Fußball-WM 2018

WM-Bankrott im "Verliererboot" Neuer teilt aus, Müller warnt, Löw leidet

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Ein sichtlich erschütterter und vollends entthronter WM-Torschützenkönig Thomas Müller warnt vor zu heftiger Grundsatzkritik.

(Foto: imago/ActionPictures)

Die deutsche WM-Blamage reißt tiefe Wunden. Löw stellt seine Zukunft infrage, Neuer mischt Bitterkeit in seine Desaster-Analyse. Müller will nicht "zu viel Glas zerbrechen", denn: "Wir sitzen alle im Verliererboot."

Auch im schwierigsten Moment seiner Karriere behielt Joachim Löw die Contenance. Als alles verloren war und der Bundestrainer nach dem desaströsen 0:2 (0:0) gegen Südkorea erklären sollte, wie die deutsche Fußball-Nationalelf als Titelverteidiger bei der Weltmeisterschaft in Russland schon in der Vorrunde krachend scheitern konnte, galten seine ersten Worte den Gegnern. Den trotz WM-K.-o. seligen Südkoreanern gratulierte er, klar. Aber auch den Mexikanern und Schweden, die nun im Achtelfinale gegen Brasilien und die Schweiz antreten - während seine DFB-Elf so früh wie nie zuvor in der WM-Historie aus dem Turnier geflogen ist. Nach drei Spielen. Als amtierender Weltmeister. Als Letzter der Gruppe F. Mit drei kümmerlichen Punkten und zwei mickrigen Toren.

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Kapitän Neuer wird nach dem WM-Aus deutlich.

(Foto: REUTERS)

Und dann sagte Löw noch das, was angesichts dieser Bilanz des Schreckens und der nicht minder erschreckenden Leistungen in Russland offensichtlich gewesen war, aber wohl doch noch einmal gesagt werden musste, weil es das ganze deutsche WM-Dilemma zusammenfasste: "Wir haben es in dieser Gruppe nicht verdient."

Trotz allgemeiner deutscher Rat- und Fassungslosigkeit: Darin immerhin bestand Einigkeit im DFB-Tross, auch bei Kapitän Manuel Neuer. Er mischte nur anders als Löw und seine Teamkollegen ein, zwei Tropfen ätzende Bitterkeit in seine Desaster-Analyse. Als wollte er nach dem "Fiasko totale" bestätigen, was er schon nach dem "Fiasko Mexicana" gesagt hatte: dass die DFB-Kicker selbst ihre schärfsten Kritiker seien. "Man hat nie gemerkt, dass wir hier eine Weltmeisterschaft spielen und dass wir hier eine Mannschaft auf dem Platz haben, vor der man richtig großen Respekt hat, gegen die man einfach ungern spielt", bilanzierte Neuer.

"Jeder hätte gerne gegen uns gespielt"

Als härtesten Satz dieses Horror-Abends formulierte er aber: "Selbst wenn wir jetzt weitergekommen wären, hätte jeder gerne gegen uns gespielt." Jeder Gegner habe einfach "auf unsere Fehler gewartet. Sie wussten, dass sie ihre Chancen und Möglichkeiten bekommen". Das Aus, die Art und Weise, das sei einfach "bitter und erbärmlich". Widerspruch für Neuers Bankrotterklärung gab es keinen. Wie auch?

Mexiko, Schweden, Südkorea – wer hätte trotz der WM-Testspielflops gegen Österreich und Saudi-Arabien noch vor zwei Wochen gedacht, dass diese Gruppenkonstellation die deutschen Fußballer und ihren Weltmeistertrainer Löw vor eine nicht zu lösende Aufgabe stellen könnte? Den Titelverteidiger, der die WM als historisches Projekt angegangen war und mit dem Premieren-Blitz-K.-o. nun tatsächlich deutsche Fußballgeschichte geschrieben hat, blamiert. Neuer jedenfalls nicht, stellte er klar: "Ein Turnier wie eine WM findet alle vier Jahre statt. Man wartet auf dieses große Event und arbeitet so hart darauf hin, um diese Spiele machen zu dürfen. Dass wir dann so eine Leistung hier zeigen und in der Vorrunde ausscheiden bei dieser Gruppe, habe ich bei einer deutschen Mannschaft noch nie erlebt." Warum das so gekommen sei, "kann ich nicht zu 100 Prozent beantworten", sagte Neuer. Die Schuld trage aber nicht der Trainer, sondern das Team: "Wir haben's verbockt, wir haben's gemeinsam verbockt."

