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Nach Trumps Angriff auf den IranWarum wird der US-Sport auf der Weltbühne eigentlich nicht sanktioniert?

12.03.2026, 18:55 Uhr
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Donald Trumps Angriff auf den Iran bleibt für den US-Sport bislang folgenlos. (Foto: Mark Schiefelbein/AP/dpa)

Der russische Sport wird infolge von Staatsdoping und Wladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine für mehr als ein Jahrzehnt von der Weltbühne verbannt und kehrt erst jetzt bei den Paralympics zurück. Mit offenen Armen werden die Athleten von ihren westlichen Kontrahenten allerdings nicht empfangen. Noch während der olympische Frieden gilt, führen derweil die USA Krieg gegen den Iran. Aber ähnliche sportliche Sanktionen wie gegen Russland sind nicht zu befürchten. Warum eigentlich nicht? Darüber und welche Folgen die internationalen Turbulenzen für den Weltsport haben, hat Jürgen Mittag von der Sporthochschule Köln mit ntv.de gesprochen.

ntv.de: Herr Mittag, über die Rückkehr des russischen Sports auf die Weltbühne bei den Paralympics trotz des anhaltenden Kriegs in der Ukraine gibt es in der westlichen Welt große Aufregung. Parallel dazu greift Donald Trump mit seinen USA und Israel den Iran an, über Sanktionen für den US-Sport wird allerdings, wenn überhaupt, kaum wahrnehmbar diskutiert. Eine kurze Debatte flammte kurz vor den Olympischen Spielen auf, als die US-Armee den venezolanischen Staatschef Nicolás Maduro völkerrechtswidrig entführte. Danach wurde es schnell leise. Warum eigentlich?

Jürgen Mittag: Dafür müssen wir uns zunächst die Rahmenbedingungen des internationalen Rechts beziehungsweise des Völkerrechts anschauen. In der UN-Charta sind zwei Gründe aufgeführt, die einen militärischen Einsatz legitimieren: Selbstverteidigung oder ein entsprechendes UN-Mandat. Letzteres liegt nicht vor. Deswegen versuchen die USA, den Aspekt der Selbstverteidigung, den Aspekt der präventiven Sicherheit, einzubringen. Das ist aber umstritten und wird international sehr kontrovers diskutiert. In dieser Situation kommt nun das zum Tragen, was schon 1999 in Serbien und dem Kosovo der Fall war. Die Nato-Intervention geschah ohne ausdrückliches UN-Mandat, sie wurde als rechtlich problematisch gesehen, aber letztendlich als humanitäre Intervention gerechtfertigt. Deswegen wird auch jetzt die Formel des völkerrechtswidrigen, aber politisch legitimen Einsatzes herangezogen. Mit dieser Formel lässt sich dann auch vieles im internationalen Sport erklären.

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Jürgen Mittag ist Professor für Sportpolitik. (Foto: picture alliance / BEAUTIFUL SPORTS/Wunderl)

Aber fehlt da nicht der rote Faden in der Beurteilung der Handlungen?

In der Sportpolitik sind wie in der Politik grundsätzlich auch Machtaspekte zu berücksichtigen. Und gerade große Staaten, die zudem an der Spitze von Allianzen stehen, Stichwort Nato, haben eine andere Relevanz mit Blick auf Sanktionen als kleinere Staaten. Das gilt für die USA im Besonderen. In globaler Dimension sind sie die militärische Supermacht. Infolgedessen werden sie eben nicht in der gleichen Form politisch attackiert oder infrage gestellt wie ein Land wie Russland. Das zwar auch als militärische Großmacht agiert, aber unter anderen Vorzeichen und mit anderen Potenzialen. Die Rahmenbedingungen des internationalen Systems spiegeln sich sehr stark im internationalen Sport wider und führen auch zu vergleichbaren Strukturen. Dort, wo die USA international nur begrenzt in Haftung genommen werden, erfolgt das in gleicher Form im Sport. In eben nur begrenzter Form. Und nicht in der Form, in der das für Russland gelten würde.

Zur Person

Jürgen Mittag (*1970) ist Politikwissenschaftler und Historiker. Er studierte in Köln, Oxford und Bonn, schloss sein Studium 1997 ab und wurde 1999 promoviert. Seit 2011 ist er als Professor für Sportpolitik und Leiter des Instituts für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung der Deutschen Sporthochschule Köln tätig. 

Spielt da auch mit rein, dass der amerikanische Sport weit weniger eng mit dem Militär vernetzt ist als in Russland?

Das ist sicher eine Komponente, die auch berücksichtigt werden muss. Der US-Sport ist stark auf dem Collegesystem aufgebaut, während etwa 50 bis 60 Prozent der russischen Olympiakader bei Militär- oder Sicherheitsorganisationen angestellt sind, in manchen Wintersportarten sind es sogar über 70 Prozent. Als quasi Staatsathleten sind sie damit in besonderer Form in das staatliche Handeln eingebunden. Und können dafür verantwortlich gemacht werden. Hinzu kommt der politische Charakter eines autoritären Regimes, das die Loyalität zum System noch explizierter einfordert, als das in den USA der Fall ist. Dort ist die individuelle Freiheit der Sportler erheblich höher, auch wenn seitens der Politik verstärkt Einfluss auf den Sport genommen wird. Um es also noch mal deutlich zu machen: Die russischen Staats- beziehungsweise Militärsportler stellen eine besondere Herausforderung dar.

Den einen entscheidenden Faktor für mögliche Sanktionen gibt es entsprechend nicht?

Nein, in Summe sind es mehrere überlappende Faktoren. Einmal die problematische, aber mittelbar abzuleitende Rechtsdimension eines legitimen Kriegs, die man Russland beim Angriffskrieg auf die Ukraine nicht zubilligt. Dann der Aspekt der Machtpolitik - und die Systemkomponente. Das sind die Kreise, die dazu führen, dass die USA und auch Israel - wobei man Israel noch mal differenzierter betrachten müsste - nicht in gleicher Weise vom internationalen Sport in Haftung genommen werden, wie das für die russischen Athleten galt. Wobei wir da noch etwas berücksichtigen müssen.

Was meinen Sie?

Die Haltung des organisierten Sports gegenüber Russland hat sich ja auch grundlegend verändert. Das IOC und die internationalen Sportfachverbände haben vor drei Jahren begonnen, unter bestimmten Rahmenbedingungen russische Athleten wieder zuzulassen. Während nach Kriegsausbruch und vor Beginn der Paralympics noch nahezu einhellig Sanktionen gegen Russland und Belarus aufgrund des Angriffskriegs ausgesprochen worden waren, hat sich das ein Jahr später durch die veränderten Positionen des IOC und einzelner Fachverbände sukzessive bis zum heutigen Tag mit der Teilnahme von Russen und Belarussen bei den Paralympics geändert.

Erkennen Sie im Handeln von IOC und IPC noch einen roten Faden beim Umgang mit den Sanktionen?

Man kann schon eine klare Tendenz dahingehend erkennen, dass die Rolle des einzelnen Athleten stärker berücksichtigt wird, statt sie in Gesamthaftung für den Staat zu nehmen. Vor vier Jahren war die Botschaft zunächst: Verurteilung und Ausschluss Russlands. Ab Oktober/November 2023 hat man begonnen, Bedingungen zu definieren, unter denen eine Wiederzulassung denkbar ist. Beginnend unter Ex-IOC-Präsident Thomas Bach mit Unterstützung von einzelnen Fachverbänden und eines Großteils der Nationalen Olympischen Komitees. Letztlich gab es dort schon die Tendenz, russische Athleten für die Sommerspiele 2024 in Paris zuzulassen.

Warum kam es nicht dazu?

Das Internationale Olympische Komitee schloss das NOC Russlands aus, als dieses begann, ukrainische regionale Sportorganisationen aus den annektierten Gebieten in seine eigenen Strukturen zu überführen. Vorher hatte sich aber eine deutliche internationale Spannungslinie gezeigt: Während 35 westliche NOKs sich deutlich gegen die Wiederzulassung russischer Athleten ausgesprochen haben, votierte das Gros der internationalen NOKs, ungefähr 170, dafür. Damals sollte die rote Linie dort enden, wo russischen Athleten ohne militärische Bezüge und ohne Flagge und Hymne die Teilnahme wieder ermöglicht werden sollte. Letztlich wurde damit eine Entpolitisierung durch IOC und später IPC in die Wege geleitet. Dem steht die Position von zahlreichen westlichen NOKs und einzelnen Fachverbänden entgegen - unter anderem des internationalen Leichtathletikverbands.

Was hat das für Folgen für den Zusammenhalt des internationalen Sports?

Gegenwärtig erleben wir einen stark zerrissenen internationalen Sport. Der Sport agiert nicht mehr homogen, sondern NOKs, Fachverbände, IOC und IPC haben sehr kontroverse, sehr unterschiedliche Positionen. Deswegen ist ein roter Faden zwar noch erkennbar, aber er ist umkämpft, von allen Seiten wird an ihm gezogen. Um im Bild zu bleiben: es ist eher ein Wollknäuel oder ein ausgefranstes Fadensystem als der eine rote Faden.

Wie würden Sie in diesem Kontext einordnen, dass das IOC es nicht schafft, den Bruch des olympischen Friedens mit dem Angriff auf den Iran zu be- oder gar zu verurteilen?

Das IOC ist eher ein Getriebener und kein Treibender. In der neuen Konstellation mit Kirsty Coventry an der Spitze sucht das IOC erst mal noch seine Position. Wir haben bei den Winterspielen anhand des Falls mit Erinnerungshelm des ukrainischen Skeletonis Wladyslaw Heraskewytsch gesehen, wie schwer man sich da tut. Auf der einen Seite der Wunsch, Solidarität mit der Ukraine zu bekunden. Auf der anderen Seite aber auch das Bestreben, im Sport nicht alles politisch überformen zu lassen. Man versucht stärker zu kanalisieren, um politische Positionierungen eher abseits des eigentlichen Sportereignisses zuzulassen. Im Vorfeld, im Nachgang, in bestimmten vom IOC bestimmten Korridoren. Das gelingt dem IOC gegenwärtig aber nur begrenzt, weil der Sport stark mobilisiert und eine herausragende Plattform für öffentliche Aufmerksamkeit ist, aber auch, weil die Akteure angesichts der gegenläufigen Positionen und Interessen sehr konträre Positionen beziehen. Und das ist dann auch das, was gegenwärtig gegenüber den USA zum Ausdruck kommt: Es ist nicht möglich, einen einheitlichen Rahmen zu ziehen. Auch hier operiert das IOC nicht aus einer Position der Stärke, sondern eher aus einer Position des Getriebenen, der den Dingen hinterherläuft.

Glauben Sie, dass das IOC unter Coventry eine erfolgreiche Strategie finden kann?

Die Zielsetzung des IOC muss sein, wieder mehr sportpolitische Kohärenz und Einheitlichkeit zu erzielen. Die internationalen Turbulenzen haben dem organisierten Sport und den internationalen Großereignissen geschadet. Deswegen ist Coventry, die bislang eine relativ vorsichtige und ausgleichende Linie verfolgt, bemüht, mittel- bis langfristig neue Rahmenbedingungen für die Haltung gegenüber Russland und Belarus festzulegen. Es ist aber offenkundig noch nicht klar, wie diese Rahmenbedingungen aussehen können, wie sie umzusetzen sind. Dies nicht zuletzt, weil es sehr kritische westliche NOKs gibt und eben das Gros der anderen NOKs, die es nicht schert, wenn die Russen zurückkommen. Die entscheidende Frage wird sein, wie man es schafft, die Interessen der einflussreichen, aber quantitativ begrenzten westlichen NOKs und deutlich größere Anzahl weiterer NOKs auszubalancieren. Es bedarf geschickter strategischer, sportdiplomatischer Vorbereitung, alles wieder unter ein Dach zu bekommen.

Wie kann ein Weg aussehen, diese Balance herzustellen?

Das ist äußerst schwierig. Wir dürfen nicht vergessen, dass es gerade einmal rund 70 demokratische Staaten, also rund ein Drittel der Staaten der Welt, im Sinne unseres staatsrechtlichen Verständnisses gibt. Die anderen zwei Drittel der Staaten der Welt gelten als autoritäre oder gemischte Systeme mit anderen Vorstellungen und Werten im Hinblick auf Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte oder demokratische Teilhabe. Das müssen wir berücksichtigen. Vor diesem Hintergrund stößt die westliche Boykott-Debatte zur Fußball-WM in den USA in vielen Ländern eher auf Verwunderung. Und das nicht nur in autoritären Regimen, auch in den lateinamerikanischen Demokratien wird diese Debatte eher belächelt. Auch wenn der Sport noch stark vom Westen geprägt ist, müssen wir den internationalen Sport stärker in seiner globalen Dimension betrachten. Daher wird es Aufgabe westlicher Sportdiplomatie sein, mehr Verständnis für die eigenen Positionen aufzubringen als in der Vergangenheit. Neue Allianzen zu schaffen, etwa mit den immer wichtiger werdenden asiatischen Ländern wie China und Indien, aber auch mit OECD-Partnern wie Japan und Südkorea. Die sportpolitischen Prozesse lassen sich nicht von der internationalen Politik trennen. Vielfach spiegeln sie sogar globale Veränderungen wider.

Mit Jürgen Mittag sprach Tobias Nordmann

Quelle: ntv.de

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