Redelings Nachspielzeit

Zwischen Lahm und Schweinsteiger Warum Kimmichs Weg ein besonderer wird

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Bei EM 2016 in Frankreich kickten Joshua Kimmich und Bastian Schweinsteiger gemeinsam im DFB-Dress.

(Foto: imago/MIS)

Joshua Kimmich spielt sich spätestens mit seinem spektakulären Tor gegen Borussia Dortmund endgültig in den Fokus der deutschen Fußballfans. Auffallend ist, wie selbstbewusst er in die großen Fußstapfen tritt. Kimmichs Weg scheint vorprogrammiert - und er wird besonders.

Philipp Lahms Augen leuchteten. Gerade war der Profi des FC Bayern München nach der schweren Verletzung, die sich Michael Ballack kurz vor der WM 2010 in Südafrika zuzog, zum Kapitän der deutschen Nationalmannschaft ernannt worden, als ein Reporter ihn fragte, wer ihm denn als Kind imponiert habe: "Lothar Matthäus. Er ist auf dem Feld immer vorausgegangen. So etwas inspiriert einen natürlich."

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Beim Abschiedsspiel von Michael Ballack 2013 durfte Philipp Lahm gemeinsam mit seinem Idol Lothar Matthäus aufs Grün.

(Foto: imago images/Karina Hessland)

Genau vor zehn Jahren war das. Die deutsche Elf befand sich im Trainingslager in Südtirol und Philipp Lahm geriet bei der Erinnerung an sein sechsjähriges Ich ins Schwärmen: "Was ihn als Kapitän vor allem ausgezeichnet hat, war, wie er der Mannschaft vorlebte, wie hart ein Profi arbeiten muss. Wenn wir Erfolg haben wollen, müssen wir wie die 90er-Mannschaft sein." 2010 sollte es noch nicht ganz sein. Die deutsche Elf war, genau wie Philipp Lahm selbst, noch etwas zu jung. Doch vier Jahre später führte der gereifte und reife Kapitän Philipp Lahm sein Nationalteam famos durch die WM ("Ich stehe für Kommunikation. Das ist ein Punkt, der mir sehr wichtig ist") und schließlich am 13. Juli 2014 in Rio de Janeiro gegen Argentinien zum Triumph.

Wie Matthäus, Schweinsteiger und Lahm zusammen

Vor zehn Jahren redete man in Deutschland mit Vorliebe und äußerst ausschweifend über ein Thema: den sogenannten "Führungsspieler". Mit großer Sorge schaute man damals der WM 2010 entgegen. Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger sollten nach dem verletzungsbedingten Ausscheiden von Ballack das Mittelfeld-Duo bilden. Doch das Fach-Magazin "SportBild" sah gerade Schweinsteiger in keiner besonders guten Position und taufte ihn deshalb in "Chefchen Schweini" um. Und in der Tat, die Reputation des Bayern-Profis war in diesen Tagen nicht besonders gut. DFB-Teammanager Oliver Bierhoff meinte vor der WM: "Schweinsteiger ist gereift, aber kein großer Lautsprecher." Der heutige FCB-Coach und damalige Assistent von Bundestrainer Jogi Löw, Hansi Flick, hatte jedoch große Pläne mit ihm: "Von Schweinsteiger erwarten wir, dass er die Fäden in die Hand nimmt und Kommandos gibt. Auf seiner Position ist es enorm wichtig, das Spiel zu lesen, etwa zu erkennen, wo ein Spieler fehlt, um einen Passweg zuzumachen."

Und tatsächlich: Schweinsteiger entwickelte sich im Turnierverlauf zu dem, was viele in ihm sahen, es ihm allerdings damals noch nicht recht zutrauten: Er wurde zu einem echten Führungsspieler. Vier Jahre später, nach dem Gewinn des WM-Pokals 2014 und der herausragenden und aufopferungsvollen Leistung Schweinsteigers, musste die "SportBild" endgültig Abbitte leisten - und tat dies auch mit großer Geste. Damals, nach dem WM-Finale, sagte Franz Beckenbauer: "Er wurde getreten, geschunden, krümmte sich schmerzverzerrt und blutend am Rasen, hat sich stets wieder zurückgekämpft wie ein Löwe, der sein Rudel verteidigt."

