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Ehrung für eine Vereinsikone: Ex-Präsident Norbert Thines (2.v.l.) erhält den Goldenen Ehrenring. Auch Kurt Beck (Mitte) wird ausgezeichnet, hier mit Stefan Kuntz, Dieter Rombach und Ottmar Frenger (von links).
Ehrung für eine Vereinsikone: Ex-Präsident Norbert Thines (2.v.l.) erhält den Goldenen Ehrenring. Auch Kurt Beck (Mitte) wird ausgezeichnet, hier mit Stefan Kuntz, Dieter Rombach und Ottmar Frenger (von links).(Foto: Andreas Erb)
Dienstag, 15. Mai 2018

Redelings über "Betze leaks": Wie der FCK sich in den Ruin trieb

Von Ben Redelings

"Betze leaks" ist ein Sittengemälde des Fußballs. Buchautor Andreas Erb arbeitet als Journalist und Fan schonungslos die Fehler des eigenen Klubs auf. Klar wird: Die Sünden der Vergangenheit treiben den 1. FC Kaiserslautern an den Rand der Pleite.

Wenn Vereinsobere nach einer grottenschlechten Saison sagen, dass sie jetzt erst einmal alles "ordentlich analysieren" und "die Missstände in Ruhe aufarbeiten" wollen, dann kann man davon ausgehen, dass bereits einen Tag später ein Trainer oder Manager gefeuert wird.

Der Sündenbock für die Misere ist in den meisten Fällen schnell gefunden, ab jetzt kann es so weitergehen - natürlich besser, aber im Prinzip genauso wie vorher, nur mit leicht verändertem Personal. Die versprochene, gründliche Fehleranalyse bleibt aus. Das berühmte Alltagsgeschäft, die rasch kommende, neue Saison und vielleicht auch die Angst davor, dass man selbst als Führungskraft versagt haben könnte, konterkarieren jeden Versuch, eine Aufarbeitung der Vergangenheit als Quelle eines Neubeginns zu sehen.

Heute wird in Kaiserslautern das Buch mit dem leicht reißerischen Titel "Betze leaks" vorgestellt. Der Journalist und Fan Andreas Erb hat genau das für seinen Verein, den 1. FC Kaiserslautern, getan, was der Klub, die Stadt und das Land schon viele Jahre zuvor hätten tun sollen: Endlich einmal offen und ehrlich die letzten knapp zehn Jahre aufzuarbeiten und zu analysieren. Und zwar aus sich heraus und nicht auf Druck Dritter.

Erb ist einer "von innen"

Betze Leaks: Der 1. FC Kaiserslautern zwischen Tradition und Possenspiel
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Die FCK-Familie kann Andreas Erb dankbar sein, dass er nun diesen undankbaren Job übernommen hat. Denn Erb ist einer von ihnen. Jemand, der über seinen Verein so liebevoll schreibt: "Der FCK ist Glaubenssache. Wie eine Religion: mit all ihren heilvollen Versprechungen, ihrer lebenserfüllenden Hoffnung und ihrem umfassenden Anspruch. Der Betzenberg mit seinem Fritz-Walter-Stadion ist der Altar großer Fußballmythen, und Klubikone Fritz Walter ist sein Heiland."

Es ist wichtig für den Umgang mit dem Buch zu wissen, dass Erb keiner "von außen" ist, der dem FCK "ans Bein pinkeln" möchte. Andreas Erb hat stattdessen das ehrliche Interesse, dass sein Klub wieder auf die Beine kommt. Dass das sehr schwierig wird, wenn nicht weiter und mit Nachdruck mit den Sünden der Vergangenheit aufgeräumt wird, zeigt der Journalist in seinem Buch auf teils drastische Art und Weise. Als Leser schüttelt man bei der Lektüre immer wieder ungläubig mit dem Kopf. Denn bei all den Fehlern, die die Führungskräfte des 1. FC Kaiserslautern in den letzten Jahren gemacht haben, wird eins deutlich: Auch die Fans haben sich immer wieder aufs Neue recht willig und unkritisch von ihrer eigenen Vereinsführung täuschen lassen.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Und so ist das Buch von Andreas Erb auch ein Appell an die Fans, irritierende Vorgänge im geliebten Klub nicht durch die rosarot gefärbte Brille zu betrachten und sich durch tolle Reden und geschönte Zahlen ins Bockshorn jagen zu lassen, sondern alles stets kritisch und offen zu hinterfragen. Legendär in diesem Zusammenhang bleibt eine Jahreshauptversammlung, über die Erb schreibt: "Wie später bekannt wird, kostet der Abend im Zelt sage und schreibe circa 180.000 Euro. Das rund achtstündige Mammutprogramm soll dem Aufwand auch in Sachen Denkwürdigkeit gerecht werden." Der 1. FC Kaiserslautern wandelt zu diesem Zeitpunkt bereits am Rande der Pleite. Um aber den eigenen Mitgliedern das genaue Gegenteil vorzugaukeln, wird eine bis ins letzte Detail durchchoreografierte Show geboten. Und tatsächlich geht der Plan der Führung auf. Die Kritiker werden an diesem Tag aus dem Zelt gebuht.

50.000 Euro für Feng-Shui?

Bei einer der folgenden Jahreshauptversammlungen gelingt dies nicht. Die Stimmung kippt, als ein Papier vorgestellt wird, das Zahlungen an Berater unterschiedlichster Art auflistet. Erb schreibt über diesen Moment: "Kurz darauf tritt ein Mitglied ans Mikrofon und greift aus dem Beratertableau eine besonders merkwürdige Zahl heraus. "Ich habe vorhin mit großem Interesse gesehen, dass eine Firma 50.000 Euro erhalten hat. Ist es richtig, dass diese Firma Feng-Shui-Beratung macht?" Die Frage geht an Rombach, der bejaht. "Haben Sie diese 50.000 Euro genehmigt für Feng-Shui-Beratung im Aufsichtsrat? Gab es darüber eine Abstimmung?" 50.000 Euro für Feng-Shui? Viele Mitglieder können ihren Ohren nicht trauen. Rombach räumt kleinlaut ein, dass er von diesem Feng-Shui ja auch nicht überzeugt sei: "Wir wurden nachträglich informiert." Unruhe im Saal."

"Betze leaks" ist ein Buch über den 1. FC Kaiserslautern. Viele Dinge – wie die sehr speziellen Verflechtungen des Klubs mit Stadt und Land – scheinen auf den ersten Blick typische FCK-Erscheinungen zu sein. Doch das stimmt nur im Detail. Kritische Fans werden Versatzstücke der Lautererer Machenschaften und Vorgehensweisen immer wieder auch bei ihren eigenen Vereinen entdecken können. Und somit ist das Buch von Andreas Erb auch ein Sittengemälde des Fußballs allgemein.

In Kaiserslautern werden einige Fans das Werk dennoch eher als Störfeuer ansehen. Denn die Frage, wie man die sechs Millionen aus der sogenannten "Betze-Anleihe" vom 1. Februar 2013, die eine Laufzeit von sechseinhalb Jahren hat, am 31. Juli 2019 an die Anleger wird zurückzahlen können, kann einem als Anhänger dieses Vereins nicht nur Sorgenfalten ins Gesicht treiben, sondern regelrecht Angst machen. Aber vielleicht hilft genau dieses Buch des Journalisten und Fans Andreas Erb dabei, im Angesicht der Fehler der Vergangenheit, bessere, ehrlichere und solidere Entscheidungen für die Zukunft zu fällen. Den leidgeprüften Anhängern des 1. FC Kaiserslautern wäre dies nur zu wünschen.

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Quelle: n-tv.de