Fußball-WM 2018

Die Lehren aus der WM Schamlos, theatralisch, anti - und erfolgreich

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Neymars Theater ist nur die Spitze.

(Foto: AP)

Weltmeister ist, wer die Königsregel des Fußballs beherrscht. Allerdings leidet in Russland der Niveau-Standard. Auch weil das Fairplay ad absurdum geführt wird. Dabei hätte die Fifa Mittel dagegen.

Der "Anti-Fußball" gewinnt

Die Erwartungshaltung an eine Fußball-Weltmeisterschaft ist meistens ziemlich eindeutig formuliert. Am besten gewinnt die eigene Nationalmannschaft, spannend muss es sein und wenns richtig gut läuft, euphorisieren die 32 Teilnehmer den Zuschauer mit ästhetisch anspruchsvollem Offensivfußball. Beste Unterhaltung zur Primetime eben. Nur dass die Vorstellung halt relativ wenig mit der Realität zu tun hat. Man kann nach Sichtung der 64 Spiele guten Gewissens auf die wohl floskeligste aller Fußballfloskeln verweisen: Defense wins Championships. Weltmeister wird, wer die Königsregel des Turnierfußballs am besten beherrscht. Und das war nun einmal Frankreich. Das mag manch einer als ziemliche Sauerei bezeichnen, beispielsweise Belgiens Torhüter Thibaut Courtois, der über die Franzosen schimpfte, sie hätten "Anti-Fußball" gespielt, oder sein Teamkollege Eden Hazard, der "lieber mit dieser belgischen Mannschaft verliert, als mit der französischen zu gewinnen". Allerdings ist das a) ziemlich naiv und b) tut es der Équipe Tricolore auch ein bisschen Unrecht. Mal abgesehen davon, dass das wirklich umfassende Regelwerk der Fifa an keiner Stelle das Verteidigen verbietet, ist es ja so, dass die Franzosen bei der WM durchaus Erstaunliches gezeigt haben. Nämlich eine neue Art des Defensivspiels, die bei den normalerweise über alle Zweifel erhabenen Kollegen der "Süddeutschen Zeitung" bereits als magisch tituliert worden ist.

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Giroud als Extra-Verteidiger - ein zulässiges Mittel.

(Foto: imago/Contrast)

Trainer Didier Deschamps hat es geschafft, sein Team zu einer verteidigenden Einheit zu formen, im Halbfinale gegen die unterlegenen Belgier half sogar Stürmer Oliver Giroud vor dem eigenen Strafraum beim Abräumen. Die Schlüsselposition der französischen Art de défendre besetzt jedoch N'Golo Kanté, der mit seinem Spielverständnis und seiner Antizipation ein echtes Phänomen ist. Immer wieder wuselte der nur 1,68 Meter große defensive Mittelfeldspieler dazwischen, lief Räume, eroberte Bälle und kam dabei meistens sogar ohne Foul aus. Kanté, der nur im Finale etwas neben der Spur war, ist so was wie die personifizierte französische Defensivkunst. Einer, den du immer in deinem Team haben willst. Einer, der dich zum Weltmeister macht. Denn auch wenn die Ronaldos, Messis, Kanes dieser Welt bei der WM ab und an ihr Genie durchblitzen ließen und Spiele im Alleingang entschieden: Für den Titel reicht das im Normalfall nicht.

Ist Standard der neue Standard?

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Der berühmte "Kane-Trane" - diesmal ungefährlich.

(Foto: REUTERS)

Auf total hinausgefallene Varianten wie den legendären Müller‘schen "Malediven-Trick" oder direkt ins Tor geschnittene Cardoso-Ecken mussten WM-Fans in Russland verzichten. Dafür durften sie vor Ecken für England den "Kane Train" (Kane-Zug) bestaunen. Der sah nicht nur gut aus, er brachte bis ins WM-Viertelfinale auch regelmäßig die gegnerischen Abwehren zum Entgleisen. Neun Tore nach ruhenden Bällen erzielten Gareth Southgates raffinierte "Ecken-Könige" (Fifa) in Russland, neuer WM-Rekord. Insgesamt fielen 72 der 175 WM-Tore nach Standards, bei der WM 2014 war es nur ein Viertel gewesen. Ein neuer Tortrend? Definitiv. Eine neue Torerkenntnis? Definitiv nicht, würde Bundestrainer Joachim Löw sagen, wenn er nicht gerade das deutsche WM-Debakel ehrlich analysieren müsste. Er hatte sich schon vor der WM 2014 von ruhenden Bällen als "gute Waffe" überzeugen lassen, in Brasilien wurde Deutschland schon auch ein bisschen Standardweltmeister. In Russland kam die Löw-Elf nun auf den beachtlichen Standardtor-Anteil von 50 Prozent, leider schoss sie insgesamt nur zwei Tore.

