Fußball-WM 2018

Frankreich tüftelt am Titeltraum Urlaubspost vom Sommermärchen

1c39455067ba33ba714a8cdd3448e0d8.jpg

Kennen- und lieben gelernt: Frankreich und seine Fußballer.

(Foto: imago/Kyodo News)

Unser Autor macht seit Beginn der Vorrunde der Fußball-WM Urlaub. Den größten Teil davon ist er in Frankreich unterwegs. Und er erlebt, wie sich ein ganzes Land seiner Mannschaft zuwendet. Hier sein Urlaubsgruß.

Liebes Deutschland,

es ist sehr schön hier, das Essen schmeckt gut und wir sind alle schon sehr braungebrannt.

Wie geht es Euch? Habt Ihr das Ausscheiden verkraftet? Steht in Berlin immer noch vor jedem Späti ein Fernseher - oder ist Fußball nun Nebensache, wo Jogi & Co. in den Ferien die WM zu vergessen suchen? Diskutiert Ihr immer noch über Özil & Gündogan? Oder über diesen grauhaarigen Mann, der die Verfassung schützen soll, aber selbst nicht in der allerbesten Verfassung ist?

imago35329403h.jpg

Frankreich - Dänemark: Ein echter Grottenkick.

(Foto: imago/Newspix)

Nun gut, ich wollte ja von unserem Urlaub berichten. Angefangen hat der während der Vorrunde in Italien, in einem kleinen Nest in Ligurien. Ich war in diesem Nest am Meer schon mal bei der WM vor vier Jahren. Da gab es viele Fernseher in den Bars und Restaurants und viele Tifosi, die in Trikots der "Squadra Azzura" zujubelten. Diesmal hab ich erst nach stundenlangem Suchen eine Bar gefunden, die einen winzigen Röhrenfernseher hatte - und ich musste den Wirt erst nachhaltig bitten, doch vom Musiksender auf Mediaset umzustellen, denn da lief die WM. Sehr merkwürdig war das. Hab dann auch alle Italienspiele verpasst. Obwohl ich sehr viel in dieser Bar saß, beim grimmigen Wirt. Nun ja.

Kneipenbesucher wettern über L'Equipe

Dann ging es weiter nach Frankreich. In die Provence. Frankreich würde gegen Peru spielen. Doch auch hier war es eine ziemliche Sucherei, bis ein kleiner Laden gefunden wurde, der Fußball zeigte. Es war eine dieser PMU-Buden, die Pferde- und Fußballwetten annehmen, also saß ich neben verschwitzten alten Herren, die hohe Summen auf Peru gesetzt hatten und bei jeder Chance für Frankreich herummurrten und knurrten. Bei Geld hört die Liebe zum Land eben auf.

Beim Spiel gegen Dänemark, dem dritten Gruppenspiel, einem echten Grottenkick, war es dann eine normale Straßenbar, die einzige in dieser Stadt, die Fußball zeigte. Von großem Patriotismus keine Spur: Der Laden halbleer, bei der Hymne blieben alle sitzen, bis auf den einen, der nochmal schnell pinkeln ging. Und dann das Spiel: So richtig schaute niemand auf den Bildschirm, stattdessen wurde L'Equipe auseinandergenommen. Griezmann, der nie richtig zielt, Giroud, der ständig jammert, Umtiti, die Blindschleiche in der Abwehr, Pogba, die laute Nervensäge. Keine Spur von Vorschusslorbeeren, wie wir sie Jogis Jungs gegeben haben, vor dieser WM, der Ausgang ist bekannt.

IMG_2713.jpg

Public Viewing am Mittelmeer: So lässt sich Fußball schauen durchaus aushalten.

(Foto: Alexander Oetker)

Ja, auch ich hab bei Twitter die Videos aus Paris gesehen, wo ganze Straßenzüge die Spiele der Bleus feierten. Aber wenn ich das richtig gesehen habe, standen da vor den Bars hauptsächlich amerikanische, spanische und deutsche Touristen rum und jubelten eben dem Gastland zu.

