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Nach lockerer Schlussrunde im Ziel: Laura Dahlmeier.
Nach lockerer Schlussrunde im Ziel: Laura Dahlmeier.(Foto: dpa)
Montag, 12. Februar 2018

"Icewoman from Germany": Im Ziel beginnt Dahlmeiers goldenes Leiden

Von Tobias Nordmann, Pyeongchang

Für einen Moment bekommt Laura Dahlmeier in der olympischen Biathlon-Verfolgung Konkurrenz. Die aber verzweifelt erneut an der bärigen Ruhe der Deutschen, die sich danach völlig kaputt fühlt. Das aber ist ein gutes Zeichen.

Laura Dahlmeier ist noch nicht im Pressezelt angekommen. Zeit also, die Bronzemedaillen-Gewinnerin Anais Bescond nach einem bislang nicht gelösten Rätsel zu fragen. Lässt sich die gerade in der Biathlon-Verfolgung gekürte Doppel-Olympiasiegerin aus Deutschland eigentlich bezwingen. Und wenn ja, wie? Die Französin zögert nicht, sagt: "Schneller laufen, besser schießen." Klingt so einfach wie unrealistisch. Auch die Slowakin Anastasia Kuzima hat keine bessere Antwort. Dabei waren es die beiden gewesen, die im zweiten Damen-Rennen der Olympischen Spiele am nächsten an Dahlmeier herangelaufen waren. Doch was heißt schon nah, bei knapp 30 Sekunden Rückstand und einer letzten Runde der Deutschen, die eher nach lockerem Workout als nach olympischem Titelstress aussah.

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Den hatte Dahlmeier an diesem einmal mehr eiskalten und windigen Abend in Pyeongchang dennoch. Und das gar zweimal. Einmal auf der dritten Laufrunde und beim dritten Schießen, als die von Sinnen rennende Kuzmina plötzlich an ihr vorbeizog, an Gold kratzte, dann aber ebenso von Sinnen schoss und zwei Scheiben stehen ließ (insgesamt vier). Dahlmeier selbst, so erklärte sie später, hatte davon gar nichts mitbekommen. "Ich habe beim Schießen versucht, ganz bei mir zu bleiben, eine Scheibe nach der anderen abzuarbeiten." Wie schon im Sprint, wo sie mit ihrer bärigen Ruhe als einzige im Feld neben der laufschwachen olympischen Athletin Russlands, Tatjana Akimowa, bei zehn Schuss ohne Fehler geblieben war. Diesmal leistete sie sich einen Patzer, bei allerdings 20 Versuchen. Es ist diese selbst bei widrigsten Bedingungen absolute Selbstsicherheit am Schießstand, die die Konkurrenz verzweifeln lässt und die eigenen Trainer beruhigt. "So wie Laura hier Biathlon in Perfektion zeigt, habe ich das lange nicht gesehen", schwärmte Bundescoach Gerald Hönig. "Auf ihre Stabilität kannst du dich einfach verlassen."

"Icewoman from Germany"

Woher diese Stabilität des "Icewoman from Germany", wie der Stadionsprecher sich wieder und wieder euphorisierte, kommt, gerade bei solch extremen Bedingungen wie auf der Golfanlage von Pyeongchang, das kann Dahlmeier selbst nicht erklären. "Ich komme aus Garmisch, da haben wir keinen Wind. Da haben wir nie Wind." Es seien dann wohl eher Erfahrungen. Erfahrungen von den verschiedenen Strecken im Weltcup. Die sie mitnimmt, speichert, wieder abruft. Und natürlich ihr "Mindset". Die Mentalität, sich nicht zu stressen, sich stets zu konzentrieren und zu fokussieren. Gerade auch jetzt, nach einer Saison, in der sie zweimal zäh von Krankheiten umgehauen wurde. In der sie beim Heim-Weltcup in Ruhpolding Mitte Januar als 48. im Einzel so schlecht wie nie war. In der sie sich vom einbrechenden Medienrabatz ziemlich "hinüber" fühlt.

Den zweiten Stress am Abend ihres zweiten Olympiasiegs bekam Dahlmeier dann im Ziel. Und er hat sie leiden lassen, er hat "brutal wehgetan". Denn die Finger der 24-Jährigen waren auf der Schlussrunde tüchtig eingefroren. Das Auftauen sei dann "mindestens so anstrengend gewesen wie der Fight auf der Strecke." Und jaja, es sei schon auch wirklich zäh gewesen unterwegs. "Wenn's ihr in meine Beine schauen könntet", sagte sie "dann wärd's erstaunt, dass man so ein Rennen gewinnen kann." Nun, tatsächlich hatte die Deutsche nur die 17. beste Laufzeit im Feld, eher ungewöhnlich. Wobei die letzte Runde diese Statistik angesichts des Easy-Going-Auslaufens deutlich verzerrt. Anders freilich als der Anlauf-Wahnsinn von Silbermedaillengewinnerin Kuzmina, die zur dritten von fünf Runden des 10-Kilometer-Kurses unglaubliche 54 Sekunden auf Dahlmeier gut gemacht hatte. Das sind Dimensionen, die sonst nur ein Martin Fourcade herauslaufen kann, der übrigens knapp zwei Stunden später ebenfalls Gold in der Verfolgung gewann.

Gibt es das deutsche Déjà-vu?

Olympisches Doppelgold in Sprint und Verfolgung, das hatte in der Geschichte bislang nur einer geschafft: die für diese Spiele nicht mehr nominierte norwegische Legende Ole-Einar Björndalen. "Cool", findet Dahlmeier das, sogar "unglaublich". Der 44-Jährige, der nun in der nationalen Qualifikation an Erlend Bjoentegaard gescheitert war, gewann 2002 in Salt Lake City alle Wettbewerbe - damals waren es noch vier, den Massenstart und die Mixed-Staffel gab's nicht.

Und nun, gibt's das noch erfolgreichere Déjà-vu in deutsch? "Ich will nicht zu weit nach vorne schauen. Ich hab' mich heut' echt nicht leicht getan. Ich bin richtig kaputt." Ein ihr nicht unbekanntes Gefühl. Verbunden mit guten Erinnerungen. An das letzte Jahr, an die Weltmeisterschaft in Hochfilzen. "Da habe ich mich jedes Mal gefragt, wie ich aus dem Bett kommen soll. Doch dann war's immer wieder super." In sechs Rennen im Februar 2017 gab's fünfmal Gold. Nur im Sprint, da nicht. Da war Gabriela Koukalowa, die in Korea verletzt fehlt, besser. Dahlmeier holte Silber. Das allerdings - das hat sie jetzt schon besser gemacht.

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Quelle: n-tv.de