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Olympisches Doping-Roulette Das IOC und Russland - eine Frage der Fahne

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Russische Fahne oder neutrale Olympia-Fahne - das ist die große Frage.

(Foto: dpa)

Dürfen die Russen trotz systematischen Staatsdopings mittels Blitz-Begnadigung wieder mit ihrer Fahne zur Olympia-Schlussfeier? Das ist der Plan des IOC, den zwei russische Doper durchkreuzen. Die Herren der Ringe wanken, die Kritik wird lauter - das Chaos ist perfekt.

Wieder dauert das Chaos bis zur letzten Minute: Die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat sich auch einen Tag vor der Schlussfeier der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang nicht zu einer Entscheidung in der Russland-Frage durchringen können. Am Sonntag sollen die Gespräche um 8 Uhr Ortszeit (0 Uhr MEZ) fortgesetzt werden.

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Dieses Werk des Karikaturisten AD Karnebogen wurde beim Karikaturenpreis 2016 in der Kategorie "Doping bei der Olympiade" prämiert.

(Foto: dpa)

"Zutritt verboten" stand auf der hellgrauen Metalltür im Erdgeschoss des Internationalen Sendezentrums von Pyeongchang, hinter die sich die 14 Mitglieder der IOC-Exekutive um 16.45 Uhr Ortszeit (8.45 Uhr MEZ) für ihre Beratungen zur Russland-Frage zurückzogen. Zwei Stunden sollte die Sitzung dauern, dreieinhalb Stunden später war immer noch keine Entscheidung darüber gefallen, ob das IOC das Nationale Olympische Komitee Russlands wieder aufnimmt und die russischen Athleten bei der Schlussfeier hinter ihrer Fahne im Olympiastadion von Pyeongchang auflaufen dürfen. Ganz offensichtlich dreht sich das IOC bei der Entscheidungsfindung im Kreis - und ihm läuft die Zeit davon.

Während der Marathonsitzung bekam das IOC-Exekutivkomitee die Ergebnisse einer Kommission vorgelegt, die während der Spiele untersucht hat, ob die Russen "Buchstaben und Geist" eines Verhaltenskodex befolgt haben. Diese Regeln hatte das IOC den in neutraler Kleidung gestarteten 168 russischen Athleten auferlegt - und gegen diese Regeln ist durch die Dopingfälle des Curlers Alexander Kruschelnizki und der Bobpilotin Nadeschda Sergejewa krass verstoßen worden. Fotos und Videos, die Sergejewa in einem Anti-Doping-Shirt (Aufschrift: "I don't do doping") zeigen und in sozialen Netzwerken im Umlauf sind, wirken wie eine Realsatire.

Das große Rätselraten

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Delegationsleiter Stanislaw Posdnjakow, der mit Eiskunstlauf-Silbermedaillengewinnerin Jewgenia Medwedewa zum Exekutivkomitee gekommen war, entschuldigte sich nach eigenen Angaben für die Dopingfälle. Er hoffe auf Verständnis der IOC-Führung dafür, dass es hier nicht um ein System, sondern eher um Nachlässigkeit gehe, sagte er der Zeitung "Sport-Express": "Wir gehen davon aus, dass wir alle Auflagen des IOC erfüllt haben."

Doch welche Entscheidungsmöglichkeiten hat das IOC nun? Es kann den Bann für die Russen gar nicht, teilweise oder vollständig aufheben, betonte IOC-Sprecher Mark Adams. Es gibt einiges Rätselraten darüber, wie eine teilweise Aufhebung aussehen könnte. Flagge bei der Schlusszeremonie erlauben, aber Suspendierung verlängern? Eine weitere Geldstrafe, die Russland nicht weh tun würde?

Am Sonntag wird die IOC-Session, die Vollversammlung der IOC-Mitglieder, das Thema voraussichtlich noch einmal behandeln. Ob sie über die Russlandfrage auch abstimmen wird, ist offen, es herrscht allgemeine Verwirrung. Eigentlich reicht ein Beschluss des Exekutivkomitees, doch wahrscheinlich holt es sich wegen der Bedeutung des Falls noch die Rückendeckung der Vollversammlung. Offenbar liegt viel Rede- und Abstimmungsbedarf vor. IOC-Präsident Thomas Bach, der als Russland-Freund gilt, hat jedenfalls seine Abschlusspressekonferenz für Sonntag bereits um zwei Stunden nach hinten verschoben. Bach will es sich auf keinen Fall mit den Russen verscherzen, insbesondere nicht mit Staatschef Wladimir Putin. Der steht ihm nahe und hatte Bach bei der Wahl zum IOC-Präsidenten unterstützt.

Geheimabsprachen zwischen IOC und Russen?

