Fußball-WM 2018

WM-Zeitreise - 13. Juli 1930 Beim WM-Start schneite es

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Ihm glückte das erste WM-Tor aller Zeiten: Lucien Laurent, hier im Jahr 2002. Er starb im April 2005.

(Foto: imago/PanoramiC)

Die erste Fußball-Weltmeisterschaft 1930 war ein großes Spektakel. Echte Versager auf der Schiedsrichter-Position, ungeschickte Betreuer, die sich selbst schachmatt setzen und Mannschaftskollegen, die man nicht einmal als Feind haben möchte.

Am Tag des allerersten WM-Spiels schneite es in Montevideo. Kaum mehr als 3000 Zuschauer fanden sich an diesem historischen 13. Juli 1930 im Rund des Estadio Pocitos ein. Eigentlich sollte das Spiel im neu errichteten Estadio Centenario stattfinden, doch das war zu diesem Zeitpunkt noch nicht komplett fertiggestellt. Eigentlich ein Unding. Aber wenn man bedenkt, welch kurze Zeit von der Vergabe der WM am 18. Mai 1929 über die Planung bis hin zum Bau der 100.000 Leute fassenden Arena verging, dann gleicht es fast einem Wunder, dass insgesamt noch zehn Spiele in der riesigen Schüssel ausgetragen werden konnten. Und hätte Uruguay nicht einen ganzen Winter lang dieses fürchterliche und ungemütliche Wetter gehabt - über 100 Tage regnete es konstant - wären die Bauarbeiter und Architekten sogar noch rechtzeitig zum Start der ersten Weltmeisterschaft fertig geworden. Am Ende dieses 13. Juli 1930 hatte Frankreich das Team aus Mexiko mit 4:1 geschlagen. Torschütze des ersten WM-Treffers aller Zeiten war der Franzose Lucien Laurent. Er erzielte das 1:0 für sein Team in der 19. Minute. Die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften konnte beginnen - und sie startete furios und kurios.

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Das Plakat der WM 1930.

(Foto: imago/Ed Gar)

Viele Anekdoten sind von damals überliefert und wurden über die Zeit immer weiter und schöner ausgeschmückt. So erzählt man sich die herrliche Geschichte des Mannschaftsbetreuers der USA, der beim Spiel gegen Argentinien wutentbrannt in Richtung des belgischen Schiedsrichters John Langenus lief. Drohend streckte er dabei das Köfferlein mit den Medikamenten in die Luft. Das wollte der Betreuer dem Schiri auf den Kopf hauen. Doch genau in dem Moment, in dem er zur Tat schreiten wollte, öffnete sich plötzlich der Verschluss des Koffers und der komplette Inhalt fiel zu Boden. Der Betreuer stoppte und sammelte die Gegenstände ein. Kurze Zeit später lag er bewusstlos auf dem Platz. Er hatte sich selbst schachmatt gesetzt: Beim Aufschlag auf den Rasen hatte sich ein Fläschchen mit Chloroform geöffnet und den Betreuer abrupt beruhigt.

Eine andere Geschichte, die gerne erzählt wird: In Uruguay übernahmen die beiden französischen Spieler Augustine Chantrel und Marcel Pinel neben ihrer sportlichen auch eine journalistische Tätigkeit. Da Reporter aus Frankreich damals nicht vor Ort waren, berichteten die beiden von der Weltmeisterschaft für ihre Landsleute. Und da sie ihren Kollegen Célestin Delmer nicht recht leiden konnten, strichen sie ihn aus der tatsächlichen Startelf und ersetzten Delmer durch den nicht angetretenen Pinel. Eine Sache hatten die beiden Hobby-Journalisten bei ihrem gemeinen Plan allerdings nicht bedacht: Das Mannschaftsfoto kannte die ganze Wahrheit. Doch darauf schaute erst 62 Jahre später jemand genauer und entdeckte den Fehler.

"Ein glatter Versager"

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Besonders ein Mann sorgte 1930 bei der ersten Fußball-Weltmeisterschaft für Aufregung: Schiedsrichter Almeida Rego aus Brasilien. Er muss eine wahre Zierde für seinen Berufsstand gewesen sein - wenn sogar schon sein Kollege Langenus offenherzig über ihn sagte: "Er ist ein glatter Versager!" Doch wie kam der belgische Kamerad zu diesem Urteil? Ganz einfach: Rego hatte beispielsweise sechs Minuten vor dem eigentlichen Ende der Partie zwischen Frankreich gegen Argentinien genug gesehen - und pfiff die Begegnung einfach ab. Dumm nur, dass ausgerechnet in diesem Moment, in dem Rego das Spiel beendete, der Franzose Marcel Langiller ganz alleine auf das Tor der Argentinier zustürmte. Zwar pfiff der brasilianische Schiedsrichter die Partie nach wilden Protesten der Franzosen noch einmal an, aber den Europäern wollte sich nun keine Chance mehr zum Ausgleich bieten. Dementsprechend wütend waren die Franzosen hinterher auf Rego. Im Halbfinale zwischen Uruguay und Jugoslawien überbot sich Schiri Rego aber noch einmal selbst, als er die Führung der Südamerikaner zum 2:1 gelten ließ, obwohl der Ball zuvor im Aus war und durch einen Polizisten zurück aufs Spielfeld geschossen wurde. Die erbosten Jugoslawen konnten Rego allerdings nicht umstimmen. Er blieb bei seiner Entscheidung.

Das Finale wurde schließlich wieder vom Belgier Langenus gepfiffen. Allerdings sicherte er sich vor der Partie zu, dass auf seinen Namen eine Lebensversicherung abgeschlossen wurde und dass jeder einzelne Besucher vor dem Betreten des Stadions auf Schusswaffen untersucht werden musste. Die Vorsichtsmaßnahmen des Schiedsrichters hatten einen guten Grund. Tatsächlich fand man weit über 1000 Revolver bei den fast 90.000 Zuschauern. Durch die Leibesvisitationen beim Einlass und den 4:2-Sieg der Gastgeber konnte Langenus nach der Begegnung das Stadion unversehrt und zufrieden wieder verlassen.

Nach diesem ersten WM-Turnier geht die ruhmreiche und spannende Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften erst richtig los - und endet unsere "WM-Zeitreise" der letzten vier Wochen. In der Hoffnung auf zwei tolle Spiele und viele weitere schöne Geschichten bei den letzten beiden Begegnungen der diesjährigen WM in Russland möchte ich mich nun verabschieden. Bis bald und Glück auf!

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Quelle: ntv.de

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