Fußball-WM 2018

WM-Momente der n-tv.de-Reporter "Fuck racism" und der Jubel der Befreiung

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Die gesamte schwedische Mannschaft steht hinter Jimmy Durmaz - ein ganz wichtiger WM-Moment.

(Foto: dpa)

64 Spiele, eine Weltmeisterschaft und so unglaublich viele Geschichten - sportlich, menschlich, politisch: Die Fußball-WM in Russland ist abgepfiffen. Welche Stories bleiben in Erinnerung? Unsere Redakteure haben ihren persönlichen WM-Moment aufgeschrieben.

Underdogs und Gareth Southgate, Teufelskerl

Christian Herrmann: Mir ist kein einzelner Moment in Erinnerung geblieben, sondern eine Reihe von ähnlichen Momenten. Nämlich jene, in denen Underdogs wie Gastgeber Russland, Japan, Marokko, Mexiko oder Schweden den vermeintlichen Favoriten das Leben schwer gemacht haben. Mehr davon bitte! Ansonsten habe ich mich sehr gefreut, dass die Engländer mit Trainer Gareth Southgate auch dem Letzten klar gemacht haben, wie wichtig einstudierte Standardsituationen in einem Fußballspiel sein können. Dem Beispiel werden hoffentlich andere Trainer *hust* Joachim Löw *hust* folgen und vor dem nächsten großen Turnier ebenfalls in den USA bei NBA und NFL hospitieren.

Luftballons, Mückenstiche und befreiender Jubel

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Die iranischen Fußball-Fans lieferten schöne Bilder mit wichtiger Botschaft.

(Foto: imago/Xinhua)

Max Raudszus: Traumtore und Heldengrätschen hin oder her: Mich beeindruckt immer wieder auch das Spektakel der kleinen, ganz menschlichen Glanzlichter abseits des fußballartistischen Spielgeschehens. Da wedeln millionenschwere englische Topstars verzweifelt mit den Armen, um die Mücken von Wolgograd in Schach zu halten. Da demonstriert eine lachende, singende senegalesische Truppe mit einer Trainings-Tanzeinlage, welche Lebensfreude so ein Teamgeist entfachen kann. Da knallt sich ein belgischer Stürmer das Leder per Pfosten-Torekstase-Abschuss selbst auf die Zwölf - und lacht hinterher selbst am lautesten darüber. Und da muss ein brasilianischer Keeper den Kampf mit der Leichtigkeit eines riesigen, roten Luftballons aufnehmen. Vor allem aber offenbart auf den Zuschauertribünen der euphorische Jubel iranischer Frauen, welch befreiende Macht der Sport entfalten kann - und es bisweilen sogar tut.

"Fuck racism"

Tobias Nordmann: Wie abartig so eine Weltmeisterschaft auch sein kann. Wie beleidigend, wie asozial. Freunde, es ist immer noch Fußball. Und wäre der Fußball nur Fußball, so wären mir der spektakulär parierte Elfmeter des Engländers Jordan Pickford (samt Jubelekstase) im Achtelfinale gegen Kolumbien in Erinnerung geblieben oder auch der Ach-ich-scheiß-mich-um-nix-Strafstoß des Dänen Simon Kjaer ebenfalls im Achtelfinale gegen Kroatien. Aber der Fußball hat sich in Russland so politisiert wie lange nicht mehr. Er hat den Rassismus angezogen, wie es unangenehmer nicht sein könnte. Jedes Wort über Mesut Özil wird mit unreflektierter Hetze begleitet, anderswo werden Spieler rassistisch angefeindet, weil sie einen Fehler machen (wer da einen Zusammenhang sieht, ist völlig irregeleitet). Wie man dieser Perversion begegnen muss, haben die Schweden (im Fall von Freistoßverursacher Jimmy Durmaz) und die Brasilianer (nach Fernandinhos Eigentor) vorgemacht: Sie haben sich an die Seite des Attackierten gestellt. Die Schweden haben sich gar im Kollektiv gegen den abgesonderten Mist gestellt und vor laufenden Kameras ein "Fuck racism" gebrüllt. Mein-WM-Moment.

Island lässt Messi verzweifeln

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Lionel Messi sorgte für einen David-gegen-Goliath-Moment.

