch gültigen, höchsten Bundesligasieg der Geschichte herausschoss - und dann doch nicht deutscher Meister wurde, weil am Ende der 1. FC Köln die Nase vorne hatte. Um zu verstehen, was das damals ab 15.30 Uhr für unglaubliche Momente waren, muss man sich vergegenwärtigen, dass es dieses spektakuläre Finale am letzten Spieltag der Saison 1977/1978 beinahe gar nicht gegeben hätte. Denn am 33. Spieltag lag Mönchengladbach bis zur 69. Minute mit 1:2 in Hamburg zurück. Doch dann zündete der amtierende Meister bis zur 83. Minute den Turbo und siegte nach überragenden 14 Minuten am Ende mit 6:2 im Volkspark. Gladbach fehlten zum Schluss drei Tore in der Abrechnung, die man zu viel kassiert hatte, um den Titel erfolgreich zu verteidigen.

Und dann war er da, dieser letzte Spieltag, als die Gladbacher Borussia die Namenscousine aus Dortmund in Düsseldorf mit 12:0 abschoss und der 1. FC Köln einen 5:0-Kantersieg in Hamburg gegen St. Pauli holte. Was für ein Spektakel! Um diese zweimal 90 Minuten ranken sich einige außergewöhnliche Legenden. Die eine besagt, dass die Paulianer in der Halbzeit, beim Stand von 0:1, die FC-Spieler fragten, wie viele Tore sie denn nun noch bräuchten, um sicher Deutscher Meister zu werden, und man sich schließlich per Handschlag beim Gang hinaus auf den Rasen einigte. "Alles klar", sollen die Paulianer gerufen haben, "kriegen wir hin!" Ob das wirklich so war, hat allerdings nie jemand offiziell bestätigt.

"Sie sollen sich warm machen, Siegfried"

Sicher ist hingegen, dass sich vor der Begegnung des BVB gegen Gladbach Dortmunds Präsident Heinz Funke in einem Fernsehinterview zu den Meisterschaftschancen der rheinischen Borussia äußert und wortwörtlich meint: "Ja, da müssten wir schon 0:12 verlieren." Ein überraschend exakter Tipp für einen Satz, den man angeblich mal so eben ins Blaue hinein gesagt haben will! BVB-Profi Lothar Huber erinnert sich jedenfalls noch gut, wie das an diesem Tag alles endete: "Nach dem 0:10 hat keiner mehr den Ball aus dem Tor geholt. Da lief der Schiedsrichter, den Ball unterm Arm, zur Mittellinie."

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Eine weitere schöne Legende ist unterdessen von verschiedenen Seiten bestätigt worden. Beim Stand von 7:0 für Borussia Mönchengladbach lief Trainer Otto Rehhagel an diesem unvergesslichen 29. April im Düsseldorfer Rheinstadion aufgeregt zu der Bank seines BVB. Dort stoppte er abrupt und sagte zu seinem Stürmer Siggi Held: "Siegfried, machen Sie sich warm. Sie kommen gleich." Doch Held machte angesichts der deprimierenden Geschehnisse auf dem Rasen keine Anstalten, irgendetwas zu tun, schon gar nicht aufzustehen. Nachdem Rehhagel einige Meter auf der Tartanbahn des Rheinstadions zurückgelegt hatte, steuerte er erneut auf seinen Spieler zu: "Hören Sie nicht? Sie sollen sich warm machen, Siegfried. Ich bring Sie gleich!" Held zupfte an seinen üppigen Augenbrauen, lehnte sich in Ruhe zurück und sah, wie die Tore acht und neun gegen seine Mannschaft fielen.

Rehhagel war nun endgültig bedient. Fuchsteufelswild sprintete er mit Riesenschritten zur Bank, packte sich seinen tatenlosen Stürmer und raunte ihm zu: "Sie wollen mich wohl verarschen, oder?!" Siegfried Held erhob sich langsam von seinem Platz auf der harten Holzbank, schaute Rehhagel ruhig ins Gesicht und sagte: "Trainer, mal ehrlich, soll ich die Scheiße etwa noch umbiegen, oder was?!" Später probierte es Rehhagel auch noch bei Willi Lippens. Doch der winkte nur müde lächelnd ab und zog sein Trikot über den Kopf. Rehhagel sagte nach dem Spiel vollkommen ernüchtert: "Es kann im Fußball nicht immer nur die Sonne scheinen. Ab und zu kommen auch schon einmal Regengüsse, so wie heute." Raunen im Presseraum. Aus einer Ecke war deutlich die geflüsterte Antwort eines Journalisten zu verstehen: "Von Regen kann keine Rede sein. Das war wohl mehr Hagel, was heute auf Dortmund niederging!"

Was an diesem 29. April niemand ahnt: Eine weitere Randnotiz dieses Tages wird die Bundesliga in den nächsten Jahren maßgeblich beeinflussen. Den Essener Horst Hrubesch hatte BVB-Trainer Otto Rehhagel schon fast verpflichtet. Doch nach der Klatsche gegen Borussia Mönchengladbach wird Otto "Torhagel" bereits am nächsten Tag entlassen - und Hrubesch entschließt sich, sich einen neuen Verein zu suchen. Er geht zum Hamburger SV, mit dem er in den Folgejahren dreimal Deutscher Meister wird und als Krönung 1982/1983 den Pokal der Landesmeister in die Hansestadt holt. Es sind eben diese ganz speziellen Tage, an die man sich auch in 50 Jahren noch gerne zurückerinnern wird.

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Quelle: n-tv.de