Redelings Nachspielzeit

Redelings über den zwölften Mann Wir Fans als Zünglein an der Waage

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Du fühlst dich hilflos, fast schon ohnmächtig und einfach nur mies.

imago/Zink

Die Katastrophe Abstieg steht quasi vor der Tür deines Lieblingsklubs. Trainer, Manager und Aufsichtsrat - alles ist ganz großer Mist. Und auf dem Platz stehen elf Spieler, die die Kohlen für alle aus dem Feuer holen sollen. Nur - wie soll das gehen?

Uns geht es im Moment mal wieder dreckig. Millionen Fußballfans kennen das. Dein Verein taumelt dem Abstieg entgegen und du fühlst dich hilflos, fast schon ohnmächtig und einfach nur mies. Den handelnden Personen deines Herzensklubs traust du schon lange nicht mehr über den Weg und nun weißt du weder ein noch aus. Spätestens, wenn du merkst, dass die "Wir haben die Schnauze voll"-Rufe sang-und klanglos im dichten Winternebel verhallen, gibt es für dich als Fan nur noch zwei allerletzte Möglichkeiten: entweder weitermachen mit den Protesten, bis ein neues Personal doch noch die Wende einleitet und/oder ein Wunder geschieht oder man frisst Gras, schluckt das Wissen um die (vermeintliche) Inkompetenz des handelnden Personals hinunter und beginnt wie wahnsinnig (im wahrsten Sinne des Wortes) die elf Spieler des Lieblingsklubs auf dem Rasen zu unterstützen. Für den Verein und damit für sich selbst.

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Ich bin Anhänger des VfL Bochum. Eigentlich sollten wir - so lautete die Devise vor dem Saisonstart - in dieser Spielzeit um den Aufstieg in die Bundesliga mitspielen. Das war zwar etwas vollmundig seitens der Führungsriege, aber im Grunde hatte sie angesichts der speziellen Situation in der zweiten Liga in diesem Jahr durchaus recht. Es gab vor der Saison keinen echten Favoriten. Jeder konnte und kann jeden schlagen. Dumm nur, dass wir leider von Beginn an den eigenen, hohen Erwartungen zu keiner Zeit gerecht werden konnten. Und dann setzte sich etwas in Bewegung, das man einen "negativen Lauf" nennen könnte. Das kennt auch jeder, denn wie sagte Jürgen Klopp es in einem anderen Fall einmal so schön: "Das ist wie im Leben. Wenn heute die Waschmaschine kaputt ist, ist morgen der Trockner im Arsch. Und dann gibt der Fernseher den Geist auf."

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Das beschreibt unsere Lage ziemlich genau. Im Moment ist eigentlich alles ganz großer Mist - zumindest scheint es so zu sein. Im Fußball gibt es nämlich im Grunde nur zwei Farben: schwarz und weiß. Wir befinden uns in der rabenschwarzen Phase. Der Aufsichtsrat soll per außerordentlicher Mitgliederversammlung gestürzt werden, der Manager ist schon lange überfällig und über den aktuellen Trainer wird nur noch in der Vergangenheitsform gesprochen. Übrig bleiben über 30 (!) Spieler in unserem aufgeblähten Kader, denen naturgemäß mittlerweile das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten abhanden gekommen ist. Dazu haben sie zu einem Teil selbst beigetragen, aber weit mehr ist es wohl so wie bei einem missratenen Hund: Die Schuld liegt eher beim Halter als beim Tier.

Woanders is auch scheiße

Als Fan eines Vereins, der bereits einige Mal abgestiegen ist, weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Die Berater der Spieler ziehen durchs Land und preisen ihre Akteure an. Auslaufende Verträge - ob zeitlich befristet oder pauschal in der dritten Liga - schaffen für die guten Profis eine ganz passable Verhandlungsbasis. Das ist die Realität. Leider. Sprich: Wer am Ende bei einem Abstieg der Haupt-Leidtragende sein wird, steht schon jetzt fest: wir Fans. Die Lage, wenn man sich nichts vormacht, ist in diesen Tagen ziemlich aussichtslos. Es spricht nicht mehr sehr viel dafür, dass man angesichts dieser Situation die Klasse hält - außer einer Sache: Den anderen Mannschaften im Tabellenkeller geht es sehr ähnlich.

Drinbleiben wird nur derjenige Klub, der es schafft, die Kräfte zu bündeln, Nebenkriegsschauplätze zu schließen und den Blick gemeinsam auf die eine entscheidende Sache zu richten: den Klassenerhalt! Die Devise muss also für einige Wochen - auch wider besseres Wissen - lauten: Wir Fans unterstützen bedingungslos mit Herz und Hand die Mannschaft, die in unseren Farben auf den Platz läuft. Denn diese elf Akteure auf dem Rasen entscheiden am Ende über das Wohl und Wehe des ganzen Klubs. Wir brauchen die Spieler und die Spieler brauchen uns!

Und denjenigen in den Führungspositionen, die uns erst in diese Lage gebracht haben, rufen wir zu: Abgerechnet wird am Schluss - aber wir werden nicht vergessen, was war. Denn eins solltet ihr wissen: Wenn ihr schon lange nicht mehr hier sein werdet, werden wir noch immer treu an der Seite unseres Vereins stehen. Wir würden uns freuen, wenn ihr genauso denken und fühlen würdet wie wir - und sei es nur für einige Wochen, Monate oder Jahre.

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Quelle: n-tv.de

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