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Zum Weglaufen - Sandro Wagner reagiert auf seine Nicht-Nominierung mit Abschied.
Zum Weglaufen - Sandro Wagner reagiert auf seine Nicht-Nominierung mit Abschied.(Foto: imago/Christian Schroedter)
Dienstag, 05. Juni 2018

Redelings über DFB-Ignorierte: Jogi Löw umschifft elegant den großen Eklat

Von Ben Redelings

Über Uli Steins Gehirnzellen, die Frisur von Roman Weidenfeller und die unbändige Freude von Tim Wiese, als dritter Torwart mit zur WM fahren zu dürfen. Die Geschichte der Nicht-Nominierungen fängt nicht erst bei Sandro Wagner und Leroy Sané an.

Den größten Eklat kurz vor der Abreise nach Moskau hat Jogi Löw ganz geschickt schon vor zwei Wochen umschifft. Durch die Nominierung von Nils Petersen klappte der Bundestrainer die Akte Sandro Wagner ein für alle Mal zu. Nicht auszudenken, was gestern in Südtirol los gewesen wäre, wenn der selbstbewusste und wortgewaltige Bayern-Stürmer Wagner einer der vier Ausgebooteten gewesen wäre. Spätestens nach den Erfahrungen vom Pokalabend in Berlin hätte man sich im DFB-Lager und unter den anwesenden Journalisten wohl auf alle Eventualitäten vorbereiten müssen.

Roman Weidenfeller gibt in Brasilien den Musterprofi.
Roman Weidenfeller gibt in Brasilien den Musterprofi.(Foto: imago/MIS)

Doch eins ist auch unabhängig von Sandro Wagner klar: Eine Nichtnominierung ordentlich zu verpacken, ist wahrlich nicht jedermanns Sache. Da kann die Gefühlswelt schnell Karussell fahren. Auch die pastorale Stimme Jogi Löws ("Man muss den Angehörigen, Familien ...") bei der Verkündigung der Ausgebooteten ließ gestern tief blicken. Aus der Erfahrung heraus weiß man, dass nicht jeder Fußballprofi gleichermaßen gut mit den Emotionen umgehen kann, die bei dieser persönlichen Zurückweisung vor einem Millionenpublikum freigesetzt werden. Der ehemalige BVB-Torwart Roman Weidenfeller beispielsweise polterte auf eine unterschwellige und ziemlich irritierende Art und Weise los, als er von seiner Nichtnominierung durch Bundestrainer Joachim Löw erfuhr: "Vielleicht sollte ich mir einfach die Haare schneiden. Oder etwas zierlicher werden." Dass Jogi Löw ihn Jahre später dennoch mit zur Weltmeisterschaft 2014 nach Brasilien nahm, überraschte selbst die Fachleute. Zum Dank für seine späte Berufung zeigte sich Weidenfeller anschließend jedoch von seiner ganz besonders handzahmen Seite.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Ähnlich pikiert reagierte Weidenfellers Torwartkollege Tim Wiese, als er 2010 zwar mit nach Südafrika fahren durfte, aber schnell klar war, dass er gegen Manuel Neuer keine Chance auf Einsatzzeiten haben würde. Süffisant sprach er in die Mikrofone: "Ich freue mich riesig, dass ich als dritter Torwart dabei sein darf." Der Bremer Frank Baumann ging mit der schwierigen Situation schon etwas souveräner um. Dass er zur WM 2002 in Südkorea und Japan nur auf Abruf nominiert war, kommentierte er mit den Worten: "Ich mag eh kein Sushi."

Bundestrainer "unehrlich und link"

Wie man sich verbal eine Weltmeisterschaft komplett selbst verbauen kann, demonstrierte Christian Wörns in den Jahren 2005 und 2006. Nachdem ihn Bundestrainer Jürgen Klinsmann mehrmals nicht in den Kader der Nationalelf berufen hatte, bezeichnete der Dortmunder ihn als "unehrlich und link". Damit schloss sich das Kapitel WM für Wörns ganz von selbst.

Dass es bei einer Weltmeisterschaft im Wesentlichen auf den Mannschaftsgeist und die Zusammenstellung des Teams ankommt, betonte die Tage Per Mertesacker in einem Interview mit dem Magazin "11 Freunde". Aus diesem Blickwinkel betrachtet, erscheinen manche Entscheidungen der Bundestrainer der letzten Jahre in einem anderen Licht. Teamchef Franz Beckenbauer hätte im Nachhinein wohl einiges dafür gegeben, wenn er die beiden Streithähne und Rivalen Schumacher und Stein nicht zusammen mit zur WM 1986 nach Mexiko genommen hätte. Nach dem Rauswurf des damaligen Keepers des Hamburger SV sagte der Kaiser: "Beim Uli Stein waren in Mexikos Höhenluft wohl nicht alle Gehirnzellen eingeschaltet." Was war passiert?

Der damalige Bundestrainer Franz Beckenbauer (r.) mit den Streithähnen Uli Stein und Toni Schumacher.
Der damalige Bundestrainer Franz Beckenbauer (r.) mit den Streithähnen Uli Stein und Toni Schumacher.(Foto: imago/teutopress)

Seine vorzeitige Rückreise nach Hause schildert Stein in seinem Buch "Halbzeit. Eine Bilanz ohne Deckung" selbst so: "Sieben Wochen Überlebenstraining machten aus uns langsam aber sicher Konfirmanden mit Bunkerschaden. Beispielsweise dachten wir uns beim Essen irgendwelchen Blödsinn aus, der typisch war für die Langeweile im Camp. Die 'Viererbande' überlegte sich Kürzel für Mitspieler, Trainer und Funktionäre. Als ich an der Reihe war, erfand ich schlicht und ergreifend den Ausdruck 'SK'. Keiner kam auf die richtige Antwort. 'Jetzt sag' schon', drängte Jakobs. Ich musste lachen und verriet: 'Na klar, SK wie Suppenkasper für Beckenbauer.' Das Gelächter war groß, auch bei Lothar Matthäus, der mittags ebenfalls bei uns am Tisch saß […] Am darauf folgenden Tag rief Conny an und fragte, ob ich einen Vogel hätte. Sie hatte nämlich gerade gelesen, dass ich den Beckenbauer nur noch mit 'Suppenkasper' anreden und die Nationalmannschaft als 'Gurkentruppe' betrachten würde." Matthäus, so hieß es, hatte die Worte Steins an die Presse verpetzt.

Apropos Matthäus. Der Weltmeister von 1990 ist vermutlich der einzige Spieler auf diesem Planeten, der bei der Nachricht heulte, dass er im Kader sei. Sein Teamkollege Ennatz Dietz erzählte die Story über die EM 1980 einmal so: "Der Lothar hat am Tag der Nominierung bitterlich geweint. Ich stand neben ihm und war völlig hilflos. Erst habe ich gedacht, der würde Freudentränen vergießen, aber dann hat der gar nicht mehr aufgehört. Ich habe ihm den Arm auf die Schulter gelegt und ganz behutsam gefragt, was denn los sei. Da hat mich der Lothar mit geröteten Augen angeguckt und geschluchzt: 'Aber meine Freundin hat doch für die Zeit der Europameisterschaft schon unseren Urlaub gebucht ...'" So etwas, davon kann man wohl getrost ausgehen, würde einem Sandro Wagner nie passieren!

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Quelle: n-tv.de