Fußball-WM 2018

Die DFB-Elf in der Einzelkritik Ey, lass mal Timo Werner anspielen

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Werner rannte und rannte - und traf dann auch noch.

(Foto: imago/Michael Weber)

Von Österreich geschlagen, von Saudi-Arabien überrascht: Die deutschen Fußball-Nationalspieler rumpeln zur Mission Titelverteidigung. An einem Abend, über den man besser schweigt, gibt’s aber auch zwei gute Nachrichten.

Ob's noch irgendwer gehört hat? Diese Botschaft, die der Stadionsprecher in der BayArena der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Mischmasch aus Applaus und Pfiffen mit auf den Weg nach Russland gegeben hat. Er sagte: "Und jetzt holt euch den fünften Stern." Er sagte das so, als habe die Mannschaft da zuvor mit Wucht den Stempel auf ihr Empfehlungsschreiben für den erneuten Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft 2018 gehämmert. Mit der Realität deckte sich der fast väterliche Appell nicht. Gegen Saudi-Arabien entging die DFB-Elf nämlich nur ganz knapp einer Blamage. Dank einer defensiven Co-Produktion verhinderten Mats Hummels und Jonas Hector in der Nachspielzeit den Ausgleich. So blieb es nach Toren von Timo Werner (8.), einem Eigentor von Osama Hawsawi (43.) und dem späten Gegentreffer von Taisir Al-Jassim bei einem mauen 2:1 (2:0)-Erfolg gegen ein überraschend agiles und mutiges Saudi-Arabien. Die deutsche Mannschaft in der Einzelkritik:

Manuel Neuer (FC Bayern München, 76 Länderspiele, kein Tor): Der 32-Jährige war erst der dritte deutsche Keeper, der sich gegen Saudi-Arabien beweisen durfte. Wie aber schon seine beiden Vorgänger Andreas Köpke (am 22. Februar 1998, 3:0) und Oliver Kahn (1. Juni 2002, 8:0), hielt der Bayern-Torwart die Null. Die Leistung, die dazu nötig war, wird aber nach dieser Einzelkritik wohl nie wieder Erwähnung finden. Zweimal fing er Bälle, die wohlwollend der Kategorie "Schüsschen" zugeschrieben werden können. Einmal verließ er sein Tor so weit wie einst 2014 gegen Algerien, um in überschaubarer Not mit dem Kopf zu klären. Hatte immerhin eine Szene, über die vielleicht doch geredet wird. In Minute 19 hielt er im Strafraum den Ball zweimal mit dem rechten Fuß hoch, um ihn dann in zunehmender Bedrängnis mit seinem acht Monate lang lädierten Schlappen kräftig nach vorne zu donnern. Ab Minute 46 Marc-André ter Stegen (FC Barcelona, 20 /0): Der 26-Jährige hat Geschichte geschrieben. Er hat das erste saudi-arabische Gegentor in der deutschen Verbandsgeschichte hinnehmen müssen. Wie bitter, dass es ausgerechnet ein Abpraller nach einem parierten Elfmeter war. Sein Einsatz zur Halbzeit war geplant, wie der Bundestrainer erklärte, um Spielpraxis zu sammeln. Hatte nach einem kurzen, aber harmlosen Wackler direkt zu Beginn einen ruhigen Abend, weil fast alle Schüsse der mutigen Gäste neben das Tor gingen.

Joshua Kimmich (FC Bayern München, 29/3): Gegen Österreich zuletzt war's grausig. Das sah der 23-Jährige ein. Er wollte es nun gegen Saudi-Arabien unbedingt besser machen. Eine gute Idee, aber auch nicht besonders schwer. Schließlich ist überfordert nicht zu unterbieten. Seine erste Aktion, gleich eine aus dem Spielaufbauhandbuch von Jérôme Boateng. Der Spitzendiagonalball aus dem zentralen Halbfeld leitete die Führung durch Timo Werner (8.) ein. Und sonst so: Viele Flanken - eine verunglückte wäre beinahe im arabischen Tor gelandet (29.) - und für einen Außenverteidiger überraschend wenig Interesse an Defensivarbeit. Ab Minute 81 Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach, 18/0): Das spannendste an seiner Einwechslung war die Auswechslung von Kimmich, der ja eigentlich nie vorzeitig den Platz verlassen muss.