Plötzlich hängen die Trikoloren aus dem Fenster

Doch auf dem Land war davon nichts zu spüren, stattdessen eher ein "erstmal abwarten". Das dauerte bis zum Achtelfinale. Das Mittelmeer rauschte gemächlich an den Strand an diesem Samstagnachmittag in Sainte Maxime, der Himmel war wolkenlos, das Bier eiskalt, als in dieser hübschen kleinen Strandbar der Stuttgarter Pavard Argentinien in die Maradona-Hölle schoss. Auf einmal hatten sie es alle gewusst: Arme hoch, Jubel allerorten, Allez les Bleus. Und nach dem Spiel gab es sogar ein Autokorso auf der Strandstraße.

Die Verwandlung war spürbar: Auf einmal hingen Trikoloren aus vielen Fenstern, viele Autos trugen diese unsäglich hässlichen Rückspiegelfahnen. Und dann fiel bei Uruguay auch noch Cavani aus. Ich kehrte wieder in die Strandbar zurück, während die Familie gemütlich planschte. Frankreich spielte wahnsinnig schnell, taktisch klug, Griezmann zielte doch einmal richtig. Und Uruguay hatte nicht eine echte Torchance - wenn ich das richtig erinnere und nicht die eine große Chance verpasst habe, weil ich ständig neue Gläser eiskalten Rosés am Tresen holen musste. Ein schweres Leben.

Vier Stunden später gewannen dann auch die Belgier gegen Brasilien - und das war doch wirklich DAS Spiel dieser WM bisher. Und weil so viele Belgier in der Provence Urlaub machen, war danach die Strandpromenade ganz verstopft, weil Autokorsos mit Wohnwagen eben so ihre Tücken haben.

Fußball rettet auch Präsidenten

aeac576c18638cfbdada5c752189aea7.jpg

Und plötzlich verspüren auch die Franzosen WM-Lust.

(Foto: REUTERS)

Das Halbfinale letzten Dienstag haben wir in San Sebastián gesehen. Das liegt nur offiziell in Spanien, inoffiziell aber im Baskenland. Die Basken mögen die Spanier nicht. Die Franzosen aber auch nicht. Weil a) das Baskenland ja auch in Frankreich liegt, b) weil die Franzosen in den baskischen Restaurants immer auf die Qualität der spanischen Küche herabsehen und c) wie überall auf der Welt nie Trinkgeld geben.

Deshalb wurde in der kleinen Pintxos-Bar (wie die unglaublich leckeren Tapas hier heißen) auch bei der Marseillaise der Ton abgedreht. Und jede belgische Chance wurde bejubelt, als spiele die baskische Nationalmannschaft auch mit. Tat sie aber nicht. Frankreich gewann. Weil Belgien zum ersten Mal in diesem Turnier an einer Abwehr scheiterte. Die Franzosen jubelten jedenfalls hinterher, ließen sich die Pintxos schmecken und sogar Macron auf der Tribüne in Sankt Petersburg sah reichlich gut gelaunt aus - denn läuft's für Les Bleus, läuft's immer auch für den Präsidenten. 1998 rettete der WM-Titel Chirac. 2010 war das Ausscheiden in der Vorrunde auch der Anfang vom Ende von Sarko.

Nun also das Finale. Ich werde es gleich in einer kleinen Bar im Médoc ansehen, die einer Deutschen gehört, zusammen mit vielen Franzosen, viel Weißwein und großer Hoffnung. Frankreich hat zu seiner Nationalmannschaft gefunden während dieses Turniers, und zwar in ziemlich sympathischer und glaubwürdiger Art und Weise. Zu einer Truppe, die jung ist, taktisch klug spielt und für Weltoffenheit und Diversität steht. Was doch ein gutes Zeichen ist, in diesen Zeiten.

Also: Allez les Bleus.

Danach kommen wir zurück.

Die Autospiegelfahne in schwarz-rot-gold mache ich aber kurz vor der deutschen Grenze ab.

Versprochen.

Euer Alex.

Alexander Oetker war lange Jahre Frankreich-Korrespondent für n-tv und ist nun politischer Korrespondent in Berlin. Er schreibt außerdem die Krimireihe um Commissaire Luc Verlain in Bordeaux. Auch der zweite Band "Chateau Mort" wurde zum Bestseller.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema