Redelings Nachspielzeit

Redelings über einen ganz Großen Ein Knüller wie Gerd Müller

imago11952038h.jpg

Sieh an: Der Franz trägt Schnäuzer.

(Foto: imago sportfotodienst)

"Gerd Müller schießt den Ball in, neben, über, hinter das Tor." Was für eine Frage! Heute wird der Mann, den sie den Bomber nannten, 70 Jahre alt. Obwohl der den Namen gar nicht so mag: "Weil ich bomb ja meine Tore net, ich mach sie ja aus 16 Metern."

Als der Vorstopper und spätere Nationalspieler Karlheinz Förster in der Saison 1977/1978 beim 3:3 seines VfB Stuttgart am ersten Spieltag gegen den FC Bayern sein Debüt in der Fußball-Bundesliga feierte, war sein Gegenspieler gleich der, den sie Bomber nannten. Ein Albtraum: "Ich musste gegen den großen Gerd Müller ran, ging gleich kräftig auf ihn drauf. Da kam ein Steilpass, er streckte sein Hinterteil raus. Während ich zu Boden stürzte und Foul schrie, machte er bumm und Tor. Dann schoss Hoeneß an den Pfosten. Während ich noch schaute, hatte Müller schon geschaltet und den Ball über die Linie gedrückt."

orangenerKreis.jpg

Begonnen hatte alles 1964. In diesem Jahr sollte sich das Schicksal des FC Bayern Münchner für - mindestens - die nächsten 15 Jahre entscheiden. Abseits der Bundesligabühne wurde ein Transfer mit großer Tragweite getätigt. Gerhard Müller hatte sich beim TSV 1861 Nördlingen einen Namen gemacht und sollte nun vom TSV 1860 München unter Vertrag genommen werden. Für 12.30 Uhr hatten sich an einem Frühjahrstag die Vertreter des Vereins bei seiner Mutter angesagt - doch es kam anders als gedacht, wie Gerd Müller später erzählte.

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

"Als ich kam, waren gleich zwei Herren da, die ich in meiner jugendlichen Naivität für die beiden Herren von den Sechzigern hielt. Ich wunderte mich zwar anfangs, als sie sich als Herr Fembeck und Herr Sorg vorstellten, doch nach einer knappen Stunde waren wir klar: 5.000 Mark Handgeld und 500 Mark Monatsgehalt. Das war wie ein Lottogewinn für mich. Ich saß also da und dachte, ich hätte bei 1860 München unterschrieben. Die Herren verabschiedeten sich und wollten komischerweise durch die hintere Gartentür gehen. Da kam meine Mutter und sagte: ›Du, Gerd, da sind zwei Herren aus München gerade vorne zur Tür reingekommen, die wollen dich sprechen!‹" Doch da hatten die Herren des TSV 1860 München Pech. Der FC Bayern hatte den Müller-Gerd bereits unter Vertrag genommen. Jahre später sollte Franz Beckenbauer den berühmten Satz sagen: "Vielleicht wären wir ohne Gerd Müller und seine Tore noch immer in unserer alten Holzhütte an der Säbener Straße."

"Aber wie der immer schaut, der Franz"

Mit dem Kaiser verstand sich der Bomber von Beginn an prima. Er war der Mann, an dem sich Müller orientierte. Auch in optischen Fragen. Als die Leserin des "Fußball-Magazins" Monika Bleicher aus Rottenacker von Franz Beckenbauer wissen wollte, wie es dazu kam, dass er sich zeitgleich mit Gerd Müller einen Schnauzbart wachsen ließ, da antwortete der Franz: "Unmittelbar nach dem Türkenspiel stand für mich fest, dass ich mir einen Schnauzbart wachsen lassen würde. Als wir im Flugzeug saßen, sagte ich zu Gerd Müller: Ich lasse mir jetzt einen Schnauzbart wachsen. Darauf antwortete Gerd Müller: Ich lasse mir auch einen Schnauzbart wachsen." Und das hatte auch auf dem Platz Auswirkungen, wie Journalist Oskar Klose damals festhielt: "Gerd Müller dürfte Torwart Abramyan wohl mehr durch seinen Bart erschreckt haben als durch seine Leistung."

imago21694543h.jpg

Als alles begann: Gerd Müller 1964.

(Foto: imago/Horstmüller)

Wo das Verhältnis besonders innig ist, da kann es natürlich auch schnell zu kleinen Reibereien kommen. Und so war Gerd Müller im Kreise der deutschen Nationalmannschaft eines Tages auf einmal mächtig geladen. In der Kabine tobte er: "Ich hör auf mit dem Fußball.
Ich lass mir das vom Franz nicht länger gefallen!" Irritiert fragte Uwe Seeler den Stürmer: "Wieso denn, Gerd?
Der Franz hat doch überhaupt nichts gesagt!" Der Torjäger guckte den Hamburger lange an, schüttelte mit dem Kopf und antwortete dann: "Nee, gesagt nichts. Aber wie der immer schaut, der Franz. Wie der immer schaut!"