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Hummels rettete in der Nachspielzeit das Remis.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Mats Hummels (FC Bayern München, 64/5): Stand nach sechs Minuten und einem langen Ball der Saudis so schlecht, dass er richtig schnell sprinten musste. Das wiederholte er mehrfach, nicht weil er häufiger schlecht stand, sondern weil die Saudis immer wieder sehr schnell konterten. Zum Beispiel über den "arabischen Messi", Fahad Al-Muwallad, der Hummels erst natzte, dann jedoch per Heldengrätsche von ihm abgeräumt wurde. Den größten Moment aber hatte Hummels in der Nachspielzeit, als er gemeinsam mit Jonas Hector irgendwie noch den Ausgleich der Saudis verhinderte. Ansonsten haderte der Abwehrchef wieder und wieder gestenreich mit seinen Mitspielern. Denen (und sich selbst eingeschlossen) hatte er vor dem Spiel noch die Begeisterung für den letzten defensiven Meter abgesprochen. Entfachen konnte er sie erneut nicht.

Jérôme Boateng (FC Bayern München, 71/1): Der Bundestrainer hatte Gefallen am Spiel des kantigen Abwehrspielers gefunden. "Er hat das sehr gut gemacht",sagte Löw. Die Sorge, dass der lädierte Oberschenkel Boateng ausbremsen könne, teilt der Coach offenbar nicht mehr. Weil Löw gegen Saudi-Arabien viele Probleme zu sehen bekam, hat er vielleicht nicht mitbekommen, dass der Münchener zahlreiche Pässe zum Mitspieler wackelte und seine gefürchteten Diagonalbälle mitunter katastrophal justiert hatte. Weil Boateng aber in seinem Kerngebiet Abwehrarbeit kaum etwas falsch machte, können wir den Auftritt unter "wichtige Spielpraxis" verbuchen. Ab Minute 46 Niklas Süle (FC Bayern München, 11/0): In Minute 60 ließ er sich mit drei weiteren Kollegen vom sehr wendigen Salem Al-Dawsari ausfummeln, ehe er zwölf Minuten später einem Gegenspieler nach einem 50-Meter-Vollsprint noch den Ball vom Fuß spitzelte.

Jonas Hector (1 FC. Köln, 38/3): Acht Minuten nach der Halbzeit raunte das Publikum laut. Jonas Hector streichelte nämlich den Ball so schön und elegant wie einst Zinedine Zidane. Der linke Mann in der Viererkette hatte sich den Franzosen an diesem Abend offenbar in vielerlei Hinsicht zum Vorbild genommen, verteidigte mitunter auch wie der Weltmeister von 1998 – nämlich gar nicht. Seine Seite war oft so verwaist, wie die Mallorca-Finca von Boris Becker. Konnte den erneut schwachen Eindruck ein wenig verwässern, weil er an der Ausgleichsverhinderungsaktion von Hummels beteiligt war.

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Kroos - Pässe verteilen? Kann er einfach.

(Foto: dpa)

Toni Kroos (Real Madrid, 83/12): Schon nach dem Länderspiel gegen Brasilien im März drängte sich der Eindruck auf, dass Freundschaftsspiele vielleicht nicht unbedingt das Ding von Toni Kroos sind. So richtig schlecht war es zwar nicht, was der Champions-League-Sieger von Real Madrid an diesem Abend zeigte, das ist es aber ohnehin äußerst selten. Passmaschine Kroos verteilte die Bälle in der ersten Halbzeit mit der Zuverlässigkeit eines Uhrwerks, das kann er einfach. Aber er kann auch deutlich mehr. In den Zweikämpfen fehlte die Aggressivität - als der 28-Jährige in der 20. Minute von seinem saudischen Gegenspieler gefoult wurde, wirkte er mehr verdutzt als verärgert. Im zweiten Durchgang baute Kroos ab, er hatte immer wieder Probleme mit dem schnellen Umschaltspiel der Saudis. Nach der Partie fand er dann kritische Worte für die gezeigte Leistung: "Wir haben gegen einen schwachen Gegner zu viele Chancen zugelassen. Das können wir besser machen. Saudi-Arabien hatte heute für seine Qualität die eine oder andere Chance zu viel."

