Redelings Nachspielzeit

Redelings über Trainingslager "Ihr könnt Eimer zum Kotzen mitnehmen"

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Training an der Säbener Straße: Thomas Müller und Niko Kovac.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Niko Kovac jammert, Friedhelm Funkel erinnert sich mit Schrecken und in Bremen warten sie immer noch auf Ailton. Die Sommerpause ist stets auch die Zeit der gefürchteten Trainingslager. Doch eins ist gewiss: Im Rückblick gibt es manch herrliche Anekdote zu erzählen.

Die Tage unkte der Düsseldorfer Übungsleiter und ehemalige Fußballprofi Friedhelm Funkel über die Methoden seines früheren Trainers Rolf Schafstall: "Wenn wir heute so trainieren würden, das sage ich mal etwas überspitzt, dann käme ich in den Knast." Was manche Menschen möglicherweise für einen Scherz gehalten haben, würden Zeitzeugen mit einem dicken Stift fett unterschreiben. Man muss wissen: Schafstall stand gerne schon einmal mit einem Kamerateam auf dem Platz und rief voller Abscheu in Richtung seiner Spieler: "Wenn ich das manchmal sehe, was wir hier für schwache Fußballer haben. Mann, Mann, Mann!"

Eines Tages fragte ihn ein ZDF-Reporter, ob es nicht eine tolle Idee wäre, die Ehefrauen mit ins Trainingslager zu nehmen. Da gäbe es schließlich die Möglichkeit für ein "bisschen gemeinsame Zeit" und insgesamt würde dann sicherlich auch "ein schöneres Klima" herrschen. Sekundenlang starrte Rolf Schafstall nach der Frage sprachlos in die Kamera. Nachdem er sich wieder einigermaßen gefangen hatte, antwortete er ohne Umschweife hart und direkt: "Nein, ich mein’, das ist überzogen. Wir haben da einen knallharten Job. Von uns wird etwas verlangt, wir müssen Punkte machen, müssen in der Tabelle etwas erreichen. Wir wollen in der Bundesliga, gerade wir, speziell der VfL Bochum, bleiben. Da sind dann alle anderen Dinge Nebensächlichkeiten. Frauen gehören eben an den heimischen Herd, dürfen zu Hause bleiben, und wir Männer wollen dann schon ganz gerne unter uns sein!"

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Rolf Schafstall, sprachlos.

Die eigenen Frauen im Trainingslager - das ist aber auch in der Tat ein herrlich absurder Gedanke des Journalisten gewesen. Fremde Frauen hingegen sind prinzipiell möglich, wie eine andere Geschichte aus den frühen achtziger Jahren zeigt. Damals war Schafstall mit seiner Mannschaft für zwei Wochen im idyllischen Sauerland unterwegs. Eines Abends nutzte er den Aufenthalt, um in der näheren Umgebung zu einer Spielerbeobachtung zu fahren. Offenbar wussten das die Kicker des VfL schon etwas länger, denn sie hatten sich generalsstabsmäßig auf die sturmfreien Buden vorbereitet.

Schafstall und das misslungene Tête-à-tête

Diese emsigen Aktivitäten waren nun wiederum den Mannschaftsbetreuern nicht entgangen, die sich hinter einer Zimmerpflanze in der Lobby versteckt hielten und auf alles vorbereitet schienen, was sich denn da in den folgenden Stunden bis zur Rückkehr des Trainers auch zutragen mochte. Doch als an der Rezeption vier leicht bekleidete Damen auf hochhackigen Schuhen einige Spielernamen nannten und nach deren Zimmernummern fragten, rieben sie sich dann doch ungläubig die Augen. Nervös diskutierten sie, was zu tun sei. Letztendlich entschieden sie sich für den schnellen, rücksichtslosen und beherzten Zugriff und eilten die Treppen hinauf zu den Zimmern der Spieler. Von draußen lauschten sie, hören aufgeregtes Geplapper und stürmten hinein. Brav um einen Tisch gereiht, saßen die Damen mit drei Spielern zusammen und rauchten. Still standen die Betreuer den Profis gegenüber und starrten sie an.

