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Jochen Wo-ist-Behle im Interview Deutsche Langläufer gedopt? "Lächerlich!"

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Ex-Bundestrainer Jochen Behle malt ein düsteres Bild vom deutschen Skilanglauf.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang werden deutsche Langläufer nicht um die Medaillen mitkämpfen. Das sagt Ex-Bundestrainer Jochen Behle im Interview mit ntv.de. Er zeigt Gründe dafür auf, spricht über die Favoriten und die "Willkür" beim Umgang mit dem russischen Staatsdoping.

ntv.de: 1980 fragte ZDF-Reporter Bruno Morawetz während eines 15-Kilometer-Langlauf-Weltcups mehrfach "Wo ist Behle?" Wie oft hören Sie die Frage heute noch?

Jochen Behle: (lacht) Ehrlich gesagt: Keine Ahnung - aber noch oft genug. So viel ist mal sicher.

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Als Behle Bundestrainer war, gab es mehrere Siege im Gesamtweltcup und auch olympische Medaillen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Sie haben als Langläufer ein Weltcuprennen gewonnen. Ihre Zeit als Bundestrainer von 2002 bis 2012 war die erfolgreichste für den deutschen Skilanglauf: Weltcupgesamtsiege durch Axel Teichmann, Rene Sommerfeldt und Tobias Angerer. Dazu Olympische Gold- und Silbermedaillen bei den Spielen in Vancouver. Wie fällt jetzt Ihre Bestandsaufnahme aus?

Die ist natürlich nicht so gut. Man muss da aber etwas zwischen Damen- und Herrenbereich unterscheiden: Die Damen sind gut, können aber nicht wie früher um Gold mitlaufen. Mit viel Glück vielleicht schaffen sie in der Staffel oder im Teamsprint eine Medaille, in den Einzelwettbewerben sind sie alle dazu nicht in der Lage. Das Positive bei den Damen ist aber, dass es Nachwuchs gibt. Das sieht noch einigermaßen gut aus, auch für die kommenden Jahre.

Und bei den Herren?

Da sieht es wirklich schlecht aus. Die Ergebnisse in dieser Saison sind enttäuschend. Es werden mittlerweile 10. oder 12. Plätze gefeiert, über die wir früher gar nicht diskutiert hätten. Ich sehe da auch null Chancen, in irgendeinem Wettbewerb auch nur in die Nähe einer Olympischen Medaille zu kommen.

Jochen Behle

Jochen Behle, 57 Jahre alt, ist derzeit als Sportdirektor des Westdeutschen und des Hessischen Skiverbands tätig. Darüber hinaus ist er Kommentator bei Eurosport und gilt als die "Stimme des Langlaufs". Als deutscher Bundestrainer steht sein Name für die erfolgreichste Zeit des Verbandes, mit unter anderem vier Gesamtweltcup-Siegen und mehreren Medaillen bei Olympischen Winterspielen. Als Sportler feierte er einen Weltcup-Sieg über die 50 Kilometer im klassischen Stil.

Auch nicht in der Staffel oder im Teamsprint?

Nein, nirgendwo! Und das Schlimme ist, dass sich daran auch so schnell nichts ändern wird, denn das, was aus dem Nachwuchs kommt, ist fast noch eine Kategorie schlechter als das, was jetzt da ist.

Woran liegt das?

Skilanglauf ist eine Fleißdisziplin und die sind heute in Deutschland nicht mehr gefragt. Die Fun-Disziplinen, wo man mit vergleichsweise wenig Aufwand schnell etwas erreichen kann, stehen da höher im Kurs.

Welche Rolle spielt der Langlauf-Konkurrent Biathlon?

Das kommt noch dazu - zumindest bei den Damen. Da wäre jüngst etwa eine Denise Hermann, die zum Biathlon abgewandert ist: So eine fehlt natürlich dann in der Staffel - keine Frage. Andererseits sieht auch der Langlauf-Nachwuchs: Hey, da ist eine wie die Hermann, die im Langlauf-Sprint zwar gut, sonst aber eher Mittelmaß war. Und die kann im Biathlon plötzlich um Weltcup-Siege mitlaufen. Im Biathlon ist Deutschland zudem eine der führenden Nationen, im Langlauf eben nicht. Und dann ist Biathlon die telegenste Wintersportart. Das alles lässt sich nicht wegdiskutieren und ist nicht unbedingt positiv für den Langlauf.