Sami Khedira (Juventus Turin, 75/7): Hatte sich in den vergangenen Wochen als der Spieler hervorgetan, der neben Sandro Wagner am offensivsten über seine WM-Chancen sprach. Im Test gegen die Saudis untermauerte er, warum er neben Kroos im Mittelfeld gesetzt sein dürfte. Khedira lieferte in den ersten 45 Minuten einen kraftvollen, dynamischen Auftritt in der Offensive ab. Der Mittelfeldspieler von Juventus Turin tauchte ungewohnt oft auf der rechten Außenbahn auf, wo er die eine oder andere feine Flanke in den Strafraum schickte. Dort hatte er mit Werner eine Anspielstation, die im Strafraum immer da auftauchte, wo der Ball gerade hinkam. Wenn man bei Khedira was zu kritisieren sucht, dann seine Chancenverwertung: Zweimal stand der 31-Jährige im Abseits, dazu scheiterte er in Minute 37 an Saudi-Titan Abdullah Al-Mayouf und Pfosten. Pech hatte Khedira in der 84. Minute, als Gegenspieler Taisir Al-Jassim im Strafraum beim Deutschen einfädelte und der Schiedsrichter Elfmeter gab, der im Nachschuss das 1:2 brachte.

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Müller - ohne Auffälligkeiten. Und irgendwie am 2:0 beteiligt.

(Foto: imago/Contrast)

Thomas Müller (FC Bayern München, 91/38): Im Test gegen Österreich wurde er noch geschont, nun kehrte der dienstälteste DFB-Profi zurück in die Startelf. Keine Frage, dass das auch in Russland der Fall sein wird. Der Münchner gehört zum Kreis der Unantastbaren. Daran ändert auch der bescheidene Auftritt gegen die Saudis nichts. Vor allem die erste Halbzeit war für Müller eine gebrauchte, das Spiel plätscherte irgendwie am Profi des FC Bayern vorbei. Anders als seine Kollegen war Müller kaum ins Kombinationsspiel eingebunden - seine große Stärke, Räume auszumachen wo gar keine sind, kam kaum zum Zug. Nur einmal, da blitzte der famose Müller’sche Riecher durch, als er das Eigentor von Omar Hawsawi zum 2:0 forcierte, indem er den Saudi-Verteidiger entscheidend störte. In der 17. Minute hätte Müller zudem zwingend Gelb für ein taktisches Foul sehen müssen - sein Glück, dass Schiedsrichter Slavko Vincic insgesamt selten zu den Arbeitsutensilien griff. Ab Minute 74 Julian Brandt (Bayer Leverkusen, 16/1): Von drei gestarteten Leverkusener Profis ist Brandt der Einzige, der das Trainingslager in Eppan als WM-Teilnehmer überstanden hat - alle anderen sind den Löw’schen Streichfestspielen zum Opfer gefallen. Kein Wunder, dass Brandts Einwechslung die Betriebstemperaturanzeige im heimischen Wohnzimmer mächtig aufflackern ließ. Allerdings war der belebende Effekt nur ein kurzzeitiger, ähnlich wie der Auftritt des 22-Jährigen. Brandt hatte nach seiner Einwechslung das 3:0 nach Vorlage von Draxler auf dem Fuß, setzte die Kugel aber neben den Kasten. Warum Löw dem Bayer-Profi den Vorzug vor Leroy Sané gegeben hat? Es bleibt rätselhaft.

Julian Draxler (Paris St. Germain, 44/6): Als Kapitän der deutschen Nationalmannschaft nach Russland - für Julian Draxler ist der Traum schon abgehakt. Also abgehakt im Sinne von erledigt, der Profi von Paris Saint-Germain hatte beim WM-Schnupperkurs als Kapitän vor rund einem Jahr den Confed Cup gewonnen. Und jetzt? Hat sich an seiner beruflichen Perspektive beim französischen Klub wenig, bei seinem Standing innerhalb der Mannschaft aber viel verändert. Draxler durfte an diesem Abend von Beginn an ran, weil Mesut Özil verletzt fehlte. Auf der linken Seite suchte der 24-Jährige wie so oft die spektakulärste aller Lösungen - schaffte es zwischen den gefühlten 142 Übersteigern aber selten, seine Mitspieler sinnvoll mit einzubeziehen. So richtig torgefährlich war das alles nicht - auch wenn sich Draxler mühte, einen Abschluss zustande zu bringen. Da scheiterte er in der 50. Minute allerdings erst am spektakulär zupackenden saudischen Keeper Al Muaiouf, in der 71. Minute zimmerte er dann einen Freistoß aus 20 Metern direkt in die Arme des Titanschützlings.