Bis draußen auf dem Flur deutlich ein fröhliches Pfeifen zu vernehmen war. Dann öffnete sich die Tür und herein trat mit einem Lächeln auf dem Gesicht und vier Sektgläsern auf einem Tablett ein weiteres Teammitglied. Als der Spieler die Mannschaftsbetreuer erblickte, machte er mit einem eleganten Schwung auf dem Absatz kehrt und verließ, ohne ein Wort zu sagen, immer noch pfeifend das Zimmer. Die vier durstigen Damen folgten unter den mürrischen Blicken der frustrierten Spieler wenige Augenblicke später. Trainer Rolf Schafstall soll angeblich nie etwas von diesem misslungenen Tête-à-tête erfahren haben.

"Etwas größer als eine Astronautenkapsel"

Für den aktuellen Coach des FC Bayern, Niko Kovac, stellt die lange Flugreise, das Klima in den USA und der Jetlag bereits eine Belastung dar, die er gerne vermieden hätte. Dabei waren die Bedingungen zu seiner Spielerzeit meist noch deutlich schlechter. Stefan Kuntz beklagte sich einmal rückblickend über ein Trainingslager: "Die Zimmer waren etwas größer als eine Astronautenkapsel, und das Essen erinnerte eher an Astronautennahrung." Wobei das Thema Essen auch noch auf eine ganz andere Art und Weise zu betrachten wäre, wie Peter Neururer mit seiner Ansage an die Spieler unter Beweis stellte: "Ihr könnt Eimer zum Kotzen mitnehmen." Jan Åge Fjørtoft mutmaßte zu Felix Magath Zeiten bei der Frankfurter Eintracht einmal völlig körperlich zu Grunde gerichtet: "Demnächst werden wir wohl auf Alcatraz unser Trainingslager abhalten."

Um noch einmal auf Niko Kovac zurückzukommen: Ottmar Hitzfeld und sein BVB nahmen in der Spielzeit 1995/1996 sogar ganz freiwillig große Strapazen auf sich und absolvierten ein Wintertrainingslager in der Fremde. Der Grund: Der Starspieler der Borussia, Julio Cesar, schaffte es quasi nie, pünktlich aus den Ferien heimzukehren. Wie ein Igel nach einem mehrmonatigen Winterschlaf musste sich auch der Abwehrspieler immer erst langsam an den neuen Zustand herantasten. Verspätungen nach dem Urlaub von einem Tag bis zu einer Woche waren deshalb absolut üblich. Da die Zeit im Winter für die Vorbereitung jedoch stets besonders knapp bemessen ist, hatte sich die Borussia etwas Spezielles überlegt: Man schlug das Trainingslager gleich dort auf, wo Cesar zu Hause war.

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Julio Cesar, Brasilianer.

Und so reisten die Borussen nach Brasilien. Alle Mann in einem Flugzeug, bis auf Cesar, denn der war ja schon vor Ort. Dummerweise aber nicht genau dort, wo der BVB sein Trainingslager abhielt. Brasilien ist groß, die Ferien waren kurz, und so trudelte Cesar wie gewöhnlich mit Verspätung bei seiner Mannschaft ein. Manager Meier war trotzdem zufrieden: "Er hat seinen guten Willen gezeigt und sich sofort ins Auto gesetzt. Am zweiten Tag war er bereits da!"

So viel Einsatz zeigte ein anderer bekannter Brasilianer der Bundesliga eher selten. Es gehörte zum guten Ton des Bremers Ailton, niemals pünktlich zum Trainingsstart aus den Ferien zurück zu kommen. Irgendwann war es soweit, dass die Warterei auf Ailton zum sommerlichen Showprogramm dazu gehörte. Werders sympathischer und gewitzter Pressesprecher Tino Polster machte sich einen Spaß daraus, das Spektakel mit täglichen Wasserstandsmeldungen zu flankieren. Als der Brasilianer wieder einmal tagelang auf sich Warten ließ, meldete Polster vom Trainingslager auf Norderney aus: "Man hat Ailton schon in Bremen gesehen, aber er hat offenbar noch keinen Weg gefunden, das Meer zu überwinden." Schließlich kam Ailton mit dem Taxi - und hatte die Lacher auf seiner Seite.

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Quelle: n-tv.de

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