Diese Abwanderungen gibt es bei den Herren aber nicht ...

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Denise Hermann kann bereits in ihrem zweiten Biathlon-Winter um Weltcup-Siege mitkämpfen.

(Foto: picture alliance / Sven Hoppe/dp)

Das stimmt. Bei den Männern ist aber auch eine ganz andere Qualität mit drin. Es ist schlichtweg einfacher, in einer Frauen-Sportart nach vorne zu kommen, als im Männerbereich. Das liegt ganz  einfach auch an der Leistungsdichte in der Spitze bei den Herren, die ist höher. Aber mal abgesehen davon: Bei den deutschen Langlauf-Herren fehlt es schlicht und einfach an Qualität und Quantität. Wir haben viel zu wenig, die wirklich gewillt sind, sich zu quälen, um dann auch in die Weltspitze vordringen zu können.

Stichwort sich quälen. Wo liegen denn die Trainingsintensitäten derzeit?

Die Norweger geben 10.000 bis 12.000 Kilometer vor. Und das ist auch das, was man bewältigen muss, wenn man in der Weltspitze mitlaufen will. Und die Deutschen liegen da derzeit sicher nicht, da bin ich mir ziemlich sicher! Die laufen der Musik ganz einfach hinterher.

Spielen die immer wärmeren Winter in Deutschland auch eine Rolle?

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Behle ist TV-Experte bei Eurosport.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ganz klar: Ja! Schneetraining ist am einfachsten zu handhaben. Kann ich das nicht, fehlen mir eben auch schnell mal die nötigen Intensitäten. Die Spitzenleute haben zwar noch den Vorteil, dass sie einfach dorthin fahren können, wo der Schnee liegt. Der Nachwuchs kann das aber nicht. Und das ist ein Riesenproblem des deutschen Langlaufs: Denn um Nachwuchstalente zu binden, brauchst du Wettkämpfe und für Wettkämpfe braucht es eben Schnee. Der Nachwuchs muss sich doch messen können! Und das ist mittlerweile viel zu selten der Fall, vor allem bei den kleineren Stützpunkten.

Ohne Nachwuchs fehlt dann auch der Druck von unten, von der nachrückenden Konkurrenz in den eigenen Reihen ...

Vollkommen richtig. Das perfekte Beispiel liefert hier der Herrenbereich im deutschen Skilanglauf. Früher gab es Tobias Angerer, Axel Teichmann, Rene Sommerfeldt oder einen Jens Filbrich - das war eine Gruppe, die sich auch selbst nach vorn gepusht hat. Immer wieder!

Nun stehen die Olympischen Spiele in Pyeongchang an. Gibt es denn Medaillenhoffnungen für das deutsche Team?

Wenn überhaupt, kann nur die Damen-Staffel vielleicht um Bronze mitkämpfen - allerdings nur, wenn die Konkurrenz patzt. Normalerweise machen Norwegen, Schweden, Finnland und die USA die Medaillen unter sich aus und sind nicht zu schlagen. Aber es kann immer mal ein Ausfall in einer Staffel passieren. Es reicht auch, wenn sich einer mal verwachst. Damit muss man immer rechnen - und dann als deutsches Team da sein!

Welche Athleten werden die Langlauf-Wettbewerbe dominieren?

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Johannes Klaebo: Wird er der Langlauf-Star von Pyeongchang?

(Foto: picture alliance / Jon Olav Nesv)

Die Norweger. Allen voran Johannes Hosflot Klaebo. Das, was der in dieser Saison zumindest über die kürzeren Strecken anbietet, ist einfach sensationell! Im Sprint kann den eigentlich keiner schlagen - außer er sich selbst. Im Teamsprint wird Norwegen vorn sein, wegen Klaebo. In der Staffel wird Norwegen gewinnen, weil Klaebo der Schlussläufer ist. Bei den klassischen Wettbewerben habe ich noch Alexej Poltoranin aus Kasachstan auf der Rechnung. Und einen Dario Cologna aus der Schweiz muss man ebenfalls immer auf dem Zettel haben.

Und bei den Frauen?

Bei den Frauen werden auch die Norwegerinnen dominieren, etwa eine Marit Björgen oder eine Heid Wenig. Dazu kommen dann aber noch zwei, drei andere wie Charlotte Kalla aus Schweden, Krista Permakoski aus Finnland oder die US-Amerikanerin Jessie Diggins.

