Redelings Nachspielzeit

Redelings über Bruchhagen "Heri, mach keinen Scheiß!"

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Ein Foto aus dem Mai 1991: Manager Heribert Bruchhagen, Schalkes Präsident Günter Eichberg und Mannschaftsbetreuer Charly Neumann.

Mit Heribert Bruchhagen wird es nie langweilig - beim HSV sowieso nicht. Er schmuggelt sich für Verhandlungen auf Feiern, spendiert Fans Trompeten und verjagt eitle Großunternehmer, obwohl sie Diego Armando Maradona verpflichten wollen.

Ob das wirklich eine gute Entscheidung des Hamburger SV war, wird sich erst in der nahen Zukunft zeigen. Doch jetzt schon ist klar: Mit Heribert Bruchhagen als Vorsitzenden des Vorstands hat der Fußball-Bundesligist ein erfahrenes und gewitztes Schlachtross für sich gewonnen, das, wie einst Norbert Dickel über Frank Mill sagte, "mit allen Abwassern gewaschen ist".

Eine legendäre Geschichte zelebrierte Bruchhagen bereits in seiner Frühphase als Manager des FC Schalke 04, bei dem er 1989 anheuerte Damals hatte ihn der Präsident und Sonnenkönig Günter Eichberg unbedingt zu den Königsblauen holen wollen. Selbst zu Bruchhagens damaliger Direktorin - er arbeitete als Gymnasiallehrer in Ostwestfalen - fuhr Eichberg mit, um seinen Wunschkandidaten loszueisen. Als Vorsitzender der FC Schalke 04-Marketing GmbH senkte Bruchhagen die Eintrittspreise, schaffte mit intelligenten Methoden neue Sponsoren heran und stattete den berühmten Trompeter Mario Fioretti nicht nur mit einem Instrument aus, sondern besorgte ihm auch noch ein monatliches Gehalt für seine Dienste. Fioretti dankte es ihm mit leuchtenden Augen und einer Vision: "Wenn wir Thon haben, spielen wir in fünf Jahren um die Meisterschaft mit. Bis dahin muss ich unbedingt den Triumphmarsch aus Aida draufhaben."

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Mit Schalke ging es damals aufwärts. Neue Spieler sollten her. Und dann passierte eines der dollsten Dinger der Bundesligageschichte - mittendrin Bruchhagen. Wie sich der ehemalige Schalker Präsident in dem äußerst lesenswerten Buch "Günter Eichberg: Schalkes vergessener Retter?" von Katharina Strohmeyer erinnert, schmuggelte sich Bruchhagen damals in einem entscheidenden Moment unbemerkt und ohne Einladung auf die Jubiläumsfeier des dänischen Fußballverbandes und schnappte Eintracht Frankfurt in letzter Minute den Dänen Bent Christensen weg. Eine geniale Leistung.

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Günter Eichberg erinnert sich präzise: "Bent hat in dem Jahr Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen im Alleingang durch sechs oder sieben Tore aus dem Uefa-Cup geschossen. Er war begehrt bei vielen europäischen Vereinen, bei denen bestimmt viel mehr Geld da war als bei Schalke 04. Durch geschickte Taktiererei und viele Gespräche, die wir da geführt haben in Kopenhagen, ist es uns gelungen, denen allen eine lange Nase zu zeigen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass wir einen Vertrag hatten, den Bernd Hölzenbein bereits fix und fertig für Eintracht Frankfurt ausgehandelt hatte. Wir sind dann selbst nach Kopenhagen gefahren und haben genau diesen Vertrag in der Nacht mit den Leuten von Bröndby im Hotel durchgearbeitet. Überall dort, wo Eintracht Frankfurt stand, haben wir Schalke 04 hingeschrieben, und weil die Frankfurter nur Ratenzahlung machen wollten, haben wir das durchgestrichen und Barzahlung hingeschrieben. Und was soll ich sagen: Das hat denen von Bröndby wohl irgendwie gefallen!"

"Ich schenke dem HSV einen Starspieler"

Die Zeit auf Schalke prägt Bruchhagen und führt ihn 1992 das erste Mal zum Hamburger SV. Doch beinahe wäre es dazu gar nicht gekommen, wenn Eichberg damals nicht so sturköpfig gewesen wäre und den Moment zur Unterredung auf seine typische Art verstreichen lassen, wie sich Bruchhagen erinnert: "Ich bin extra an den Bodensee gefahren, da weilte Günter gerade mit Charly Neumann und Rüdiger Höffken zum Heilfasten. Aber er wollte überhaupt nichts hören und meinte nur: Heri, mach keinen Scheiß! Komm, wir trinken jetzt erst einmal einen."

Doch trotz der Trennung hielt die Freundschaft der beiden. Sie war sogar so intensiv, dass sie in der Folge zu einer pikanten Begegnung führte, wie Helmut Schulte einmal in launiger Runde erzählte. Als der Ex-St. Pauli-Trainer Ende 1992 zu ersten Gesprächen mit Schalke in ein Hamburger Hotel kam, saß am Verhandlungstisch nicht nur der Präsident der Knappen, Günter Eichberg, sondern auch Bruchhagen - der amtierende HSV-Manager und Ligakonkurrent des S04. In seiner ersten Zeit in Hamburg bewies Bruchhagen aber auch bereits, dass er mit potenten Geldgebern durchaus umzugehen weiß. Damals wollte der angeblich "millionenschwere Bauunternehmer" Johnny Solterbeck den argentinischen Weltmeister Diego Maradona in die Hansestadt locken. Dem "Spiegel" vertraute er an: "Ich schenke dem HSV einen Starspieler. Ich ziehe das komplett allein über die Bühne." Eine kuriose Geschichte.

Zuvor hatte sich Solterbeck bei Holstein Kiel für ein neues Stadion eingesetzt und Millionen versprochen. Einzige Bedingung: Die Spielstätte sollte nach seiner Mutter benannt werden, "Erika-Solterbeck-Stadion". Mit einer unorthodoxen Idee wollte der Bauunternehmer den Maradona-Deal realisieren: Der Argentinier sollte nur in den Heimspielen eingesetzt werden.  Ansonsten sollte der HSV freiwillig auf den Superstar verzichten - außer der Gegner hätte sich explizit die Anwesenheit Maradonas gewünscht. "Bei Auswärtsspielen hätte er nur gespielt, wenn wir an den Einnahmen der Gastgeber beteiligt worden wären. Denn zum HSV mit Maradona kommen auch in anderen Stadien automatisch 15.000 Zuschauer mehr", erklärte der enttäuschte Solterbeck nach dem geplatzten Transfer.

Doch Manager Bruchhagen zog dem ambitionierten Mann irgendwann den Stecker. Er mochte sich nicht länger mit der "Wichtigtuerei" des Bauunternehmers beschäftigen. Und so weigerte sich Bruchhagen fortan, "die Bühnenauftritte des Herrn Solterbeck zu begleiten". Man kann dem sympathischen wie gewitzten HSV-Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen nur alles Gute für seine Arbeit beim Bundesliga-Dino wünschen. Schade nur, dass es wieder einmal für seine Frau Angelika ganz knapp nicht mit ihrem Wunschkandidaten auf dem Trainerposten geklappt hat. Damals in Frankfurt meinte Bruchhagen so schön: "Meine Frau fände Bruno Labbadia sehr attraktiv. Aber bei der Trainerwahl höre ich nicht auf sie. Sonst schon."

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Quelle: n-tv.de

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