Fußball-WM 2018

Der beste Kellner der WM Kroos kämpft brillant gegen sein Dilemma

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Toni Kroos: "Der Trainer muss mich für unverzichtbar halten."

(Foto: imago/Moritz Müller)

Das Publikum feiert Thomas Müller. Schließlich schießt der beim WM-Auftakt der DFB-Elf drei Tore gegen Portugal. Doch auch ein anderer Spieler überragt: Toni Kroos. Der Münchner ist auf gutem Weg, bei diesem Turnier sein Meisterstück zu liefern.

Er, ein "garçon", ein Kellner? Toni Kroos stutzt. "Wenn man das auf das Fußballerische übertragen will, kann man das gerne so sehen. Jetzt abends, wenn wir zusammen sitzen, bin ich nicht so gerne der Kellner." Zwei Tage nach dem furiosen WM-Auftakt gegen Portugal sitzt Kroos im Campo Bahia auf dem Pressepodium und müsste eigentlich zufrieden mit sich sein. Gegen die Portugiesen war er neben dem dreifachen Torschützen Thomas Müller und Mats Hummels der deutsche Spieler, der herausragte.

Fast jeder seiner Pässe kam dort an, wo sie ankommen sollten - 96 Prozent. Überragend. Er hat seinen Mitspielern immer wieder grandios den Ball serviert, ein Fußball-Kellner eben, wie man in Brasilien sagt. Kroos war sogar der Spieler, der am meisten gelaufen ist im deutschen Team, 11,7 Kilometer. Das hat ihn selbst überrascht, "das hab ich noch nicht so oft gehabt". Er war nah am perfekten Spiel, deshalb sitzt er jetzt auch da.

Nur: Perfekt zufrieden wirkt der Mittelfeldspieler vom FC Bayern nicht, und schuld sind diese Journalisten. Gleich am Anfang will einer wissen, warum er gegen Portugal so gut war - völlig überraschend so gut, wie der Kollege findet. "Dann haben Sie noch nicht so viele Spiele von mir gesehen." Ein anderer fragt, ob sich Kroos in der öffentlichen Wahrnehmung unterbewertet fühlt. "Im Großen und Ganzen nein. Das ist auch nicht mein erstes Ziel, daran etwas zu ändern." Im Großen und Ganzen nein, im Kleinen also doch?

Eines der größten Versprechen im deutschen Fußball

Das Nachspiel zur Partie gegen Portugal verdeutlicht das Dilemma, in dem sich der Fußballkünstler Kroos befindet. Für ihn sind Fußballspiele immer mehr als ein Duell mit dem Gegner. Sie sind auch ein Kampf um öffentliche Anerkennung. Als er in seinem zweiten Uefa-Cup-Spiel für den FC Bayern gegen Roter Stern Belgrad binnen zehn Minuten zum Matchwinner wurde, war er 17 Jahre alt. Seitdem gilt er als eines der größten Versprechen im deutschen Fußball. Seine Schusstechnik, seine Passsicherheit, seine Diagonalbälle lassen Trainer schwärmen, seit Jahren. Bundestrainer Joachim Löw hat eigens für Kroos den Begriff "Zwischenspieler" erfunden, weil er einfach nicht auf eine bestimmte Mittelfeldposition passte, aber trotzdem spielen sollte. Das ist es, was Kroos möchte: "Der Trainer muss mich für unverzichtbar halten."

Auch beim FC Bayern. Dort hat die mangelnde Wertschätzung, ausgedrückt in einem Spitzengehalt, seine Vertragsverlängerung bislang verhindert. Während sich Philipp Lahm und Thomas Müller vorm WM-Start dem Rekordmeister langfristig versprochen haben, gibt es bei Kroos keine Neuigkeiten. Also wird er weiter mit allen internationalen Topklubs in Verbindung gebracht. Stunden nach der Pressekonferenz wird in der Heimat vermeldet, dass Real Madrid um Kroos wirbt. Mit einem Mega-Gehalt.

Toni Kroos hat drei Meisterschaften, drei Pokale, die Champions League und die Klub-WM gewonnen, also alles, was es im Vereinsfußball zu erreichen gibt. Mit 24 Jahren hat er 45 Länderspiele absolviert, 10 mehr als Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus in diesem Alter. Kroos ist einer, der alles kann. Einer, der für alle sichtbar brilliert und begeistert, ist er nicht. Im Pokalfinale gegen Borussia Dortmund spielte und kämpfte Kroos herausragend im bayerischen Mittelfeld , dem Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger abhanden gekommen waren. In Erinnerung blieben neben dem Torklau für Dortmund die Teamkollegen Arjen Robben und Müller. Die Torschützen.

"Er geht jetzt auch jeden Tag zum Frühstück"

Hat Kroos sein Versprechen eingelöst? Auf jeden Fall leidet er immer noch darunter, dass er in großen Spielen oft phlegmatisch wirkte, nicht robust genug in der Abwehrarbeit. Vielleicht auch nicht interessiert genug. Wie im Halbfinale der Europameisterschaft 2012 als Bewacher von Andrea Pirlo. Und dass er im WM-Halbfinale 2010 diese eine deutsche Großchance nicht genutzt hat, mit der er die Partie gegen die klar überlegenen Spanier hätte kippen können. Nur: Damals war Kroos gerade 20, es war sein siebtes Länderspiel.

Im Campo Bahia ist es an Hansi Flick, die Stimmung aufzulockern. "Er hat eine absolut professionelle Einstellung. Er geht jetzt auch jeden Tag zum Frühstück. Unaufgefordert." Auch sonst ist Flick zufrieden. Die Ballsicherheit, die Fähigkeit, das Spiel mit seinen Pässen zu öffnen, alles vorbildlich. Gegen Portugal hat der Spezialist für den vorletzten Pass sogar zwei Tore vorbereitet. Eine "enorme Entwicklung" attestiert Flick dem Mittelfeldspieler, er hat nur einen Kritikpunkt: Bei der Torgefahr hapert es noch. Da ist es wieder, dieses Spanien.

Oder doch nicht? Schweinsteiger, in Verein und Nationalmannschaft ein Konkurrent von Kroos, ist nach seiner Verletzung aus der Startelf gerutscht. "Es ist vorher angesprochen worden, dass wir einen Topkader haben. Darüber freuen wir uns", sagt Kroos dazu. "Es ist aber auch klar, dass es immer wieder Härtefälle gibt." Kroos wird nicht dazugehören, deutet Flick an. Nach einer Saison auf "hohem Niveau" nennt er Kroos‘ Platz unter den ersten Elf "absolut berechtigt". Es klingt, als könnte die WM in Brasilien sein Turnier werden, der Durchbruch des Trainerlieblings in der öffentlichen Meinung. Wenn schon Kellner, dann doch bitte der beste der WM.

Quelle: ntv.de