Fußball-WM 2018

WM als russische Imagepolitur Der Gewinner heißt Wladimir Putin

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DFB-Rekordnationalspieler Lothar Matthäus und Russlands Präsident Wladimir Putin geben sich im Kreml die Hand.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Mit der Ausrichtung der Fußball-WM gelingt Wladimir Putin ein Coup. Nicht nur sportlich, sondern auch organisatorisch glänzt der Gastgeber Russland. Damit lenkt der russische Präsident erfolgreich von seinen eigentlichen Problemen ab.

Der Sieger der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland war noch nicht einmal ermittelt, da ertönten bereits die ersten Glückwünsche. "Ich muss den Russen zu ihrer WM gratulieren, sie war prima organisiert. Es gab keinen Hooliganismus, keine Gewalt, das ganze Land befindet sich in einem positiven Aufbruch", konstatierte etwa Bayern Münchens Präsident Ulrich Hoeneß, selbst bei keinem Spiel anwesend, im "Kicker": "Eine Super-WM." Auch DFB-Rekordspieler Lothar Matthäus ist überwältigt. "Dies ist eine der besten Weltmeisterschaften, die ich in den vergangenen 40 Jahren gesehen habe, vielen Dank für diese WM, Herr Präsident", sagte der Weltmeister von 1990 bei einem Empfang im Kreml. Und so steht ein Gewinner des Turniers bereits seit einigen Tagen fest: Wladimir Wladimirowitsch Putin.

Der russische Präsident hat sein Prestigeprojekt erfolgreich vollendet. Die Teilnehmer lobten die Organisation, ranghohe Staatsmänner wie der französische Präsident Emmanuel Macron oder die Könige aus Spanien sowie Belgien entschieden sich gegen einen Boykott und reisten nach Russland. Der seit der Vergabe im Jahr 2010 feststehende WM-Plan wurde auf der Zielgeraden sogar übererfüllt: Im Turnier marschierte das russische Nationalteam bis ins Viertelfinale durch - wider Erwarten, denn nur wenige hatten der Sbornaja mehr als einen Achtungserfolg zugetraut. "Russland ist besser, als viele dachten, vor allem im Westen", sagte WM-Cheforganisator Arkadi Dworkowitsch. Dem pflichtete Englands Trainer Gareth Southgate bei: "Es gab viele Storys vor dem Turnier, von denen ich schon vorher wusste, dass sie falsch sind - und das hat sich bewiesen."

Bewiesen hat sich damit auch Putins strategisches Geschick. Sein Volk befindet sich dank der WM immer noch im Freudentaumel, fühlt sich beliebt und stark. Darüber hinaus hat Russland in den vergangenen vier Wochen viele Sympathien gewonnen - wohl auch, weil die von vielen befürchtete Propaganda-Show des Kreml-Chefs ausgeblieben ist. Nur zwei Mal, beim russischen 5:0-Kantersieg gegen Saudi-Arabien sowie beim Finalsieg der Franzosen, ließ sich Putin im Stadion blicken. Bei den übrigen Spielen der Sbornaja schickte er seinen Ministerpräsidenten Medwedew vor. "Das ist eine sehr geschickte Zweiteilung", sagt Wilfried Jilge im Gespräch mit n-tv.de. Dem Berliner Osteuropa-Historiker und Ukraine-Experten zufolge lässt Putin verbreiten, "dass er die WM nach Russland geholt und für eine gute Organisation gesorgt hat. Gleichzeitig bleibt er der große Staatsmann, während sein Volk ungefährdet feiern kann." Möglicherweise hat das manchem Staatsoberhaupt die Entscheidung erleichtert, die eigene Nationalelf von der Putin-freien Tribüne aus anzufeuern.

"Brot und Spiele"

Unsichtbar war der russische Präsident aber nicht. Bei ausgewählten Veranstaltungen, wie etwa mit Fifa-Boss Gianni Infantino und Ex-Stars wie Matthäus war er präsent. "Das macht er dosiert und sehr geschickt", so Jilge. Demnach nutzte Putin diese Treffen, "um das Bild eines 'neuen Russlands' zu verbreiten und die aus Kremlsicht falschen Vorurteile des Westens über ein autoritäres Russland zu zerstreuen". Die meiste Zeit während der WM aber ließ sich Putin als oberster Staatsdiener entschuldigen, der wenig Zeit für Fußball hatte und stattdessen daran arbeitete, Russland auch abseits des Fußballs international auf Augenhöhe mit anderen Weltmächten zu hieven. Zugleich ist es ihm und seinem Sicherheitsapparat gelungen, die vor der WM befürchteten Hooligan-Exzesse zu unterbinden und somit ein "Festival der Gewalt" zu verhindern. "Was die Selbstdarstellung der russischen Führung anbelangt, ist die WM sowohl innen- als auch außenpolitisch ein Erfolg", sagt Jilge. Dieser Erfolg ist laut dem Russland-Experten knallhart kalkuliert: "Mit Brot und Spielen wurde von den inneren Defiziten eines auto- und kleptokratischen Oligarchenregimes und ungelösten sozialen Problemen der Bevölkerung abgelenkt."

