Fußball-WM 2018

Vielleicht, bestimmt Weltmeister Löw zweifelt, Podolski geht steil

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Hätte, könnte, würde - zwischen Bundestrainer Joachim Löw und dem WM-Titel steht einiges im Konjunktiv.

(Foto: imago/Pressefoto Baumann)

Müller brennt, Özil gibt sich eine Auszeit, Boateng hilft aus, Klose fühlt sich zu schwach. Bundestrainer Löw sieht "viele, viele Fehler". Nach dem Remis gegen Kamerun lautet die Frage: Ist das gut genug für die WM?

Deutschland - Kamerun 2:2 (0:0)

Tore: 0:1 Eto'o (62.), 1:1 Müller (63.), 2:1 Schürrle (71.), 2:2 Choupo-Moting (78.)
Deutschland: Weidenfeller - Jérôme Boateng, Mertesacker, Hummels, Durm (ab 85. Höwedes) - Khedira (ab 73. Kramer), Toni Kroos - Thomas Müller, Özil (ab 63. Podolski), Reus, Götze (ab 58. Schürrle)
Kamerun: Itandje - Bedimo (58. Assu-Ekotto), Matip, Nkoulou, Djeugoue (84. Nyom) - Song, Mbia (46. N'Guemo), Enoh - Moukandjo, Eto'o (90.+2 Webo), Choupo-Moting
Schiedsrichter: Damir Skomina (Slowenien)
Zuschauer: 41.250 in Mönchengladbach

Wie steht's denn nun um die deutsche Fußballnationalelf? Hat sie beim 2:2 (0:0) im Testspiel gegen Kamerun gezeigt, dass sie gut genug ist, um bei der Weltmeisterschaft erfolgreich zu sein? Sie wollen den Titel gewinnen, zum vierten Mal in der Geschichte des DFB. Das haben Bundestrainer Joachim Löw und seine Spieler oft genug betont. Und Thomas Müller hatte vor der Partie dem Berliner "Tagesspiegel" gesagt: "Wir fahren nicht nach Brasilien, um Zweiter zu werden oder in der Vorrunde rauszufliegen." Tja.

Bei der Suche nach einer Antwort bietet es sich an, Arnd Zeigler zu zitieren. Der Moderator widmet sich stets sonntags im WDR der "wunderbaren Welt des Fußballs". Nun hat er sich eine Perücke aufgesetzt und mit Ekki Maas von der Band Erdmöbel unter dem Namen Udo Alexander ein grandioses Lied zur WM aufgenommen. Es heißt "Eventuell, vielleicht, bestimmt" und persifliert den nicht zuletzt vom DFB befeuerten Wahn, Deutschlands beste Fußballer müssten entweder wieder ein großes Turnier gewinnen oder das Ende aller Zeiten nahe. "Die Mannschaft ist bereit, jetzt fahr‘n wir da hin. Wenn alles klappt, dann wird uns alles gelingen. Wenn möglich, dann holen wir den Cup. Wenn nicht, dann reisen wir wieder ab." Könnte eventuell, vielleicht, bestimmt zutreffen.

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Wird Deutschland Fußball-Weltmeister?

Bei der Suche nach einer Antwort bietet es sich aber auch an, Volker Finke zuzustimmen. Der deutsche Trainer Kameruns redete, nach den WM-Chancen des DFB-Teams gefragt, erst umständlich um den heißen Brei herum, bevor er knallhart sein Urteil fällte: "Ich möchte da keine Bewertung abgeben." Er würde sich aber freuen, wenn es die Mannschaft bis ins Finale nach Rio de Janeiro schaffen würde. "Und so lange der Gegner dann nicht Kamerun heißt, drücke ich die Daumen, dass die Deutschen es auch gewinnen."