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Kimmich ballt die Faust nach seinem Traumtor gegen den BVB.

(Foto: Jrgen Fromme/firo Sportphoto/POOL)

Einer, der alle diese drei großen Spieler und Weltmeister der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf eine gewisse und außergewöhnliche Art in sich vereint, ist Joshua Kimmich. Der Bayern-Profi hat mit seiner herausragenden Leistung und nicht zuletzt mit seinem phänomenalen Tor im Spiel bei Borussia Dortmund den Fokus endgültig auf sich gelenkt. Der gerade einmal 25-jährige Mann aus Bösingen ist auf dem besten Weg in ganz große Fußstapfen zu treten.

Gefühl für Kommunikation

Kimmich selbst nennt Bastian Schweinsteiger als sein Vorbild: "Gerade in meiner Jugend habe ich schon versucht, mir viel von ihm abzuschauen. Er war auch einer, der mit einer gewissen Mentalität vorangegangen ist. Stellvertretend steht dafür immer das WM-Finale". Genau diese spezielle Mentalität des gereiften Schweinsteigers zeichnet Kimmich bereits jetzt in einem hohen Maße aus. Wie er in Dortmund vorangegangen ist, wie er überragende 13,73 Kilometer gelaufen ist und wie er schlussendlich selbst für das entscheidende Tor sorgte, das zeigt, auf welchem Level er schon mit 25 Jahren agiert.

In einem anderen Punkt erinnert Kimmich sehr stark an einen anderen herausragenden, früheren Spieler der deutschen Nationalmannschaft - an Philipp Lahm. Erstaunlich für Kimmichs Alter ist jetzt schon sein besonderes Gefühl dafür, kommunikativ die Probleme seiner Mannschaft zu benennen und zu lösen. Eine Eigenschaft, die Lahm, neben seinen einzigartigen Fähigkeiten auf dem Platz, besonders ausgezeichnet hat und die Kimmich nun perfektioniert. Als der FC Bayern in der Hinrunde nach der Niederlage bei Borussia Mönchengladbach bereits sieben Punkte hinter der Tabellenspitze lag, nahm sich Kimmich sein Team öffentlich zur Brust: "Mich ärgert diese Niederlage unendlich, ich könnte durchdrehen. Wer es bis jetzt noch nicht begriffen hat, ist komplett auf dem falschen Weg." Offensichtlich kam dieser Appell bei der Mannschaft an. Seit diesem Tag hat der FC Bayern München nur noch einmal Unentschieden gespielt - und alle anderen Partien gewonnen.

Der Weg zum WM-Titel ist vorprogrammiert

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Und würden diese beiden Vergleiche nicht ohnehin schon zeigen, auf welch gutem Pfad sich Joshua Kimmich in diesen Tagen bewegt, setzte Bundestrainer Jogi Löw im ersten Teil der ZDF-Doku über den Bayern-Profi "Einser-Abiturient, Führungsspieler und Motivator" noch einen obendrauf: "Er erinnert mich an den jungen Lothar Matthäus. Voller Kraft, voller Energie, im Zweikampf hart, immer aufmerksam, dynamisch und technisch sehr gut." Damit schließt sich auch wieder der Kreis zu Philipp Lahm und der Elf der 90er.

Auch wenn man mit Prognosen immer vorsichtig sein muss: Es scheint, dass nicht nur der FC Bayern München, sondern auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft einen neuen hoffnungsvollen Leader gefunden hat, der die nächsten Jahre maßgeblich mitprägen wird. Und wenn man beobachtet, welch speziellen Ehrgeiz Joshua Kimmich entwickelt, dann kann und wird es für ihn nur ein Ziel geben (können): Auch beim Thema Titel in die Fußstapfen dieser drei großen Vorbilder zu treten und Weltmeister mit der deutschen Nationalelf zu werden. Auf diesem Weg kann man diesem besonderen Profi und Menschen nur alles Gute wünschen.

Quelle: ntv.de