Die schillernde WM hat wenig daran geändert, dass der Gastgeber unter enormen innen- und außenpolitischen Problemen ächzt. "Russland hat unter Putin sowohl die gesellschaftliche als auch die ökönomische und technologische Modernisierung verschlafen", sagt Jilge. Deshalb habe der Kreml den Schatten der Euphorie dazu genutzt, "auf leisen Sohlen anzudeuten, dass der Gürtel jetzt enger geschnallt wird." Zwei Details dieses Korsetts sind bereits bekannt: Kurz vor dem Eröffnungsspiel hat die Regierung die Mehrwertsteuer für das kommende Jahr von 18 auf 20 Prozent erhöht. Auch das Renteneintrittsalter steigt: gemäß der Rentenreform für Frauen bis zum Jahr 2034 schrittweise von 55 auf 63 Jahre, für Männer bis 2028 von 63 auf 65 Jahre. Kurz darauf sanken Putins Beliebtheitswerte laut dem staatlichen Meinungsforschungsinstitut WZIOM von 45,4 auf 42 Prozent.

Russische Verblendung

Auch außenpolitisch hat sich der Ton gegenüber der Putin-Administration kaum verschärft - obwohl internationale Krisen, an denen Russland ursächlich beteiligt ist, weiter schwelen. Während die russische Imagepolitur mit freundlicher Unterstützung der Fifa vorangetrieben wird, fliegen beispielsweise russische Jets weiter umstrittene Bombenangriffe in Süd-Syrien. "Mit dieser WM erleben wir eine weitere Eskalationsphase im Syrien-Krieg. Die Lage in dem Land ist extrem prekär", kritisiert Jilge. Zudem versuchten die Kreml-Strategen, die Geschehnisse in der Ukraine und den Umgang mit ukrainischen Gefangenen wie dem Filmemacher Oleg Senzow zu übertünchen. Dabei versuche Russland "offensichtlich, die Ukraine weiterhin zu destabilisieren."

Die Fifa schaut über derartige Ereignisse wohlwollend hinweg. Mehr noch: Sie ist Putin derart ergeben, dass er ihren in Ungnade gefallenen Ex-Boss Joseph Blatter während der WM empfangen durfte - eigentlich ein Affront gegen Infantino, doch zu diesem Zeitpunkt war der aktuelle Fifa-Präsident schon zu WM-euphorisiert, um Putin öffentlich zu kritisieren. Zwei Tage vor dem Endspiel preiste Infantino das rund zwölf Milliarden Euro teure Turnier als "die beste WM, die jemals stattgefunden hat". Dieses Standardlob nach WMs und Olympischen Spielen mag organisatorisch auf das Turnier in Russland zutreffen. In anderen Aspekten wie Nachhaltigkeit der Stadien oder Verbesserung der Menschenrechtslage bleibt dessen Validität indes mit Zweifeln behaftet. Allein, an diesen Punkten stört sich die Fifa ohnehin eher selten.

Russland-Experte Jilge befürchtet in der Zeit nach der WM ein böses Erwachen in Russland. "Auch wenn es die Bevölkerung während des Turniers nicht merkt: Es geht letztlich auf ihre Kosten", sagt er. Allerdings sei an dem Turnier auch zu sehen, "dass der Westen wichtige Prinzipien häufig zu sehr ökonomischen Eigeninteressen unterordnet". Eine der Schwächen, die Russland ausnutze, sei die wachsende innere Schwäche und mangelnde Prinzipientreue des Westens. Das sei bei der Fifa-WM genauso zu beobachten und in mancher Hinsicht auch beim Nordstream-Projekt. Das sind laut Jilge "Einfallstore, wo es Putin gelingt, den Westen unbemerkt zu spalten". Im Glanz des russischen Sommermärchens verblassen diese Aspekte jedoch. Und damit ist Putins Plan voll aufgegangen.

Quelle: n-tv.de

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