Unübersehbar war allerdings nicht nur im deutschen, sondern auch im englischen Spiel: Den Niveau-Standard heben auch niveauvolle Standardtore nicht. Fifa-Experte Andy Roxburgh wollte zwar den Taktikgeist Josep Guardiolas bei der WM entdeckt haben mit "hochintensivem Pressing", "rasanten Aktionen", "Gedankenschnelligkeit". Taktisch galt für diese WM aber vom Brasilien-Belgien-Kracher abgesehen: Effizienz ja, wozu neben Raffinesse auch der Videobeweis als probates Mittel gegen unlautere Standardtaktiken (Wrestling, Trikottest) zur Standardtorverhinderung beitrug. Evolution? Leider nein! Weltmeister und ZDF-Experte Christoph Kramer fasste die Sache so zusammen: "Inzwischen stehen fast alle Teams defensiv gut, es wird immer schwerer, offensiv etwas zu kreieren."

Wer Erfolg haben will, muss innovativ sein

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Der Ballbesitz-Fußball ist - so wie er ist - nicht mehr zeitgemäß.

(Foto: imago/Laci Perenyi)

Schwerer ja, aber sicher nicht unmöglich. Das haben Teams wie Belgien gezeigt, indem sie den klassischen Ballbesitzfußball bei der WM auf eine neue Ebene gehoben hoben. Naja, was heißt neu - im Guardiola'schen Verständnis ist das, was Hazard, De Bruyne und Co. gezeigt haben, El Toque - also rasantes Schnellpassspiel - in Reinform. Das hatte schon den FC Barcelona oder (in Ansätzen) Manchester City so unfassbar erfolgreich gemacht und löst bei Fußballfreunden rund um den Erdball noch heute Schnappatmung aus. Dringend gewarnt werden muss allerdings vor dem Ballbesitzfußball als Selbstzweck, wie bei der DFB-Elf und den Spaniern zu beobachten war. Wer nicht passt, um Räume zu erschließen, Tempowechsel einstreut, Kleingruppenlösungen findet und ins Dribbling geht, wird keinen Erfolg haben. Mal ganz davon abgesehen, dass das monotone Ballgeschiebe beim zuschauenden Beobachter nichts als Frustration auslöst. Wer die gegnerischen Abwehrriegel knacken will, muss Kreativität und Flexibilität mitbringen. Muss gedanklich immer schon einen Schritt weiter sein als der defensive Gegenspieler. Ganz fantastisch war das beispielsweise an Eden Hazard zu beobachten, der mitunter zu wissen schien, wo er den Pass als Übernächstes hinspielen will.

Die deutsche Elf wird nicht plötzlich anfangen, Konterfußball im Stile des FC Liverpool zu spielen, genau so wenig wie die Spanier. Dazu besteht auch kein Anlass. Das System per se ist nicht schlecht, es bedarf keiner grundlegenden Revolution. Doch wenn der Weltmeister von 2014 bei der kommenden Europameisterschaft in zwei Jahren eine echte Titelchance haben will, muss die Innovationslücke zur europäischen Spitze geschlossen werden. Ansonsten machen Frankreich, England, Belgien und Kroatien auch diesen Titel unter sich aus.

Das Gegenteil von "gut" ist "gut gemeint"

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Japan profitiert vom Fairplay - und führt die Regel ad absurdum.