Sagen wir es so: Die 41.250 im nicht ausverkauften Stadion zu Mönchengladbach haben am Sonntagabend ein unterhaltsames Spiel gesehen, das die DFB-Elf hätte gewinnen können, wenn sie den Ball nicht so oft verloren und öfter ins Tor geschossen hätten, Gelegenheiten gab es viele. Und wenn sie bei den Treffern der Kameruner besser aufgepasst hätte. "Natürlich gab es Abstimmungsprobleme in der Defensive. Und natürlich müssen wir an unserer Chancenverwertung arbeiten", gab Löw zu. Nur wie macht man das? Fazit: Es geht besser. Aber es sind ja auch noch zwei Wochen hin, bis am 16. Juni in Salvador de Bahia mit der Partie gegen Portugal die WM für die Löw'schen Eleven beginnt. Apropos Auswahl: Drei Kandidaten muss der Trainer noch streichen. Die DFB-Elf in der Einzelkritik und die Antwort auf die Frage, wer eventuell, vielleicht, bestimmt dann doch noch aus dem Kader fliegt:

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Weidenfeller kann den Ball zum 0:1 von Eto'o (nicht im Bild) nicht halten. Moukandjo geht Richtung Ball.

(Foto: dpa)

Roman Weidenfeller: Der 33 Jahre alte Dortmunder musste in seinem zweiten Länderspiel gleich mit dem Anpfiff erkennen, dass er nur das zweitschönste Torwarttrikot an diesem lauen Sommerabend trug. Sein Toni-Schumacher-Gedächtnis-Gelb leuchtete zwar schön in der Abendsonne, aber nicht so grell wie das Pink des Kameruners Charles Itandje. Dennoch hat Weidenfeller seinen Platz in der WM-Reisegruppe sicher, das stand schon fest, bevor er in Mönchengladbach hielt, was zu halten war und sechs Minuten vor der Pause in höchster Not prima einen Schuss von Benjamin Moukando abwehrte. Er ist die Nummer zwei hinter dem angeschlagenen Münchner Manuel Neuer und vor Hannovers Ron-Robert Zieler.

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Thomas Müller und Jerome Boateng freuen sich nach dem 1:1-Ausgleich.

(Foto: imago/Contrast)

Jérôme Boateng: Der Dortmunder Kevin Großkreutz oder der Schalker Benedikt Höwedes? So lautete die Frage vor der Partie. Der Bundestrainer antwortete auf seine Weise und betraute den 25 Jahre alten Münchner mit dem Job als rechter Außenverteidiger. Eine Position, die Boateng so gar nicht mag. Oft genug hat er betont, dass er am allerliebsten innen verteidigt. So aber kam er immerhin zu seinem 37. Länderspiel, wirkte manchmal etwas zu zögerlich, vor allem beim 2:2 des Noch-Mainzers Eric Maxim Choupo-Moting - lieferte aber auch die Vorlage zum 1:1 durch Thomas Müller. Hinterher brummelte Boateng als Antwort auf die Frage, ob er nun auch in Brasilien den Aushilfskellner geben müsse: "Es ist noch Zeit. Der Trainer entscheidet." Wahrscheinlich hofft er, dass Philipp Lahm bis dahin wieder fit ist und den Job übernimmt. Es sei denn, der Kapitän spielt im defensiven Mittelfeld. Großkreutz und Höwedes, der die letzten fünf Minuten dann doch noch spielte, müssen sich hingegen fragen, was die Antwort Löws für sie und ihre Chancen auf die Weltmeisterschaft bedeutet. Eventuell? Vielleicht? Bestimmt?

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(Foto: dpa)

Per Mertesacker: Der 29 Jahre alte Innenverteidiger des FC Arsenal ist nicht nur inoffizieller Abwehrchef, gegen Kamerun war er in seinem 97. Länderspiel - wie schon im November beim 1:0 in Wembley gegen England - auch ganz offiziell Kapitän seiner Mannschaft, da die Münchner Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger aus gesundheitlichen Gründen verhindert waren. Mertesacker spielte souverän wie stets in jüngster Zeit. Er kümmerte sich hauptamtlich um Kameruns Superstar Samuel Eto'o, meist erfolgreich. Nur beim 0:1 sah Mertesacker nicht ganz so gut aus. Bügelte ansonsten aus, was die Kollegen Kroos und Khedira im defensiven Mittelfeld verbockten und hätte nach vier Minuten beinahe seine Elf in Führung gebracht. Doch sein Kopfball nach einer Flanke von Marco Reus streifte nur die Latte. Kurzum: Mertesacker wird auch in Brasilien die Abwehr dirigieren.