Der langjährige Ausnahmeathlet der Szene, Petter Northug, kam in dieser Saison überhaupt nicht in Fahrt. Wenn Sie Norwegens Trainer wären: Würden Sie ihn dennoch mitnehmen?

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Komplett außer Form: Petter Northug.

(Foto: picture alliance / Jon Olav Nesv)

Nein! Ich müsste den anderen Sportlern, die ebenfalls um die Startplätze gekämpft und sich qualifiziert haben, erklären, wieso sie zwar besser sind, aber Northug mitfliegt. Wenn man zwei Monate Zeit hat, sich zu präsentieren und zu qualifizieren, die Konkurrenz aber zu stark war, dann muss man eben sagen: Gut, dieses Jahr hat es nicht gereicht. Fertig, aus!

Auch im Langlauf werden wohl einige russische Athleten fehlen. Grund ist der Ausschluss wegen des russischen Staatsdopings. Nach der Cas-Entscheidung könnte sich der eine oder andere noch nach Pyeongchang klagen, Alexander Legkow beispielsweise, Olympiasieger von Sotschi ...

Ja, das kann alles noch passieren, und das wenige Tage vor der Eröffnungsfeier. Ein Wahnsinn eigentlich, den man sich aber auch selbst eingebrockt hat. Es wäre in meinen Augen viel gescheiter gewesen, man hätte von Anfang an gesagt: Russland bleibt komplett draußen - bis die ganze Doping-Problematik aufgearbeitet ist. So herrscht jetzt Chaos!

Zudem sind jüngst Enthüllungen bekannt geworden, die vor allem die Spitzenläufer unter Dopingverdacht stellen. Es geht um die Jahre 2000 bis 2010, auch deutsche Sportler sollen betroffen sein. Sie waren zu dieser Zeit Bundestrainer. Wurde gedopt?

(Lacht) Von unserer Seite ganz sicher nicht! Es ist das übliche Vorgehen: Informationen eines Whistleblowers, keine Namen, keine wirklichen Beweise - und immer vor Großereignissen kommt das Ganze dann um die Ecke. Danach verläuft alles wieder im Sand. 2014 war es das gleiche Thema beim Biathlon. Da sollte es auch Listen geben, und gab es dann doch nicht.

Es soll diesmal mehr als 20 deutsche Athleten betreffen ...  

Ich kenne meine Athleten aus dieser Zeit und wenn es mehr als 20 sein sollen, wäre das nahezu mein gesamter Kader aus dieser Zeit. Die sollen alle auffällige Blutwerte gehabt haben? Lächerlich. Aber die sollen das ruhig weiterverfolgen. Uns betrifft das Thema nicht, aber vielleicht gibt es noch die ein oder andere Medaille nachträglich für den Deutschen Skiverband.

Kennen Sie Namen mit auffälligen, erhöhten Blutwerten?

Die kenne ich natürlich: Evi Sachenbacher-Stehle beispielsweise. Die wurde während Olympia deshalb vier Tage suspendiert mit anschließenden Dopingtests, die aber nichts ergeben haben. Ich nehme an, dass solche Sportler gemeint sind. Jens Filbrich hatte auch überhöhte Blutwerte. Aber diese Werte werden der FIS gemeldet, die kontrollieren sie und danach gibt es eine so genannte Dispension, im Endeffekt eine Feststellung, dass der Sportler von Natur aus, genetisch bedingt, Blutkennwerte hat, die über dem Grenzwert liegen. Das war es dann. Alles genehmigt, alles im grünen Bereich - und vor allem: kein Doping!

Mal ein Blick voraus: Was wird nach den Olympischen Spielen von den Langlauf-Wettbewerben in den Köpfen der Zuschauer hängen geblieben sein?

Ich denke, dass Klaebo der Langlauf-Star der Spiele in Pyeongchang sein wird. Das wird hängenbleiben. Ebenso aber auch, dass wohl relativ wenig Enthusiasmus an den Strecken gewesen sein wird - wenn man das etwa mit Weltmeisterschaften in Schweden, Finnland oder Norwegen vergleicht oder auch mit den Biathlon-Wettbewerben in Oberhof, Ruhpolding oder Antholz. Die Südkoreaner sind zwar begeisterungsfähig, aber der konkrete Sachverstand für die eine oder andere Sportart fehlt ihnen einfach, weil sie sie schlicht und ergreifend nicht kennen, weil sie in Südkorea nie stattfinden.

Mit Jochen Behle sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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