(Foto: AP)

Um ein Haar hätte die vielleicht umstrittenste Regel der WM sogar Deutschland erwischt: die sogenannte Fairplay-Regel. In Kasan musste der gesperrte Jérôme Boateng von der Tribüne aus mitbangen, ob die DFB-Elf nicht womöglich wegen seiner Gelb-Roten Karte die Heimreise antreten müsse. Dazu ist es bekanntermaßen nicht gekommen, das hatte die Löw-Elf durch die Niederlage gegen Südkorea aus eigener Kraft geschafft. So traf die Fifa-Willkür am Ende die leidenschaftlichen Senegalesen: Als erste Mannschaft überhaupt mussten sie die WM aufgrund der Fairplay-Regel verlassen. In der Gruppe punkt-, tordifferenz- und torgleich mit Japan, gegen die es im direkten Vergleich ein 2:2 gab, zogen Sadio Mané und Co. den Kürzeren, weil die Asiaten zwei Gelbe Karten weniger kassiert hatten. So weit, so regelkonform, so lobens- und ehrenwert: Ein Verfahren, das neben Toren und Siegen auch noch faires Verhalten und geschickte Zweikampfführung honoriert, kann dem Fußball in der Theorie nur guttun.

Nun aber kommt der ganz große, teuflisch bittere Haken an der Sache: Die "Fairplay"-Japaner zogen ins Achtelfinale ein, nachdem sie beim für sie passenden Spielstand (0:1) im eigenen letzten Spiel gegen Polen und mit dem Wissen des ebenfalls passenden Spielstandes der parallel verlierenden Senegalesen (0:1 gegen Kolumbien) geschlagene 15 Minuten lang nur noch den Ball durch die eigene Hälfte kullern ließen. Was eben nicht mehr ganz so fair anmutete. Ja, zugegeben, das famose Spektakel, das sich anschließend im K.-o.-Duell mit Belgien bot, hätten wir bei diesem Turnier nicht missen wollen. Der Weg der Japaner zu diesem Knallerspiel allerdings führte eine eigentlich sehr anständige Fußnote der Fifa-Regularien im Millionenspiel WM bitterböse ad absurdum.

Der Fußball macht das Theater möglich

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Wir haben uns ja bereits über die unfaire Fairplay-Regel echauffiert und mit erhobenem Finger dringend Reformen angemahnt. Beim Fairermachen der Fairplay-Regel darf es das International Football Association Board (Ifab) natürlich nicht belassen. Unbedingt eingeführt werden muss auch die Würdigung herausragender Fußballschauspiel-Künste direkt im Spiel. Mit der Verpflichtung für Neymar (den Preisträger), die überlebensgroße goldene Fußballbeere bis Spielende ehrenhaft bei sich zu tragen. Das lobenswerte "Play fair"-Strategiepapier des Ifab weist diesbezüglich leider eklatante Lücken auf.

Weiter ist man schon beim Zeitspiel, eines der großen Ärgernisse des modernen Fußballs. Weil es nervt, weil es Kylian Mbappe gar nicht nötig hat - und weil es ganz einfach zu vermeiden wäre. Neben schon bei dieser WM praktizierten Konzepten wie jenem, bei Zeitspiel einfach länger nachspielen zu lassen (was allerdings nicht zwingend das Problem von Zeitspiel in der Nachspielzeit löst), oder dem Vorschlag, Auswechslungen nicht nur an der Mittellinie zu genehmigen und Abschläge auch bei nicht ruhendem Ball zu erlauben, gibt es einen hochspannenden Diskussionsvorschlag: die Einführung einer effektiven Spielzeit. Die liegt laut Statistikern im Moment bei gerade einmal 60 Minuten. Entweder, indem vor der Halbzeit und vor Spielende bei Unterbrechungen jeweils die Uhr gestoppt wird oder indem immer die Uhr gestoppt wird, da eine Nettospielzeit von beispielsweise zweimal 30 Minuten festgelegt wird. Das hätte den Charme, auch akute Zeitspielattacken in Rückspielen von Pokalwettbewerben zu unterbinden (Inter Mailands Torwart Julia Cesar musste einst schon in Minute 2 ermahnt werden).

Klingt revolutionär? Wäre es auch - für den Fußball. In vielen anderen Sportarten ist es längst Usus. Eigentlich, da hat die "Süddeutsche Zeitung" völlig recht, ist es "faszinierend, dass der Fußball den Spielern immer noch die Möglichkeit gibt, überhaupt so ein Theater zu veranstalten."

Quelle: n-tv.de

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