"Nicht am Willen und am Wollen gescheitert"

Auch Löw schien ernsthaft erschüttert. Er bat um Nachsicht dafür, so kurz nach dem Debakel noch nicht benennen zu können, warum es nicht gereicht hat. "Im Moment ist es schwierig, etwas zu den Gründen zu sagen. Die Enttäuschung, dass wir ausgeschieden sind, ist riesengroß." Und dann fügte er noch an: "Wir sind sicher nicht am Willen und am Wollen gescheitert." Übersetzt sollte das heißen: Seine Mannschaft hatte sich bemüht, mehr aber auch nicht. "Die Leichtigkeit hat gefehlt, die spielerische Klasse und auch die Dynamik", beschrieb er die offensichtlichen Mängel im deutschen Spiel, die 2018 in praktisch allen deutschen Spielen zu bestaunen gewesen waren.

Aber, betonte Löw: Es habe nicht daran gelegen, dass die Bürde des Titelträgers zu schwer gewogen habe. "Wir waren darauf eingestellt, dass wir gejagt werden, dass die Gegner mit dem Messer zwischen den Zähnen gegen uns antreten", sagte der Bundestrainer. Die Frage ist nur, warum seine Mannschaft diese Einstellung nicht gezeigt hatte. Und warum sie sich am Ende nicht einmal mehr richtig gewehrt hatte.

Als nach einer Stunde Spielzeit die Schweden gegen Mexiko führten und in der Kasan-Arena die Dringlichkeit eines deutschen Tores gegen Südkorea immer größer wurde, taumelte die DFB-Elf hilflos dem Abgrund entgegen. Die einfachsten Sachen klappten nicht mehr, die Spieler ließen Bälle bei der Annahme verspringen, spielten Pässe ins Nirwana und präsentieren sich als kopfloser Haufen, nicht als Mannschaft. Und als die Südkoreaner dann zum ersten Mal trafen, in der Nachspielzeit per abgefälschtem Schuss und Videobeweis, peitschte der eingewechselte Thomas Müller zwar wie besessen die Mitspieler noch einmal nach vorn, stürmte Abwehrchef Mats Hummels zwar weiter wie ein Mittelstürmer. Aber für Löw war es da verloren, vorbei: "Wir waren moralisch tot nach diesem Gegentor. Klar, wir wussten, dass wir keine Chance mehr haben." Dem Bundestrainer war der #zsmmnbrch mit Ansage also nicht entgangen. Nur, was sollte er dazu sagen? Er sagte letztlich: "Wir haben nicht die spielerische Klasse gezeigt, die wir sonst haben. Wir haben nicht das gezeigt, was wir normalerweise können. Wir müssen das akzeptieren und unsere Niederlage eingestehen." Ja, was denn sonst?

"Ich bin jetzt auch geschockt"

Zu seiner beruflichen Zukunft befragt, wollte er sich klugerweise nicht äußern, zumindest nicht konkret. "Das ist jetzt schwierig zu sagen. Ich bin jetzt auch geschockt." Vom Rücktritt aus seinem bis 2022 laufenden Vertrag sprach er zwar nicht explizit. Er sagte aber, er wolle erst einmal nachdenken, sich sammeln. "Ich denke, da muss man mal in Ruhe drüber reden." Zu einer kämpferischen Aussage mochte er sich nicht hinreißen lassen, dazu fehlte ihm wohl auch die Kraft. Nur so viel zum Scheitern: "Ich trage die Verantwortung dafür und stehe auch dazu." Während also der Bundestrainer an diesem frühen Mittwochabend im kinoähnlichen Pressekonferenzsaal ganz staatsmännisch die Verantwortung für das Debakel übernahm, wurde auch Thomas Müller nebenan in der Mixed-Zone anders als Neuer zum Diplomaten.

Der WM-torlose Münchner, sonst auch in der Niederlage selten um einen flotten Spruch verlegen, warnte nach dem Aus auf Neuers Grundsatzkritik angesprochen: "Wir müssen schauen, dass wir jetzt nicht zu viel Glas zerbrechen." Man müsse das alles erstmal verarbeiten, "direkt nach dem Spiel sind alle auch hochemotional". Grundsätzlich sei es so: "Wir sitzen alle im Verliererboot." Und wenngleich Zukunftsfragen zwar verständlich, aber so kurz nach dem Spiel einfach nicht zielführend seien, ließ Müller wissen: "Ich bin letztlich von dem Weg von Joachim Löw überzeugt." Laut Neuer müssten jetzt aber erst einmal alle untereinander reden und dann schauen, "was der Trainer auch möchte".

Wenn es nach DFB-Teammanager Oliver Bierhoff geht, kann die Antwort nur lauten: bleiben. Er gehe "fest davon aus", dass Löw weitermache: "Und dann müssen wir wieder angreifen." Es klang nach diesem Abend ein wenig wie das Pfeifen im Walde von Watutinki.

Quelle: n-tv.de