Redelings Nachspielzeit

Redelings bei der Fußballelite Eine Familienfeier mit schwarzem Schaf

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Die Eröffnung der "Hall of Fame" des deutschen Fußballs war wohl die Abschiedsgala für DFB-Boss Grindel.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit einer großen Gala wird im Deutschen Fußballmuseum die "Hall of Fame" des deutschen Fußballs eröffnet. Es ist eine Familienfeier mit vielen tollen Momenten, ergreifenden Geschichten - und einem schwarzen Schaf aus der DFB-Führungsetage.

Es ist sehr selten, dass man in einen Raum kommt und denkt: Die kennst du doch alle! Kurz muss man vielleicht einmal überlegen oder den Nachbarn fragen, aber am Ende hast du sie alle schon einmal gesehen. Und über jeden gibt es eine Geschichte zu erzählen. Mal schönere, mal schaurigere und ganz häufig furchtbar lustige. Gestern Abend wurde im Deutschen Fußballmuseum zu Dortmund die "Hall of Fame" des deutschen Fußballs präsentiert - und es war eine Familienfeier der ganz besonderen Sorte.

Und wie so oft, wenn es ganz besonders schön werden soll, grätscht von der Seite ein Ereignis dazwischen, das alles überschattet. Die Rolle des "schwarzen Schafs" der Familie übernahm gestern unfreiwillig, aber wohl nicht ganz schuldlos, der heute zurückgetretene DFB-Präsident Reinhard Grindel. Mitten in seine Laudatio hinein blinkte auf einer großen Boulevardseite die Schlagzeile auf: "Skandal um geschenkte Luxusuhr".

Es war fast schon bewundernswert, wie souverän Grindel das Getuschel im Saal überspielte. Es gehört sicherlich zu den unangenehmsten Aspekten dieses Jobs, auch solche, sehr speziellen Situationen zu ertragen. Das "schwarze Schaf" war an diesem Abend allgegenwärtig - aber die anderen Teilnehmer der Familienfeier ließen sich die gute Laune dennoch nicht verderben. Und das war auch gut so. Denn es wäre sehr schade gewesen für diesen tollen Anlass und diese einmalige Zusammenkunft auf einer großen Bühne.

"Ohne Gerd wären wir alle nicht hier"

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Der ergreifendste Höhepunkt des Abends war einem Mann gewidmet, der leider nicht mehr vor Ort sein konnte. Gerd Müller lebt mittlerweile aufgrund seines Alzheimer-Leidens in einem Heim. Als Moderator Alexander Bommes nach über zwei Stunden zum Schluss der Veranstaltung Paul Breitner - der zusammen mit Andreas Brehme und Franz Beckenbauer die gewählte Abwehrreihe bildet - bat, ein paar Worte über seinen ehemaligen Mitspieler zu sagen, erhob sich der Weltmeister von 1974 von der Couch, stellte sich in die Mitte der Bühne und wählte sorgsam seine Worte. Was Breitner, der auch an diesem Abend die Rolle des "schwierigen Jungen" im Kreise seiner Familie übernahm, dann sagte, ließ niemanden im Saal kalt. Seine tiefe Dankbarkeit einem ehemaligen Kameraden gegenüber, die wundervolle Herzlichkeit seiner Worte auch über die Ehefrau von Gerd Müller und sein Fazit - "Ohne Gerd wären wir alle nicht hier" - waren das perfekte Schlusswort für eine Feier, die den Geist dieses einzigartigen Spiels in vielen Momenten widerspiegelte.

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Debütanten in der "Hall of Fame" des deutschen Fußballs: Günter Netzer,Paul Breitner, Matthias Sammer, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus (hinten v.l.n.r.) sowie Sepp Maier und Andreas Brehme (vorn v.l.n.r.).

(Foto: imago images / Sven Simon)

Und es zeigte sich wieder einmal, dass es neben all den großen Themen auf und abseits des Platzes vor allem um eine Sache geht: das menschliche Miteinander. In der Erinnerung an diese gemeinsamen Augenblicke blinkt die Faszination für das Spiel fast noch stärker auf als in den eingeblendeten Spielszenen. Herrlich, wie Günter Netzer zurückblickte auf seine Tage bei Real Madrid. Damals wollte er unbedingt Paul Breitner zu sich nach Spanien holen. Den Trainer hatte er schon überzeugt, nun bat ihn der legendäre Präsident Santiago Bernabéu in sein Büro und schaute Netzer lange an. Dann zog er eine Schublade auf und präsentierte dem Ex-Gladbacher ein Foto von Breitner und Mao Tse-tung. Netzer schlug innerlich die Hände über dem Kopf zusammen und sagte: "Aber Herr Bernabéu, ich versichere Ihnen, Herr Breitner ist kein Kommunist." Der Real-Präsident ging wortlos an seinen Schreibtisch zurück und zog eine andere Schublade auf. Heraus zog er ein Bild von Breitner und Che Guevara. Netzer war nahe der Ohnmacht. Wieder versicherte er, dass das alles bloß Bilder seien und diese nun wahrlich nicht auf eine politische Gesinnung schließen ließen. Bernabéu schaute Netzer wieder tief in die Augen. Dann fragte er ihn, ob er für Breitner garantieren würde. Netzer tat es - und schlug sich Sekunden später vor der Tür mit der flachen Hand vor den Kopf.

Breitner huldigt Netzer

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Paul Breitner (l.) erinnert sich heute noch gern an seine gemeinsame Zeit mit Günter Netzer (r.) bei Real Madrid.

Und Breitner, der es schon an seinem ersten Tag bei den Bayern als erster Profi überhaupt gewagt hatte, dem mächtigen Manager Robert Schwan zu widersprechen, machte seinem Ruf auch bei Real Madrid alle Ehre. Als das komplette Team wie gewohnt und angeordnet im Anzug zu seinem Spiel in den Bus stieg, erschien Breitner in legerer Sportlerkluft. Er wurde eiskalt nach Hause geschickt. Gott sei Dank, so Netzer, kam er mit einer Krawatte um den Hals wieder. Die Tage darauf musste Netzer allerdings nächtelang Diskussionen mit Breitner führen. Der hatte tatsächlich die Absicht, gegen den Verein der Königlichen richtig was zu machen. So wie im Moment ginge es schließlich nicht weiter.

Breitner bedankte sich damals anschließend bei seinem Freund Günter Netzer auf eine spezielle Weise. Für ihn war es immer schon eine Selbstverständlichkeit gewesen, dass Künstler nicht nach hinten arbeiten müssen: "Dafür gibt es genug Blinde." Und so ordnete er an, dass Netzer von nun an vorne stehen bleiben dürfe. Für ihn, Paul Breitner, ist klar, dass niemand je einen gigantischeren Fußball gespielt habe, als Günter Netzer in dieser einen Saison für Real Madrid.

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Schon im nächsten Jahr soll die "Hall of Fame" um weitere vier bis fünf Spieler erweitert werden. Alle Akteure, die aufgenommen werden können, müssen jedoch ihre Laufbahn wenigstens vor fünf Jahren und länger beendet haben. Man darf gespannt sein, ob auch die kommenden Generationen wieder solch wunderbare Typen dabei haben werden, die so launig aus ihrer aktiven Zeit erzählen können. Denn eine Sache steht für Günter Netzer auch fest: "In der heutigen Zeit der sozialen Medien hätten viele von uns ihre Karriere nicht zu Ende bringen können". Was allerdings in der Tat sehr schade gewesen wäre.

Quelle: n-tv.de