Redelings Nachspielzeit

Einst spurlos verschwunden Die irre Suche des Hermann Gerland nach Thorsten Legat

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Hermann Gerland, Legende.

(Foto: IMAGO/Funke Foto Services)

Hermann "Tiger" Gerland ist in den letzten Jahren zu einer der beliebtesten Menschen in Fußballdeutschland geworden. In seinem neuen Buch erzählt der Mann aus Bochum-Weitmar von seiner unendlichen Liebe zum Fußball - und von einem Tag, den er auch heute noch "unbegreiflich" findet!

"Ich sage immer: 'Meine Frau ist Oma geworden und ich Deutscher Meister'" Hermann Gerland wird die ersten Mai-Tage des Jahres 2010 nie vergessen: "Am 8. Mai bekamen wir die Meisterschale. Am 15. Mai wurde Paul geboren, unser erstes Enkelkind. Für mich ist diese deutsche Meisterschaft der schönste von all den Erfolgen, an denen ich seitdem beim FC Bayern beteiligt war." Als Hermann Gerland, der Junge aus Bochum-Weitmar, elf Jahre später den Rekordmeister verlässt, hat er insgesamt 25 Titel gewonnen. Doch eine Sache wird er nie vergessen. Den Morgen nach der ersten Meisterschaft, als Gerland wach wurde und alles einfach immer noch "unbegreiflich" war: "Ich habe mir auf die Birne gehauen und gesagt: 'Ist das wahr?'"

Hermann Gerland, der heute beim DFB arbeitet, hat für seine Karriere viele Entbehrungen in Kauf genommen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum er später vielen erfolgversprechenden Talenten wie Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger oder Didi Hamann so glaubhaft den schwierigen Weg nach ganz oben vermitteln konnte: "Viele Menschen reden von den Träumen, die sie verwirklichen wollen. Ich nicht. Ich habe nie von einer Profikarriere geträumt. Ich bin kein Träumer, ich bin ein Arbeiter. Ich habe gearbeitet. Ich habe gehofft. Aber geträumt habe ich nie."

"Mein Leben für den Fußball"

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Reiner Calmund hat sich einmal als "fußballbekloppt" bezeichnet, weil er seine Leidenschaft für das runde Leder mit keinem besseren Wort umschreiben konnte. Der Untertitel des äußerst lesenswerten Buchs "Immer auf'm Platz" von Hermann Gerland lautet: "Mein Leben für den Fußball". Und wie ernst es der heute 68jährige mit diesem Satz meint, beschreibt kaum eine Geschichte besser, als die kurze Story in seinem Buch, als der kleine Hermann im Mai 1963 einen längeren Bericht in der "Sportschau" über den großen Pelé verpasst. An diesem Tag hatte er ein Stück Apfelkuchen mit Sahne schon zur Hälfte gegessen, als ihm sein Vater mitteilte, dass dieses für seine Schwester bestimmt sei.

Zur Strafe durfte Gerland Pelé am Abend nicht sehen. Ein Jahr später starb sein Vater viel zu früh, doch Hermann Gerland denkt noch immer an diesen Tag: "Wenn ich heute meinen Vater treffen würde, ich würde sagen: Papa, das war scheiße, was du gemacht hast. Wenn du mich bestraft hast, weil ich Mist gemacht hatte, kein Problem. Aber damals, bei der Sache mit dem Kuchen, da konnte ich nichts dafür."

Es ist diese unverstellte Liebe zum Fußball und wahrscheinlich auch seine Herkunft, die Hermann Gerland in den letzten fünfzehn Jahren zu einem der beliebtesten Fußballfiguren in Deutschland haben werden lassen: "Ich bin aus Bochum. Das ist meine Stadt und da will ich wieder hin - spätestens bei meiner Beerdigung. Ich bin da geboren, und ich will da begraben werden." Seine Heimat hat Hermann Gerland geprägt: "Bochum-Weitmar in den späten Fünfziger- und Sechzigerjahren, dort begann mein Leben mit dem Fußball. Es hat mich vom staubigen Hinterhof, in dem wir den Ball auf die Teppichstange kickten, in die berühmtesten Stadien der Welt geführt. Nie hat sie mich verlassen, die Liebe zum Fußball. Vielleicht wird einem das im Pott in die Wiege gelegt. Bei mir war es jedenfalls so."