In Pyeongchang hatte es deshalb in den vergangenen Tagen Spekulationen darüber gegeben, dass schon Abmachungen zwischen der IOC-Spitze und russischen Vertretern getroffen worden seien und die Wiederaufnahme eine beschlossene Sache sei. Dass die Russen nach eigenen Angaben 15 Millionen Dollar (rund zwölf Millionen Euro) für den Anti-Doping-Kampf gezahlt haben, deuten einige Beobachter als Teil eines Deals. Die Zahlung ist Teil der Auflagen, die die Russen im Nachgang zum Manipulationsskandal von Sotschi erfüllen müssen. Auch das Einlenken der Russen im Fall des Curlers Kruschelnizki wurde als Annäherung gedeutet. Doch dann kam der zweite russische Dopingfall - obwohl dank intensiver Prüfung einer IOC-Kommission nur wirklich saubere Athleten aus Russland auf der Einladungsliste des IOC für Pyeongchang stehen sollten. Die Dopingbilanz der Spiele bislang: insgesamt vier Fälle - und davon zwei von den "Olympischen Athleten aus Russland".

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Alexander Kruschelnizki musste seine Bronzemedaille wieder abgeben. Es ist bereits die 46. aberkannte Olympiamedaille für einen russischen Sportler.

(Foto: dpa)

Mehr und mehr scheint sich auch in höheren IOC-Kreisen die Meinung durchzusetzen, dass eine Rehabilitierung Russlands nach dem erneuten Dopingfall nicht mehr möglich sei. Das IOC hatte bei  seinem Urteil am 5. Dezember die Möglichkeit eingeräumt, dass die Suspendierung gegen die Sportgroßmacht zur Abschlussfeier wieder aufgehoben werden könnte. Der Branchendienst Insidethegames zitierte IOC-Mitglied Sam Ramsamy, früher auch Mitglied der Exekutive und ein Getreuer von Bach. "Ich denke, dass es sehr schwer sein wird, uns alle davon zu überzeugen, dass wir jetzt die Suspendierung aufheben sollen", sagte der Südafrikaner und fügte an: "Definitiv nicht jetzt bei diesen Spielen."

Die Vereinigung der wichtigsten Nationalen Anti-Doping-Agenturen warnte in einem offenen Brief an die IOC-Mitglieder vor einer Blitz-Begnadigung der Russen. Um wieder anerkannt zu werden, sei von den Russen ein "Bekenntnis zu den grundlegenden Werten des Sports erforderlich - und das kann nicht gekauft werden". Sie verwiesen darauf, dass Moskau die Untersuchungsergebnisse immer noch nicht akzeptiert, die massive Manipulationen bei den Winterspielen von Sotschi 2014 erwiesen hatten.

Kritiker werden immer lauter

Die Stimmen, die zumindest die Bewährungsfrist für die Russen ausdehnen wollen, mehren sich. Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, sprach sich nun offen dagegen aus, Russland bei der Schlussfeier der Winterspiele in Pyeongchang mit eigener Fahne einziehen zu lassen. "Wir konnten bis zum heutigen Tage keine demütige, reumütige oder gar entschuldigende Positionierung des russischen Teams wahrnehmen", sagte er: "Da fehlt der Glaube daran, dass es in den Köpfen der Betroffenen angekommen und verarbeitet wurde." Dass nun zwei zusätzliche Dopingfälle explizit von zwei Mitgliedern des Teams "Olympische Athleten aus Russland" bei den Pyeongchang-Spielen entdeckt wurden, führe dazu, "dass wir uns eine allzu schnelle Form des Reset-Modus nicht wünschen". Stattdessen solle der Beobachtungsstatus für Russland "bis Tokio 2020 fortgesetzt" werden.

Doping-Kronzeuge Grigori Rodschenkow warnte das IOC ebenfalls davor, die Sanktionen gegen Russland aufzuheben. "Es wäre die schlechteste Entscheidung", sagte der in die USA geflüchtete Ex-Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors der britischen BBC: "Das IOC sollte zeigen, wie beständig es im Kampf gegen Doping ist." Russland nun wieder zu rehabilitieren, würde laut Rodschenkow die bisherigen Errungenschaften beschädigen und wäre eine Missachtung aller Kommissionen, Schlussfolgerungen und der Erkenntnisse von Wada-Ermittler Richard McLaren.

Spannend wird zu beobachten sein, wie sich die Sportler aus aller Welt verhalten, falls das IOC die russische Fahne bei der Schlussfeier zulässt. Athletensprecherin Angela Ruggiero warnte die Athleten vor einem Boykott. Was passiert, wenn sich Sport-Großverbände trotz bewiesenen Betrugs vor Sanktionen für Russland scheuen, kann sich das IOC am Beispiel des Biathlon-Weltverbandes IBU anschauen. Da die IBU das Weltcup-Finale vom 22. bis 25. März trotz der jüngsten Dopingfälle weiterhin im russischen Tjumen ausrichten will, haben nach Kanada und Tschechien nun auch die USA mitgeteilt, die Wettkämpfe zu boykottieren.

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Quelle: n-tv.de, cwo/dpa/sid

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