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(Foto: AP)

Mats Hummels: Der 25 Jahre alte Dortmunder verteidigte in seinem 29. Länderspiel dort, wo Boateng gerne verteidigt hätte - zentral neben Abwehrchef Mertesacker. Hatte wie sein Kollege seine schlechteste Szene beim Tor von Eto’o, agierte ansonsten wie sein Kollege stark im Zweikampf und im Kopfballspiel. Und Jeróme Boateng könnte mal darüber nachdenken, dass ihm seine Vielseitigkeit vielleicht sehr bald zugutekommt - wenn zum Beispiel am 16. Juni gegen Portugal Mertesacker und Hummels zentral verteidigen und in der Startelf nur noch der Platz des rechten Außenverteidigers vakant ist. Für den Freiburger Matthias Ginter und Shkodran Mustafi von Sampdoria Genua sind das eher schlechte Nachrichten. Beide Innenverteidiger kamen gegen Kamerun nicht zum Zug, beide stehen auf der Streichliste ganz oben. Und das eher bestimmt als eventuell.

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(Foto: dpa)

Erik Durm: Debüt, Debüt, Debüt! Und der 22 Jahre alte Dortmunder machte seine Sache am linken Ende der Viererabwehrkette richtig gut, verteidigte unaufgeregt und spielte bar jeglicher Nervosität ganz und gar nicht wie einer, der erst 19 Bundesligaspiele und 7 Partien in der Champions League absolviert hat. "Ich nehme meinen Aufstieg von der dritten Liga in die Nationalmannschaft schon wahr", kommentierte er anschließend. Und verriet, dass er seinen Sommerurlaub schon vor der Berufung in den vorläufigen Kader gebucht hatte. "Am 28. Mai wäre es eigentlich nach Miami gegangen. Aber das habe ich gerne abgesagt." Wir legen uns fest: Er sitzt am 7. Juni im Flugzeug nach Brasilien. Vielleicht mit seinem Vereinskollegen Marcel Schmelzer, der nach seiner Knieprellung noch nicht wieder spielen konnte. Für Durm kam die letzten fünf Minuten der 26 Jahre alte Schalker Benedikt Höwedes zum Einsatz und somit zu seinem 20. Länderspiel. Auch er darf noch hoffen, schließlich ist er flexibel, rechts wie links einsetzbar und auch zentral.

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(Foto: imago/mika)

Sami Khedira: Eigentlich ist es ein mittleres Wunder, dass der 26 Jahre alte Mittelfeldspieler von Real Madrid ein halbes Jahr nach seinem Kreuzbandriss überhaupt auf dem Platz stand und so zu seinem 45. Länderspiel kam. Gerechnet hatte damit nach der Verletzung lange keiner. Einerseits. Andererseits ist er auf der Sechserposition vor der Abwehr noch lange nicht der dynamische Antreiber, der er mal war. Aber der Bundestrainer hat ihn für unverzichtbar erklärt und wird nicht müde zu betonen, dass sein Lieblingsspieler schon noch rechtzeitig ganz gesund werden wird. "Es ist völlig normal, dass er noch nicht im Vollbesitz aller seiner Kräfte sein kann." Gegen Kamerun wirkte er gehemmt, zurückhaltend im Zweikampf, setzte kaum Impulse im Offensivspiel. Nach 73 Minuten kam der 23 Jahre alte Mönchengladbacher Christoph Kramer für Khedira auf den Rasen und zu seinem zweiten Einsatz in der DFB-Elf. Unser Tipp: Er ist Löws Back-up-Mann für die WM.

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(Foto: REUTERS)

Toni Kroos: Kam in seinem 43. Länderspiel als Nebenmann Khediras auf der Doppelsechs zum Einsatz und übernahm, weil er eh lieber weiter vorne spielt, den offensiveren Part. Tat das lauffreudig und mit vielen klugen Pässen, auch wenn sein Eifer nach der Pause etwas nachließ. Auch dem 24 Jahre alten Münchner könnte seine Vielseitigkeit helfen, zum Beispiel wenn Schweinsteiger, Löws Wunschspieler auf dieser Position im Maschinenraum der DFB-Elf, trotz aller Beteuerungen doch nicht rechtzeitig zur WM in Form kommt.

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(Foto: dpa)

Thomas Müller: Der 24 Jahre alte Münchner war in seinem 48. Länderspiel der beste deutsche Angriffsspieler. Und das nicht nur, weil er nach einer Flanke Boatengs das 1:1 erzielte. Er spielte wie einer, der brennt, der nicht nach Brasilien fliegt, um Zweiter zu werden. Er beackerte schwungvoll die rechte Seite, lief aber auch über die linke Flanke, agierte nach Mario Götzes Auswechslung als Teilzeitarbeiter in der Sturmspitze und war nach der Auswechslung Mesut Özils auch in der Kreativzentrale unterwegs. Müller war überall - und dass er zur WM fährt, hat er ja schon gesagt.

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(Foto: dpa)

Mesut Özil: Zehn lange Tage war nichts von ihm zu hören. Für die Schlagzeilen aus Südtirol sorgten andere, der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler des FC Arsenal aber trainierte offenbar still vor sich hin. Gegen Kamerun war in seinem 54. Länderspiel 66 lange Minuten wenig bis nichts von ihm zu sehen. Vielleicht hätte er einfach nach 43 Sekunden das 1:0 machen und nicht den Ball arg lässig neben das Tor der Kameruner schießen sollen. Vielleicht wäre es dann besser gelaufen. Aber Özil ist keiner, der sich sichtbar zusammenrauft, wenn es nicht so gut läuft. Als der Bundestrainer ihn nach einer guten Stunde erlöste und Vereinskollege Lukas Podolski auf den Rasen schickte, pfiffen die Zuschauer. Nicht alle, aber viele. Und das nicht, weil der Niederrheiner an sich nicht goutiert, dass Podolski früher für den 1. FC Köln gespielt hat. Der noch bis zum 4. Juni 28-Jährige ging dann prompt vier Minuten nach seiner Einwechslung auf der linken Seite steil und bereitete in bester Podolski-Manier das 2:1 durch André Schürrle vor. Viel besser hätte sein 113. Länderspiel nicht beginnen können. Außer mit einem Platz in der Startelf. In Brasilien aber ist er dabei. Schließlich weiß er nach zwei Weltmeisterschaften, worauf es ankommt: "Wichtig ist es, dass wir beim ersten WM-Spiel da sind. Und wir werden da sein." Özil darf natürlich auch mit.

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(Foto: AP)

Marco Reus: Es ist überflüssig, zu erwähnen, dass der 25 Jahre alte Dortmunder ein ganz hervorragender Fußballspieler ist. Zudem noch einer, der topfit und in hervorragender Form ist. Allerdings ist es nach seinem 20. Länderspiel auch überflüssig, zu erwähnen, dass er einer derer ist, den der Bundestrainer gemeint hat, als er davon sprach, man müsse an der Chancenverwertung arbeiten. Dennoch ist Reus vielleicht der Spieler dieser hochbegabten deutschen Mannschaft, der die besten Voraussetzungen hat, einer der Stars dieser Weltmeisterschaft zu werden. Wenn einer die Hoffnungen der DFB-Elf trägt, dann ist es Marco Reus. Also ab zum Torschusstraining.

Mario Götze: Der bis morgen noch 21 Jahre alte Münchner stand in seinem 28. Länderspiel als falsche Neun in der Startelf, entpuppte sich aber eher als unsichtbare Neun - nachdem er zu Beginn an zwei guten Chancen beteiligt war und nach artistischer Vorlage von Thomas Müller den Ball an den Pfosten des Kameruner Tores geschossen hatte. Für ihn kam nach einer knappen Stunde der 23 Jahre alte André Schürrle vom FC Chelsea in die Partie, zu seinem 32. Spiel - und zu seinem zwölften Tor. Interessant war auch, wer nicht spielte. Kevin Volland zum Beispiel, dabei wird der Hoffenheimer doch als Angreifer geführt. Dass Joachim Löw ihm nicht die Chance gab, sich nach seinem Debüt beim 0:0 gegen Polen noch einmal zu präsentieren, lässt eventuell darauf schließen, dass er auch bei der WM auf ihn verzichtet. Im Gegensatz zu Miroslav Klose. Der Teamsenior von Lazio Rom ist gesetzt. Aber ist er auch fit? Der Bundestrainer berichtete, Klose sei nach den harten Einheiten im Südtiroler Trainingslager "körperlich ein bisschen in ein Loch gefallen". Hört sich nicht gut an. Aber eventuell, vielleicht, bestimmt kommt er aus dem Loch auch wieder raus.

Quelle: ntv.de

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