Marco Reus (Borussia Dortmund, 31/9): Um circa 21.20 Uhr stand fest: Marco Reus wird zum ersten Mal in seiner Karriere an einer Fußball-Weltmeisterschaft teilnehmen. Warum das erwähnenswert ist? Weil der Profi vom BVB zwar seit acht Jahren zum Kreis der Besten gehört, die der deutsche Fußball so zu bieten hat, das aufgrund seines absurden Verletzungspechs aber nie bei einer Weltmeisterschaft unter Beweis stellen konnte. Und da die letzten Testspiele vor einem Großturnier die Reus’sche Achillessehne sind, war in der BayArena eben besondere Vorsicht geboten. Allerdings waren die Sorgen völlig umsonst: Der 28-Jährige blieb verletzungsfrei und bot an diesem Abend überhaupt keinen Grund zur Sorge: Das war ein feiner Auftritt in seinem 31. Länderspiel, der vom Leverkusener Publikum immer wieder mit Szenenapplaus bedacht wurde. Die Vorlage zum 1:0 auf Timo Werner, ein Dropkickschuss auf den Pfosten, dazu immer wieder flinke Zweikämpfe - Reus ist in absoluter WM-Form. Und im wirklich erstaunlich guten Zusammenspiel mit Timo Werner genau das, was der deutschen Offensive bislang fehlte. Ab 57. Minute Ilkay Gündoğan (Manchester City, 31/9): Eine Personalentscheidung des Bundestrainers, die dem Abend eine krasse Wende gab. Noch bevor der Mittelfeldspieler seine Trainingsjacke ausgezogen hatte, kamen die ersten Pfiffe auf - als er dann Marco Reus abklatschte und Richtung Mittellinie lief, kulminierten die Unmutsbekundungen im gellenden Pfeifkonzert. Zu tief sitzt offenbar der Ärger über die umstrittenen Fotos mit dem international kritisch beäugten türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Dass sich Gündoğan, anders als Mesut Özil, in der vergangenen Woche dazu entschieden hatte, in die Offensive zu gehen, machte keinen Unterschied. Jeder Ballkontakt ein Pfiff. Selbst, als der 28-Jährige sich am Torschuss-Zweikampf mit dem saudischen Keeper versuchte. Löw sagte dazu anschließend: "Dass ein Nationalspieler so ausgepfiffen wird, hilft niemanden. Ich frage mich, was soll Ilkay denn noch alles machen? Er hat sich der Presse gestellt und erklärt, dass er die deutschen Werte lebt, sich voll und ganz mit ihnen identifiziert und sie verkörpert. Das kann ich und Mitspieler bezeugen. Irgendwann ist das Thema auch mal vorbei." Irgendwann - ja, aber nicht an diesem Abend.

Timo Werner (RB Leipzig, 14/8): Die deutsche Mannschaft spielte die ersten 15 Minuten sehr zielstrebig nach vorne. Fast immer wurde dabei Timo Werner gesucht. So war er auch zur Stelle, als Reus eine Kimmich-Flanke fischte und perfekt für ihn auflegte. Als der Löw-Elf dann aber Dynamik, Elan und Zielstrebigkeit abging, machte Werner einfach weiter. Er rannte und rannte und rannte. Und er erlief sich Pässe, die gar nicht zu erlaufen waren. Deutschland agierte fortan einfach frei nach dem Motto: "Ey, lass mal Timo Werner anspielen." Und schlecht war die Idee ja auch nicht, denn Werner weiß mit dem Ball einfach etwas anzufangen, wenn auch eher mit dem Fuß, als mit dem Kopf, wie er nach einer halben Stunde nachwies. Würde Werner seine Laufwege-Wut besser dosieren, wäre er ein Mann für 90 Minuten. Ab 62. Minute Mario Gomez (VfB Stuttgart, 75/31): Nein, so kennt man das eigentlich nicht: Der Gomez, der wird nicht tief geschickt, was soll er auch auf dem Flügel. Er ist 'nen Strafraumstürmer. Denkste. Erst lässt Müller ihn sprinten, dann Brandt – jeweils erfolgreich. Und seine Hereingaben? Nicht schlecht! Was fehlte, war ein Gomez in der Mitte.

Quelle: n-tv.de

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