(Foto: imago/Bildbyran)

Sonja Gurris: WM-Debütant Island trifft in der Vorrunde auf den großen Favoriten aus Argentinien. Die Isländer bringen die Südamerikaner mit ihrer Spielweise und ihrem Einsatz fast zur Weißglut - das 1:1 ist eine gefühlte Niederlage für die Argentinier. Der schönste Moment dieses Spiels war für mich, als der große Spielmacher und Torjäger Lionel Messi dem isländischen Torwart Hannes Halldorsson am Elfmeterpunkt gegenübersteht - und verschießt. Der vermeintlich Kleine gewinnt gegen den Fußballgiganten im Duell Mann gegen Mann. Messis Blick, einfach unbezahlbar. Ein echter WM-Moment. Und die große Freude der Isländer war einfach nur sympathisch.

Wo bleibt die Selbstachtung?

Judith Günther: 64 Spiele gab es bei der WM, davon habe ich - freilich ohne Übertreibung - 63 gesehen (weil das Spiel um Platz drei nämlich wirklich keiner braucht). Sollte jetzt gar nicht so schwer sein, da etwas zu finden, das einen nachhaltig beeindruckt hat. Diesen einen WM-Moment, diese plötzliche Erkenntnis, was Fußball doch für ein geiler Sport ist. Dieses Mitfiebern, dieses Gefühl, Zeuge von etwas Großem zu werden. Live daheim am Bildschirm und trotzdem irgendwie gefühlt dabei. Nur, dass sich dieser Moment einfach nicht eingestellt hat. Wenn ich an die letzten fünfeinhalb Wochen zurückdenke, bleibt ein latentes Gefühl der Fassungslosigkeit. Im Englischen gibt es den schönen Ausdruck "Shithousery". Ein nebulöser Begriff aus dem Fußball, der vom Lamentieren und Reklamieren beim Schiedsrichter über Kopfstöße bis hin zu Zeitspiel reicht. Der das Neymar'sche Theater genauso umfasst wie das völlig überflüssige Ballverschleppen des jungen Kylian Mbappé. Kurzum all das, was einem auf dem Platz einen Vorteil schafft: Irgendwo an der Grenze des Tolerierten und weit über die Grenze des Tolerierbaren hinaus. Um das nicht falsch zu verstehen: Das ist kein reines WM-Problem, siehe Sergio Ramos und seine wüste Attacke auf Mohammed Salah. Aber irgendwo schlummert da doch noch die Illusion, dass es bei einer Weltmeisterschaft anders sein könnte. Würdiger. Weniger als Vorbild für andere, obwohl es mit Blick auf den Nachwuchsfußball sicher fragwürdig ist, was für Ideale da projiziert werden. Sondern aus Gründen der reinen Selbstachtung.

Japan verliert überragend

Anja Rau: Auf der einen Seite Riesen wie Romelu Lukaku und Marouane Fellaini, auf der anderen Seite zierliche Spieler wie Bundesliga-Legionär Genki Haraguchi. Auf der einen Seite der hochgelobte Geheimfavorit, auf der anderen Seite die Japaner, die es überhaupt nur dank der Fair-Play-Wertung ins WM-Achtelfinale geschafft haben. Belgien gegen Japan ist ein Spiel der Unterschiede, das vermeintlich am eindeutigsten ausgehende Achtelfinale. Was dann auf dem Rasen der Rostow-Arena passiert, ist eine mittlere Sensation. Japan gibt nichts auf Vorhersagen, führt plötzlich 2:0 und kann es selbst kaum fassen. Dass es dann in letzter Minute doch nicht zum Sieg reicht, ist fast tragisch. Überragend dagegen der Abschied der Japaner aus Russland: Erst räumen ihre Fans die Tribüne auf, dann die Mannschaft die Umkleidekabine. Zurück bleibt nur ein Schild: "Danke Russland."

Bierdusche auf die Ernüchterung

Michael Bauer: Das Spiel Deutschland gegen Schweden hab' ich in diesem Jahr auf dem Southside Festival gesehen - zusammen mit 15.000 Menschen vor einer großen LED-Wand. Als Toni Kroos den Freistoß in der Nachspielzeit verwandelt, entleeren sich alle Trinkbecher gleichzeitig - Bierdusche für alle. Mein WM-Moment kam aber erst danach. Im feinsten badischen Dialekt sagte ein Freund zu mir: "Mitch du haschd net gejubelt. Net beim Ausgleich, net bei Siegtor. Ich hab's gnau gesehn." Da hatte er recht. Nach zwei Vorrundenspielen hab' ich irgendwie realisiert: Das war über 180 Minuten insgesamt zu wenig. Weltmeister wird in diesem Jahr jemand anderes - Deutschland jedenfalls nicht.

Quelle: n-tv.de

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