"Der hat da irgendwann Mist gemacht ..."

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Nach seiner Karriere als Spieler wechselte Hermann Gerland schon im Alter von nur 30 Jahren auf die Trainerbank. Und schon bald schnupperte er bei "seinem Verein", dem VfL Bochum, auch wieder Bundesligaluft. Doch als Co-Trainer der Profis betreute er nebenbei auch das Training der zweiten B-Jugend des Klubs - immer auf der Suche nach neuen Talenten, da der VfL damals wie heute, über weniger Geld verfügte als die Vereine um ihn herum. Eines Tages erzählte ihm ein Vater eines Spielers von einem überragenden Talent aus Bochum-Werne, das in der Westfalenauswahl spielen würde: Thorsten Legat heiße der Junge. Doch Gerland schüttelte nur mit dem Kopf. Einen Legat gäbe es da nicht, das wüsste er. Doch der Vater erwiderte: "Ja, der hat da irgendwann Mist gemacht und ist dann aussortiert worden."

Gerland freute sich schon, als er plötzlich hörte, dass eben dieser Thorsten Legat kurz vor einem Wechsel zum DSC Wanne-Eickel stünde. Doch gerade noch rechtzeitig, bevor Vertreter des Klubs aus der Nachbarstadt in Bochum-Werne auftauchten, konnte er Mutter Legat und Sohn davon überzeugen, dass der VfL der richtige Verein für das junge Talent sei. Aber die Herren des DSC ließen nicht locker - und als Gerland am nächsten Morgen bei den Legats anrief, ging niemand ans Telefon. Und nun begann eine irre Suche, denn auch in der Schule wusste niemand, wo Thorsten sei.

"Will nicht sagen, dass früher alles besser war"

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  • Sein aktuelles Buch "60 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum" ist ein moderner Klassiker aus dem Verlag "Die Werkstatt"

  • Mit seinen Fußballprogrammen ist er deutschlandweit unterwegs. Infos & Termine auf www.scudetto.de.

Als Gerland sich schließlich auf dem Schulhof nach Legat erkundigte, meldete sich ein "Kleiner": "Kann sein, dass der im Schrebergarten ist." Gemeinsam suchte man auch dort - aber von Thorsten keine Spur. Erst am Nachmittag löste sich das Rätsel: Legat war am Morgen beim Zahnarzt gewesen. Ohne zu zögern setzte sich Gerland ins Auto und holte Thorsten Legat zu Hause in Bochum-Werne ab. Jahre später verließ das immer noch junge Talent für eine Millionen-Ablöse den VfL und half damit seinem Klub wieder einmal für einige Momente aus der gröbsten finanziellen Patsche.

Gerlands unendliche Leidenschaft für den Fußball wird auf jeder der 284 Seiten seines Buchs deutlich - und immer schwingt bei seinen Erzählungen auch ein Stück Wehmut mit: "Ich will nicht sagen, dass früher alles richtig war und heute alles falsch. Aber umgekehrt eben auch nicht. Man muss das Gute von früher bewahren und das Gute von heute dazutun." In diesen schwierigen Zeiten des Umbruchs im deutschen Fußball sollte die Stimme von Hermann Gerland gehört werden. An der richtigen Stelle, an der Seite von Hansi Flick beim DFB, ist er ja schon einmal. Das lässt hoffen. Glück auf, Hermann Gerland, und liebe Grüße aus Bochum - "unserer" Stadt!

(Dieser Artikel wurde am Dienstag, 10. Januar 2023 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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