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Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus - Helden mit menschlichen Schattenseiten.
Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus - Helden mit menschlichen Schattenseiten.(Foto: imago/Future Image)
Dienstag, 21. November 2017

Redelings über ewige Helden: Wenn Sportler-Liebe wunderbar blind macht

Von Ben Redelings

Sportstars werden geliebt, egal was sie Dummes tun. Fans verzeihen (fast) alles, weil die Erinnerungen an die unvergesslichen Heldentaten die menschlichen Schattenseiten überblenden. Außer bei Franz Beckenbauer - im Moment!

Ich war neun Jahre jung, als Boris Becker mit 17 das erste Mal Wimbledon gewann. Ich weiß noch genau, wie mir mein Vater am Strand von Bornholm am Montag nach dem Triumph eine ganzseitige Anzeige in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zeigte. Einer von Boris' Sponsoren gratulierte ihm auf diese pompöse und kostspielige Art und Weise zum Titel. Ich setzte mich in den Sand und betrachtete die Zeitung mit dem jubelnden Tennisstar. Für eine Ewigkeit vergaß ich alles um mich herum. Es war der Moment, in dem ein rothaariger Junge aus Leimen endgültig in mein Herz schlüpfte. Und egal, was er in den Jahren nach seiner Karriere auch tat - diesen Platz wird er nicht mehr verlassen.

Morgen feiert Boris Becker seinen 50. Geburtstag. Gestern Abend lief im Fernsehen zur besten Sendezeit eine neunzigminütige Dokumentation über den Tennishelden. Schon vorab hatten zwei Sätze für Furore gesorgt. Er fühle sich nicht als Deutscher, hatte Becker gesagt, und noch hinzugefügt, er wäre auch nie "unser" Boris gewesen! Nicht wenige Deutsche reagierten verstört und waren sich sicher, jetzt sei er endgültig nicht mehr zu retten. Ich las die Zeilen hingegen und dachte: Na, und? Was hat das mit meinen Erinnerungen an diesen überragenden Tennisspieler zu tun?

In Erinnerung bleibt das Idol

Als Lothar Matthäus bei der Weltmeisterschaft 1990 in der Vorrunde loszog und wenige Sekunden später mit einem unwiderstehlichen Hammerschuss das 3:1 gegen Jugoslawien ins Tor rammte, war es um mich geschehen. Ich kenne nicht wenige Fußballer aus dieser Zeit, die mit und gegen ihn gespielt haben, die ohne eine Sekunde zu zögern feststellen: Er war der Beste, den wir je hatten! An diesem Abend in Italien hat Matthäus mein Herz erobert. Und egal, was für Schoten er sich in all den Jahren seitdem erlaubt hat, wie häufig man den Kopf über ihn geschüttelt hat - seinen Stellenwert bei mir hat all dies nicht geschmälert.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Natürlich lacht man, wenn Waldemar Hartmann auf einem Galaabend die Abwesenheit von Matthäus damit erklärt, dass der Weltmeister im Krankenhaus sei, weil er bei der Geburt seiner nächsten Frau dabei sein wolle. Verständnisvoll lauscht man den Ausführungen eines Präsidenten eines Bundesligisten, der in klaren Worten erläutert, warum es leider unmöglich sei, einen Lothar Matthäus als Trainer zu verpflichten. Man akzeptiert die Gegenwart und hängt mit seinen Gedanken in der Vergangenheit. Da ist Lothar Matthäus genau wie Boris Becker der unbefleckte Star. Das Idol, das einem so viele schöne Stunden bereitet hat. Erinnerungen, die bleiben, egal, was auch passiert.

Bei Franz Beckenbauer wird Verehrung zunehmend schwer

Leute, die sich für Sport nicht begeistern können, werden diesen offensichtlichen Irrsinn niemals nachvollziehen können. Sie sehen nur diesen einen Menschen - mit all seinen Fehlern. Sportverrückte trennen unbewusst zwischen dem Idol, das sie auf dem Platz vergöttert haben, und dem Menschen, der er abseits des Sports ist. Der große Diego Maradona hat im Leben nach seiner Karriere so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann und doch hat jeder Fußballfan selbst in den dunkelsten Stunden des Argentiniers nicht den vollgekoksten, fetten Mann gesehen, der er damals war, sondern den großartigen Ballartisten, der einmal gewesen ist. Es ist genau so, wie in dem Film "Schwer verliebt" mit Gwyneth Paltrow und Jack Black. Die Umwelt sieht die adipöse Paltrow, Jack Black sieht eine wunderschöne Frau!

Schwierig und fast schon tragisch wird diese besondere Sicht auf Sportidole leider dann, wenn der Fall so liegt wie bei Franz Beckenbauer. Nichts ist schlimmer als eine ungeklärte Situation. Jahrelang ging der "Kaiser" als "Lichtgestalt" durch die Welt. Überall beliebt und hofiert. Und nun? Selbst bei hartgesottenen Fans überdeckt der dunkle Schatten, der aktuell auf ihn fällt, mehr und mehr die sportlichen Erinnerungen. Kommt es nicht bald zum finalen Schlussstrich, wird es eng mit einer zweiten Chance. Einer Chance, die eigentliche alle Idole bekamen. Immer und immer wieder.

Einer, der sich das ebenfalls für Franz Beckenbauer wünschen würde, ist jemand, der selbst eine der größten Sportikonen des Landes ist. Es ist natürlich Boris Becker. Er sagte im letzten Jahr: "Franz wird für mich bis an sein Lebensende ein Held bleiben." Sportstars sind im normalen Leben eben auch nur Menschen!

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Quelle: n-tv.de