Zwölf Pfund hatte der Bomber ("Ich find vielleicht, dass der Titel net das Richtige ist, weil ich bomb ja meine Tore net, ich mach sie ja aus 16 Metern") in der Saison 1968/69 unter seinem neuen Trainer Branko Zebec abgenommen und wog nur noch 78 Kilo. Nichts war mehr zu sehen von dem fülligen Mann, den Dettmar Cramer Jahre zuvor beim DFB-Lehrgang lieber wieder direkt nach Hause schicken wollte. "Was soll ich mit diesem Kugelstoßer?", hatte der damalige DFB-Nachwuchstrainer gefragt. Nun war Müller gertenschlank und verriet sein Diät-Geheimnis: "Kartoffeln kenne ich jetzt überhaupt nicht mehr. Früher konnte ich Riesenmengen fressen. Heute kann ich’s nicht mehr. Ein bisschen zu viel … und es kommt mir oben wieder raus." Zu verdanken hatte der "Bomber der Nation" dies alleine seinem neuen Coach, wie sein Mitspieler Peter Kupferschmidt mal erzählte, als er etwas über den Unterschied zwischen Tschik Cajkovski und Branko Zebec sagen sollte: "Unter Tschik hatte Gerd Müller 84 und unter Zebec 78 Kilo." Doch das allein war nicht das ganze Geheimnis von Müllers neuer, alter Stärke. Der Bayern-Stürmer rasierte sich vor Spielen nun auch nicht mehr. Abergläubisch sei er natürlich nicht, erzählte er den Journalisten, aber nützen tue es schon: "Ich habe unrasiert schon ein paar Mal recht gut gespielt!"

"Ich Trottel hab für die Bayern meine Haxen hingehalten"

Der Name Gerd Müller wurde größer und größer. Ganz Deutschland kannte den torhungrigen Bayern-Spieler nun. Und das hatte Auswirkungen auf einen ganz anderen Bereich. Denn als 1971 ein gewisser "Mon Thys" die Charts mit seinem Hit "Hot love" stürmte, hätte es eigentlich "Gerd Müller" sein müssen. Warum? Ganz einfach, wie "Mon Thys" erklärte: "Nicht, dass ich mich meines Namens schäme - Müller ist ja gar nicht so schlecht, nur eben sehr häufig –, sondern eben, weil es den Bomber Gerd Müller gibt. Wäre ich als Gerd Müller aufgetreten, hätte sicher jeder sofort an den Bayern-Bomber gedacht."

1976 wurde Gerd Müller dann endgültig unsterblich. In einem Schulbuch für den Unterricht an Grundschulen diente der Bayernstar als Deutschlehrer. So mussten die kleinen Lehrlinge Sätze bilden wie: "Gerd Müller schießt den Ball in, neben, über, hinter das Tor!" Was für eine Frage! Am 3. Februar 1979 wurde Gerd Müller von seinem Trainer Pál Csernai vorzeitig ausgewechselt. Ein Eklat, der sich seit Wochen angebahnt hatte. Müller bat nach der Partie um die sofortige Freigabe. Am 10. Februar stand er zum letzten Mal für die Bayern in der Bundesliga auf dem Platz. Müller enttäuscht: "Schau, wie meine Füße aussehen. Und ich Trottel hab für die Bayern meine Haxen hingehalten, nur damit sie mich jetzt beleidigen und wegschmeißen wie ein Stück Schrott. So lass ich mich nicht behandeln."

Als Gerd Müller die Bayern verließ, stand der beste Abgesang auf den unrühmlichen Abschied in der tief mitfühlenden Ostberliner "Fußball-Woche": "Nicht, dass seine Familie und er hungern müssten. Sicher geht es ihm besser als anderen dort, die arbeitslos und hoffnungslos ins neue Jahr treten mussten. Doch ein Haus an der Peripherie der Stadt und zwei Sportgeschäfte, die nicht als große Renner gelten, sind nach Ansicht von Branchenkennern nicht viel für einen Weltstar. Er lernte den Beruf des Webers, bevor er ins Profigeschäft einstieg. Das große Glück hat er sich wohl nicht weben können - jener Müller aus München." Und als er weg war? Da suchte die Bundesliga händeringend nach neuen Torjägern, oder wie es der "Kicker" ausdrückte: "Einen Knüller wie Müller". Doch so einen wie den Gerd hat es in all den Jahren nie wieder gegeben. Vor ein paar Wochen wurde bekannt, dass Gerd Müller an Alzheimer erkrankt ist. Heute wird er 70 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für all die wunderschönen Momente, lieber Bomber der Nation!

Just erschienen ist das Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Die Bundesliga, wie sie lebt und lacht: Zum Schießen komische Momente von Ahlenfelder bis Zebec" bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema